Musealisierung als Zivilisationsstrategie

Arbeitsheft zum Symposium „Musealisierung als Zivilisationsstrategie“, das am 24. November 2009 stattfand.

Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Titelseite. Gestaltung: Gertrud Nolte Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 1 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 2 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 3 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 4 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 5 (Inhaltsverzeichnis 1/2) Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 6 (Inhaltsverzeichnis 1/2)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Was ist ein Produzent ohne den urteilsfähigen Konsumenten, was vermag der Arzt ohne einen therapietreuen Patienten, was der Künstlerohne einen verständnisfähigen Betracter und Zuhörer, was richtet der Politiker aus ohne einen kritikfähigen Wähler, was nutzt die Predigt, wenn sie nur auf tumbe-taube Ohren stößt?

Durch Wissen klagend - 

durch Klagen leidend - 

durch Leiden wissend

Agnosce, dole, emenda

Seite im Original: 21

Axel Hinrich Murken: Kunst als Therapie

Die heilenden Aspekte im Werk von Joseph Beuys

„Ich würde sagen: was ich praktiziere, ist ohne weiteres auf die Welt der Medizin zu übertragen“
Joseph Beuys, 1972

Joseph Beuys, der vor zwanzig Jahren am 23. Januar in Düsseldorf starb, war zweifellos einer der bedeutendsten, kreativsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Spätestens seit der umfassenden Retrospektive seiner Kunst im Guggenheim-Museum in New York 1979 wurde das künstlerische Schaffen von Joseph Beuys in aller Welt diskutiert, geschätzt und präsentiert. Die internationale Bewunderung gilt seiner weitgreifenden künstlerischen Konzeption mit ihrem universellen und visionären Charakter, die den Rahmen der bisherigen kunsthistorischen Übereinkünfte in Frage stellen und zugleich in bisher ungeahntem Maße erweitern sollte. Sein gesamtes Denken und Handeln hat darauf hingearbeitet, den Menschen durch die Kunst „freier“ und „bewußter“ zu machen. Daß bedeutet, ihn letztlich zu seiner eigenen Selbstbestimmung zu verhelfen und seine Selbstheilungskräfte zu fördern. Beuys selbst hat es 1972 prägnant formuliert: „Die Kunst ist nach meiner Meinung die einzige evolutionäre Kraft. Das heißt, nur aus der Kreativität des Menschen heraus können sich die Verhältnisse ändern. Und ich glaube, viele Menschen spüren, daß das Menschliche, also dieser menschliche Punkt, in der Kunst am meisten weiterentwickelt werden kann.“

Das Milieu der Heilkunde

Joseph Beuys ist es wie keinem anderen Künstler vor ihm gelungen, außer mythologischen und religiösen Überlieferungen die Traditionen der Heilkunde in seine Ideenwelt mit einzubeziehen. Dieser vielseitige Künstler vermochte es neben seinem reichen zeichnerischen Werk nicht nur mit organischen Stoffen wie Fett, Filz, Wachs, Honig, Heilkräutern und Wolle, sondern auch mit mineralischen und metallischen Elementen wie Schwefel, Kupfer, Silber und Zink in seinen Objekten und Aktionen der modernen Kunst ein ganz neues Gepräge zu geben und eine weitere Dimension zu erschließen. Dabei lassen sich zugleich vielfache Hinweise und Anspielungen auf die Historie der Heilkunde in seinem künstlerischen Werk finden: Traditionsreiche Heilpflanzen wie Beinwell, Huflattich, Kamille, Keuschlamm, Lavendel oder Liebstöckel zitiert er ebenso wie er Tabletten, Tupfer, Blutflecken, Verbandsstreifen, Wundpflaster, Reagenzgläschen, Röntgenplatten und sogar medizinische Lehrbücher in seine Kunstwelt integriert. Es handelt sich um Materialien, die symbolhaft auf Verletzung und Heilung, Vergänglichkeit und Verfall anspielen.

Einheit von Leib und Seele

Sucht man nach den Grundprinzipien im Beuys’schen Werk, so reichen seine intellektuellen Wurzeln weit über die Geschichte der abendländisch-christlichen Religion und Heilkunde bis in die Prähistorie mit ihren intuitiven und atavistischen Verhaltensmustern zurück. Denn vor allem in den irrationalen und religiösen Weltvorstellungen wie etwa im Schamanismus, im Animismus, in der Gnostik oder in der Mystik herrschte letzten Endes ein ganzheitliches Weltkonzept. Die Trennung von Leib und Seele, die die naturwissenschaftliche Medizin mit ihrer Entfaltung seit dem 18. Jahrhundert mit sich gebracht hat, wollte Beuys wieder aufheben. Er betrachtete sie als störend für die freie Entfaltung des Menschen.

Spirituelle Elemente des Heilens

In seinen Zeichnungen der vierziger, fünfziger und sechziger Jahre tritt vor allem ein ausgesprochen prozeßhafter Charakter in Themen wie Geburt, Krankheit, Sterben und Tod zu Tage. In ihnen sind deutlich neben evolutionären Fragen spirituelle Elemente des Heilens und Überwindens von Leid und Tod vorhanden. Diese auch auf die eigene Phantasie des Betrachters zielende Tendenz läßt sich kontinuierlich durch alle Phasen seines künstlerischen Schaffens verfolgen. Wie Friedrich Nietzsche (1844–1900) hat er im Menschen „das kranke Wesen“ gesehen. Allerdings baut er im Gegensatz zu Nietzsche auf der christlichen Heilslehre mit ihrem zentralen Bekenntnis zu den Werken der Barmherzigkeit, zu denen das Beherbergen, Ernähren und Pflegen zählen, sein vielschichtiges Gedankengebäude auf.

In seinen Aktionen und Happenings unterstrich er deutlich, daß durch den Glauben an sich selbst, der leib-seelische Organismus gestärkt werden kann. Das Schlagwort „You are the doctor“, „Der Arzt in uns selber“ wurde durch die psychoanalytischen und psychotherapeutischen Erfolge gestützt. Diese Erfahrungen integriert Beuys in sein Werk. Bewußt hat Beuys als Künstler bei seiner Sinnsuche immer dann die kunsthistorischen Konventionen vernachlässigt, wenn sie der Lebendigkeit seines Schöpfertums entgegenstanden. Ihm ging es besonders darum, alte Rituale und Traditionen, magische Vorstellungen und christliche Mystik zu überprüfen, zu aktualisieren, mit Leben zu füllen und neu zu formulieren, um den Menschen zu einem „freien Wesen“ zu machen, das sich selbst bestimmt. Schließlich ging es ihm um das „Lebensprinzip als Sache, als lebendigen Stoff“. Diese Konzeption zielte fast selbstverständlich darauf, den Menschen und die mit ihm verbundene Natur ins Zentrum seines Schaffens zu stellen.
Es liegt nahe, daß Beuys im Rahmen seiner idealistischen Intentionen, wie dies schon bei den Malern und Dichtern der Romantik der Fall gewesen ist, neben der Naturphilosophie auch die Heilkunde interessieren mußte. Denn sie ist anthropozentrisch wie keine andere Wissenschaft und begleitet den Menschen seit der Steinzeit in allen entwicklungsgeschichtlichen Phasen von der Prähistorie mit ihren Schamanenkulten über das Mittelalter mit seinen christlichen Heilslehren und der Renaissance, die die Heilkunde zur Naturwissenschaft entwickelt hat, bis hin zur Medizin der Gegenwart.
Es war für Beuys selbstverständlich, daß es zwischen Schulmedizin und Naturheilverfahren keine Kluft und keine Gegensätze gibt. So hat es für Joseph Beuys nahegelegen, sich auch mit den medizinischen Außenseitermethoden wie etwa mit der Heilkräuterlehre der Mystikerin Hildegard von Bingen, der Suggestionstherapie Frank Anton Mesmers und mit der similia similibus curentur-Lehre Samuel Hahnemanns auseinanderzusetzen.

Sucht man nach den Voraussetzungen für das Schaffen von Joseph Beuys, so scheint der Künstler früh, folgt man den Zeitzeugen und seinen Biographen, über ein ausgeprägtes, anthropologisches Verständnis und über ein intuitives Erfassen des menschlichen Daseins verfügt zuhaben. Aufgewachsen in der weiten, bäuerlich strukturierten Landschaft des Niederrheins muß ihm der rhythmische Kreislauf einer sich ständig verändernden und erneuernden Fauna und Flora von Kindheit an vertraut gewesen sein. Die Dynamik der Natur mit ihren chemischen und physikalischen Grundlagen und ihrem physiologischen „Stirb und Werde“ findet in seinem Werk, das das Abgeschlossene meidet, dafür aber um so mehr die Prozeßhaftigkeit sowie die Wandelbarkeit betont, ihre Parallelen. Aber auch seine Beschäftigung mit Außenseitermethoden führte bei Beuys zu einem komplementär-medizinischen Denken.