Musealisierung als Zivilisationsstrategie

Arbeitsheft zum Symposium „Musealisierung als Zivilisationsstrategie“, das am 24. November 2009 stattfand.

Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Titelseite. Gestaltung: Gertrud Nolte Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 1 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 2 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 3 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 4 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 5 (Inhaltsverzeichnis 1/2) Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 6 (Inhaltsverzeichnis 1/2)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Was ist ein Produzent ohne den urteilsfähigen Konsumenten, was vermag der Arzt ohne einen therapietreuen Patienten, was der Künstlerohne einen verständnisfähigen Betracter und Zuhörer, was richtet der Politiker aus ohne einen kritikfähigen Wähler, was nutzt die Predigt, wenn sie nur auf tumbe-taube Ohren stößt?

Durch Wissen klagend - 

durch Klagen leidend - 

durch Leiden wissend

Agnosce, dole, emenda

Seite im Original: 13

Bazon Brock: Appell zur Zivilisierung der Kulturen durch die Kraft der Musealisierung

Im Jahr 2007 versuchen Parteien, Verbände und Vereine mit besonderem Nachdruck (aus dem Pathos des guten Willens), Kultur als Staatsziel im Grundgesetz (Erweiterung von Artikel 20) zu verankern. Das Zentrum jeder Kultur bilden religiöse, weltanschauliche, ethnische, sprachliche, ja sogar rassische Begründungen für eine sogenannte „kulturelle Identität“. Das Staatsziel Kultur festzuschreiben hieße also, in der Bundesrepublik mindestens drei Dutzend Behauptungen unterschiedlichster kultureller Identitäten zur Entfaltung und Bewahrung zu verhelfen.

Selbst wer vergessen hat, welche Katastrophen die staatlich durchgesetzte „deutsche Kultur“ gegenüber den „undeutschen“ Kulturen in unserer Geschichte bewirkt hat, sollte auf Grund der täglichen Berichte über hunderte von Kulturkriegen weltweit sich verpflichtet fühlen, dem Staatsziel Kultur auf das Entschiedenste entgegenzutreten. Denn die allgegenwärtigen Kulturkriege entstehen gerade aus der rückhaltlosen Durchsetzung der Geltungsansprüche von Kulturen. Kulturen sind durch Kommunikation aufrecht erhaltene Beziehungsgeflechte zwischen Menschen, deren Funktion es ist, verbindliche Erwartungen unter den Beteiligten zu ermöglichen. Wer ein solches Gefüge von Verbindlichkeiten für sich akzeptiert, ist Mitglied einer Kultur.

Im Hinblick auf ihre Leistung, Verbindlichkeit für die zwischenmenschlichen Beziehungen zu garantieren, sind alle Kulturen aller Zeiten strukturell gleichwertig, da sie eben ihren Mitgliedern ermöglichen, die Macht-, Gewalt- und Herrschaftsfragen zu beantworten und die Geister-, Todes- und Verlorenheitsängste zu bewältigen – auf welche Weise auch immer.

Die Zugehörigkeit zu einer Kultur kann man nicht frei wählen. Man wird in sie von Kindesbeinen an eingeführt, weil diese Enkulturation die einzige Möglichkeit für das Kind darstellt, die Mittel des Lebens gewährt zu bekommen. Prägungen durch Sitten und Gebräuche, Nahrungsmittelzubereitung, Sprache, Familienstrukturen oder Erzählungen vom Ursprung der eigenen Gemeinschaft bestimmen das kulturelle Selbstverständnis.

Jeder hält seine eigene kulturelle Prägung für die natürlichste Bestimmung des Menschseins. Auch die immer erneute Konfrontation mit anderen kulturellen Selbstverständnissen, so zeigt die Menschheitsgeschichte, erhöht nur den Anspruch und die Radikalität, mit der man die eigene Kultur gegen alle anderen behauptet. Den sogenannten Kulturrelativismus kann man sich nur leisten, wenn die Lebensressourcen wie Wasser, Territorien, Nahrungsmittel, Reproduktionschancen und die sozialen Bindekräfte durch unverbrüchliche Verbindlichkeiten der religiösen, mythologischen und geschichtlichen Sinnstiftungen wirken können. Das aber ist in unseren Gesellschaften des Zusammenlebens der Angehörigen unterschiedlichster Kulturen bei radikalem Konkurrenzkampf um besagte Ressourcen und kulturelle Geltungsansprüche in gar keinem Falle zu gewährleisten. Selbst Verpflichtungen auf Patriotismus und Nationalismus mit dem Versprechen, alle Zugehörigen dürften sich am Ende für Sieger halten, verlagern bloß die gesellschaftsinternen Kulturkonflikte auf externe Auseinandersetzungen.

Die Angehörigen der unterliegenden Kulturen sehen in der Niederlage noch einen Beweis für die Einzigartigkeit ihres Kulturanspruchs, denn sonst hätte man nicht die Gegnerschaft so vieler anderer auf sich gezogen. Wir können also nicht auf das kulturelle Lernen durch Erfahrung des Scheiterns hoffen. Aber aus diesen gerade auch durch Niederlagen sich selbst bestärkenden Kulturkämpfen führen systematisches Nachdenken und historische Erfahrungen mit dem Konzept der Zivilisierung der Kulturen hinaus.

Zivilisierung meint, jenseits der eigenen Kulturrepräsentation, sich auf die Repräsentation der gesamten Menschheit zu verpflichten. Erste Versuche dazu entwickelte die Diplomatie als Verhaltensnorm, die sich aus keiner spezifischen kulturellen Stiftung von Verbindlichkeit ableiten durfte. Auch der Fernhandel war nur möglich, wenn alle beteiligten Kulturgemeinschaften Regeln akzeptierten, die für alle galten. Schließlich entstanden Künste und Wissenschaften mit der erkämpften Freiheit, die eigene Suche nach brauchbaren Arbeitshypothesen nicht mehr durch kulturell-religiöse Instanzen legitimieren lassen zu müssen. Wer Chemie treibt, kann sich nicht auf chinesische Moleküleigenschaften oder deutsche Bindungskräfte oder jüdische Katalysatoren berufen. Dergleichen Kräfte gelten jenseits aller kulturellen Differenzierung zwischen Chinesen, Deutschen oder Juden. Durch die Entfaltung von Wissenschaften und Künsten entwickelten sich Gesellschaftsverfassungen, Institutionen und Regelwerke der Verfahren und Methoden, um Aussagen über die Welt jenseits ihrer kulturellen Begründung zu überprüfen.

Das Konzept der Rechts- und Sozialstaatlichkeit, der Gewaltenteilung und der Legitimation durch demokratische Verfahren einerseits wie die Etablierung von Universitäten, Laboren, Archiven und schließlich Museen andererseits beruhen auf der Fähigkeit von Wissenschaftlern, Künstlern, Technikern, Kaufleuten, Diplomaten, Distanz zu den Gegenständen ihres Interesses zu entwickeln. Solche Distanzformen erreicht man durch Analysieren, Experimentieren, Mathematisieren, Historisieren und Musealisieren.

Mit Blick auf die tendenziell blutigen Kulturkonflikte ist die Musealisierung der verschiedensten Kulturzeugnisse aller Zeiten und aller Räume die effektivste Form der Zivilisierung. Denn gerade im Museum kann man mit erarbeiteten Kriterien des Unterscheidens die spezifischen Leistungen der Kulturen in aller Ruhe würdigen, ohne die Gefahr, zu einem Bekenntnis der Loyalität mit der einen gegen die andere Kultur gepreßt zu werden. In keiner einzelnen Kultur, auch in den westlichen nicht, wurden die Leistungen anderer Kulturen derart anerkannt, wie in den Museen als Agenturen einer universalen Zivilisation. Wenn Kulturkämpfer vor allem Respekt, ja Anerkennung der Hervorbringungen ihrer kulturellen Gemeinschaft erzwingen wollen, dann wird diesem Verlangen nirgends derart entsprochen wie in den Museen. Deshalb besteht die Hoffnung, durch immer differenziertere und umfassendere Musealisierung aller Kulturen der Welt zur Pazifizierung durch Anerkennung beizutragen und Zivilisierung durch Befähigung zur Verantwortung für die gesamte Menschheit, anstatt bloß für die eigene Kulturgemeinschaft, zu befördern.

Eine der beispielhaften Formen solcher Zivilisierung durch Musealisierung hat der türkische Staatspräsident Kemal Atatürk geboten. Am 24. November 1934 hat er per Dekret den schwelenden Kampf zwischen muslimischen Kulturalisten und westlichen Säkularisten dadurch zu entschärfen versucht, daß er eine der imposantesten und bedeutendsten Moscheen des Islam in ein Museum verwandelte. Die Großartigkeit von Atatürks Leistung wird erfahrbar, sobald man weiß, daß die zum Museum umgewandelte Moschee ursprünglich als Hagia Sophia, von Kaiser Justinian in den 530er Jahren gestiftet, der machtvollste Ausdruck des oströmischen Cäsaropapismus gewesen ist, also eine nahezu singuläre Einheit von weltlicher und geistlicher Herrschaft, von Königreich und Gottesreich in der Berufung auf die christliche Trinität darstellte.

Mit dem Musealisierungsdekret vom 24.11.1934 wurde auch die weltgeschichtliche Einheit der menschlichen Lebensräume am „Bosporus“ programmatisch in Erinnerung gerufen. Denn das historische Byzanz/Konstantinopel ist nach Atatürks Meinung nicht 1453 durch die türkisch-islamische Eroberung vernichtet, sondern an die Gegenwart vermittelt worden. Damit zeigte Atatürk, daß die Musealisierung als Vergegenwärtigung der Vergangenheiten ihr Ziel erreicht: das Bewußtsein des Zusammenhangs von Entstehen und Vergehen der Kulturen, wie Großartiges sie auch immer geleistet haben. Die menschheitsgeschichtliche Bedeutung erhält der Kulturraum „Bosporus“ gerade durch die unmittelbare Gegenwart hethitischer, hellenistischer, byzantinisch-oströmischer und osmanischer Kulturentfaltung. Sich gleichermaßen als Lebender auf alle diese Ausdrucksformen der menschlichen Gemeinschaften anerkennend, dankbar und herausgefordert beziehen zu können, begründet das Selbstbewußtsein eines über seine kulturelle Prägung hinaus zivilisierten Menschen, den wir in Kemal Atatürk ehren.

Memorial-Veranstaltung im Badischen Landesmuseum 2007 unter Beteiligung von Direktor Harald Siebenmorgen, Peter Sloterdijk, Peter Weibel und Bazon Brock; insgesamt bisher fünf Memorialaktionen