Musealisierung als Zivilisationsstrategie

Arbeitsheft zum Symposium „Musealisierung als Zivilisationsstrategie“, das am 24. November 2009 stattfand.

Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Titelseite. Gestaltung: Gertrud Nolte Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 1 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 2 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 3 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 4 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 5 (Inhaltsverzeichnis 1/2) Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 6 (Inhaltsverzeichnis 1/2)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Was ist ein Produzent ohne den urteilsfähigen Konsumenten, was vermag der Arzt ohne einen therapietreuen Patienten, was der Künstlerohne einen verständnisfähigen Betracter und Zuhörer, was richtet der Politiker aus ohne einen kritikfähigen Wähler, was nutzt die Predigt, wenn sie nur auf tumbe-taube Ohren stößt?

Durch Wissen klagend - 

durch Klagen leidend - 

durch Leiden wissend

Agnosce, dole, emenda

Seite im Original: 25

Bazon Brock: Besucherschule

60 Jahre Garantie der Freiheit von Kunst und Wissenschaft, GG, Artikel 5, Absatz 3

Professionalisierung der Betrachter

Wir bilden Künstler aus in ehrenwerten Akademien und Hochschulen. Sie lernen, studieren und arbeiten jahrelang, bevor sie an die Öffentlichkeit treten. James Joyce schrieb zehn Jahre lang an seinem Roman „Ulysses“, Michelangelo quälte sich Jahrzehnte mit dem Auftrag zur Grabgestaltung für Papst Julius II. ab, Richard Wagner realisierte sein staunenswertes Werkkonzept systematisch und nach Plan zwischen 1849 und 1882 – 33 Jahre konsequente Anstrengung!

Gegen manchen Anschein arbeiten auch die Künstler der Moderne mit den ausgeklügelsten Verfahren und nach raffinierten Konzepten jahrelang an ihren, wie man sagt, höchst anspruchsvollen Werken. Wieso glaubt man in wenigen Minuten Blickkontakt, in einer einzigen Theateraufführung und beim bemühtesten, aber nur stundenweisen Lesen vielschichtigster Texte den Anforderungen der Werke gewachsen sein zu können? Wo lernen wir als Publikum, dem Komponistenwerk, der Skulptur oder Malerei, dem Epos gerecht zu werden? Längst ist es an der Zeit, das Publikum genauso zu professionalisieren, wie wir das bisher an den Kunsthochschulen aller Sparten den Künstlern abverlangten!

Wo Künstler Lehrjahre, Diplome und Staatsexamen ablegen, haben die Zuschauer, die Zuhörer, die Betrachter ihrer Werke wohl ähnliche Fähigkeiten auszubilden. Wo lernt man Diplom-Rezipient zu werden?

Bis auf weiteres leider nur ansatzweise in Besucherschulen, wie sie Bazon Brock in den 60er Jahren entwickelte und für diverse Institutionen, darunter die documenta 4, 5, 6, 7, 8 und 9, anbot. Er widerspricht ausdrücklich der frivolen, leider heute weit verbreiteten Auffassung, Elend, Rechtlosigkeit, Chaos, Radikalismus beförderten die Kreativität, die existentielle Tiefendimension und die Gestaltungskraft aus Widerstand.

Beispielgeber im Beispiellosen

Wer eine Ausstellung besucht, kann die Leistung der Ausstellungsmacher nur beurteilen, wenn er weiß, welche Wahlmöglichkeiten die Kuratoren überhaupt hatten. Jede Ausstellung müßte dem zu Folge in zweierlei Gestalt geboten werden:

Zum einen als Auswahl des zu Zeigenden, zum anderen als Bestand des nicht zu Zeigenden, aus dem aber ausgewählt wurde. Leider kann sich kein Veranstalter auf die logische Notwendigkeit, zu zeigen, was nicht gezeigt werden soll, einlassen. Auch bleibt vielen unverständlich, worin der Unterschied zwischen dem Zeigen des nicht zu Zeigenden und dem Zeigen des tatsächlich Gezeigten bestünde. Die Auflösung dieses Rätsels delegiert man kostengünstig an die Besucherschule.
In ihr gibt ein kundiger Zeitgenosse ein Beispiel dafür, wie man mit den angedeuteten Schwierigkeiten umgeht. Er ist kein Vorbild, sondern ein Beispielgeber. Wir lernen alle am Beispiel. Die Methode des Lernens ist das Üben. Zu Üben heißt nachzuahmen, bis man selber für andere zum Beispielgeber wird. Doch Beispiel wofür?

Beispielsweise für die Bearbeitung der Frage, wie Gesellschaften vom Künstler als Autorität durch Autorschaft profitieren: Was besagt das Prinzip der Individualisierung und Autonomiebehauptung der Künstler für die Nicht-Künstler, die sich aber nach deren Beispiel selbst verwirklichen wollen? Wie entwickelt man einen Biographieentwurf für Werkschaffen und Person? Wie befreit man sich aus der zerstörerischen, aber offensichtlich verführerischen Rolle, ein bloßes Opfer der Wirtschaft, der Politik, des Zeitgeistes zu sein? In welchem Verhältnis stehen die Künste zur Politik, Ökonomie und zum geltenden Recht?

Ein Gedanke umfaßt alle Brock’schen Würdigungen des Geltungsanspruchs von Grundgesetz-Artikel 5,3: Wo jeder Hanswurst mit ein paar Kilo Dynamit in jeder Großstadt beliebig den Ausnahmezustand durch Gewaltausübung herbeiführen kann, wo inzwischen weltweit der Ausnahmezustand zum Normalfall wurde, gilt es endlich anzuerkennen, daß heute nur noch derjenige als Souverän akzeptiert werden kann, der den Normalfall der Ereignislosigkeit, der Nicht-Gewalt und des durcschnittlichen Gangs der Dinge gewährleistet. Das eben war die großartige, weltgeschichtlich sehr seltene Leistung der Bundesrepublikaner unter dem Schutzschirm des Grundgesetzes.