Musealisierung als Zivilisationsstrategie

Arbeitsheft zum Symposium „Musealisierung als Zivilisationsstrategie“, das am 24. November 2009 stattfand.

Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Titelseite. Gestaltung: Gertrud Nolte Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 1 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 2 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 3 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 4 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 5 (Inhaltsverzeichnis 1/2) Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 6 (Inhaltsverzeichnis 1/2)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Was ist ein Produzent ohne den urteilsfähigen Konsumenten, was vermag der Arzt ohne einen therapietreuen Patienten, was der Künstlerohne einen verständnisfähigen Betracter und Zuhörer, was richtet der Politiker aus ohne einen kritikfähigen Wähler, was nutzt die Predigt, wenn sie nur auf tumbe-taube Ohren stößt?

Durch Wissen klagend - 

durch Klagen leidend - 

durch Leiden wissend

Agnosce, dole, emenda

Seite im Original: 51

Wolfgang Ullrich: Für mehr konsumbürgerliches Bewußtsein!

Zu den typischen Merkmalen der modernen Konsumgesellschaft gehört es, daß von nahezu jedem Produkttyp viele Varianten existieren. Diese unterscheiden sich weniger in ihrem Gebrauchs- als vielmehr in ihrem Fiktionswert: Sie bedienen jeweils andere emotionale Bedürfnisse, erzählen andere Geschichten, bieten andere Deutungen. Eine Tätigkeit oder Situation kann durch sie spezifisch erfahren oder auch ritualisiert werden. So macht z.B. eine elektrische Pfeffermühle das Würzen zu einem technoiden Präzisionsakt, während eine manuell zu bedienende es in eine Handreichung verwandelt; ist sie zudem aus Holz, wird diese zum Handwerk. Und ist sie sechzig, gar achtzig Zentimeter groß, dann gerät das Pfeffern sogar zur zelebrierten Arbeit, mit der eine Speise vor den Augen des Essenden vollendet und damit eigens gewürdigt wird. Mit einem Pfefferstreuer hingegen schüttelt man das Gewürz lediglich über dem Essen aus, so als ginge es darum, einen Mangel ungeduldig – etwas unwillig – zu kompensieren.

Die Vielfalt an Produktvarianten erlaubt somit eine Vielfalt an Umgangsweisen und Gestaltungen selbst alltäglichster Vorgänge. Diese lassen sich verleugnen, umdeuten, überhöhen oder mit bestimmten Gefühlen assoziieren. Doch handelt es sich dabei nicht nur um einen Scheinpluralismus? Um den mehr oder weniger verzweifelten Versuch der Hersteller, sich interessant zu machen und noch mehr zu versprechen als die Konkurrenz? Um einen Versuch, der letztlich in Chaos endet, in schwer erträglichem Überfluß mündet, auf völlige Banalität hinausläuft?

Anstatt zu schätzen, jeweils zwischen verschiedenen Deutungen einer Situation wählen zu können und diese so immer wieder anders zu erfahren, finden es viele Menschen – und vor allem konsumkritisch eingestellte Verbraucher – lästig, sich mit den einzelnen Varianten beschäftigen zu müssen, um eine Entscheidung treffen zu können. Es fällt ihnen schwer, darin eine Kulturtechnik zu sehen, die Wahl der jeweils richtigen Pfeffermühle also genauso als Ausweis von Urteilskraft anzuerkennen wie die Entscheidung für andere Artefakte, bei denen es vor allem um Fiktionswerte geht, also etwa bei der Entscheidung für einen Kinofilm oder für die Lektüre eines bestimmten Buchs. Doch ist es nicht so: Wie sich jemand, der wenig liest, in einer Bibliothek rasch überfordert fühlt und darüber mokiert, ja es als abstrus empfindet, daß so viel geschrieben wird, so geht es Konsumkritikern in Haushaltswarengeschäften oder Drogeriemärkten? Verleitet sie also nicht nur ungenügende Ausbildung in einer Kulturtechnik – der des Umgangs mit dem ja noch relativ neuen Warenpluralismus – zu einer abwehrend-aggressiven, oft auch ressentimentgeladenen ideologischen Haltung? Bedarf es also nicht eigens und besser ausgebildeter Konsumenten, um sich von ideologischen Formen der Konsumkritik zu befreien?

Tatsächlich kommt gegenüber dem Konsumismus heutzutage derselbe Affekt zur Geltung, der jahrhundertelang gerade die Literatur, aber auch andere Formen von Hochkultur traf. Wenn viele Menschen und vor allem gute Christen allen Büchern mißtrauten, nur weil sie nicht die eine Bibel waren, ja wenn sie lange nicht einsehen wollten, warum jedes Jahr neue Bücher erscheinen – neue Fiktionen erdacht werden – müssen, dann erinnert das an die heutigen Vorbehalte von Konsumkritikern gegenüber der Vielfalt an immer wieder neu inszenierten Pfeffermühlen, Parfums und Mineralwässern.(1)

Im Jahr 1698 veröffentlichte der Schweizer Theologe Gotthard Heidegger, Repräsentant der reformierten Kirche, einen Traktat, in dem er sich insbesondere mit der Romanliteratur auseinandersetzte, damals noch eine relativ junge, aber boomende Branche. Für ihn jedoch waren die Romane „ein Heydnische Erfindung und in der stockdicken Finsternuß der Abgötterey entsprungen“. Sie waren also eines Christen unwürdig, der doch mit der Heiligen Schrift bereits das Buch habe, das
„den Menschen perfectionieren kann“. Gerade aber weil die Romane nur
„Gauckeleyen“ seien, gebe es so viele davon – und immer wieder neue. Sie seien, so Heidegger weiter, „ein ohnendlich Meer worden“. Ferner hält er der Romanliteratur vor, sie versetze das Gemüt des Lesers mit ihren „freyen Vorstellungen / feurigen Außdruckungen / und andren bunden Händeln in Sehnen / Unruh / Lüsternheit und Brunst“, ja sie bringe „den Menschen in ein Schwitzbad der Passionen“.(2)

Bei einem Konsumkritiker wie etwa dem Marxisten Wolfgang Fritz Haug stößt man auf den analogen Vorwurf, die Warenästhetik würde „allgemein lüstern [...] machen“, ja die Hersteller erzeugten eine „Triebunruhe“.(3) Und ist Heidegger der Überzeugung, daß allein die Bibel als göttliche Offenbarung Wahrheiten vermittle, weshalb gelte
„Wer Romans list/ der list Lügen“ , so schreibt Haug, Waren seien nur „Schein, auf den man hereinfällt“.(4) Beide zeichnen ihr Feindbild, indem sie Fiktion auf Lüge reduzieren. Während Heidegger und andere Romankritiker alles, was nicht göttliche Offenbarung ist, nur als defiziente Form, eine Romanhandlung also im Unterschied zu einer biblischen Geschichte nur als Lüge abtun können, ist für Haug und andere Konsumkritiker alles, was als Ware gehandelt und daher vom Verkäufer möglichst attraktiv inszeniert wird, von vornherein ein Produkt der Täuschung. Daß diese als Form von Illusionismus, ja als Fiktion für den Käufer eigenen Wert haben könnte, kommt ihnen ebenso wenig in den Sinn wie den Romankritikern die Idee, daß sich auch eine gut erfundene Geschichte mit Gewinn lesen läßt.

Die Reduktion von Fiktion auf Lüge findet aber sogar noch viel länger statt als seit der Romankritik des 17. Jahrhunderts. Sie wird bereits von Platon betrieben, der die Dichter und Künstler aus seinem idealen Staat ausschließen wollte, weil ihre Werke „in großer Ferne von der Wahrheit“ seien. Ihn störte, daß sie dieselben Phänomene immer wieder anders in Szene setzen, also etwas willkürlich als groß oder klein, schön oder häßlich, wichtig oder unwichtig präsentieren und insofern einem Pluralismus huldigen. Damit verlören die Rezipienten alle Maßstäbe und gerieten schließlich in eine „gereizte und wankelmütige Gemütsstimmung“. Ein Dichter oder Künstler verbündet sich, so Platon, „mit dem Unvernünftigen in uns zu nichts Gesundem und Wahrem“; er
„schmeichelt“ ihm und verdirbt gute Naturen. Damit ist ebenfalls der Befürchtung Raum gegeben, das Fiktionale sorge für gefährliche Emotionen – für ein „Schwitzbad der Passionen“ und „Triebunruhe“. Platon warnte davor, daß ein Dichter und Künstler das Triebhafte „nährt und begießt, das doch ausgetrocknet werden sollte“.(5) Aber auch er hat ein klares Gegenbild. Nicht Gott (wie bei Heidegger), nicht der Kommunismus (wie bei Haug), sondern die Philosophen sind für ihn Garanten der Wahrheit – und damit über Täuschung wie über bloße Emotionalisierung erhaben.

Die Fiktionen eines Malers oder – später – Romanciers oder – noch später – Produktdesigners, Werbegraphikers oder Marketingmanagers werden also jeweils diskreditiert, indem man ihnen nur Willkür und Maßlosigkeit unterstellt. Statt darin auch eine Quelle für Ansporn und Ideale zu erkennen, befürchtet man ausschließlich Täuschung; jegliche Überhöhung oder Übertreibung gerät zum moralischen Problem. Die Gleichsetzung von Fiktion und Lüge, ja die mangelnde Differenzierung zwischen ästhetischem und epistemischem Schein verhindert von vornherein, andere Dimensionen von Kunst oder Konsum anzuerkennen. Inwieweit das Fiktionale vielleicht auch spielerische, distanzierende, reflektierende, emanzipatorische, stimulierende, kompensatorische und heilsame Wirkungen besitzt, wird gar nicht erst diskutiert.

So einig man sich heutzutage jedoch darüber ist, daß Platon polemisch agierte, als er Fiktion und Lüge in der Kunst gleichsetzte, und so sehr es auch längst Konsens ist, Romane als Form der Hochkultur vor christlich-monotheistischen Argumenten im Stil Heideggers in Schutz zu nehmen und dafür die Kraft der Phantasie zu feiern, so selbstverständlich wiederholen Kritiker Vokabeln wie „Lüge“, „Täuschung“, „Verblendung“, „Manipulation“, aber auch „Ersatzreligion“ und „Fetisch“, sobald es um Konsumprodukte geht. Da aber die Vorwürfe, die gegen den Konsumismus vorgebracht werden, auf der Tradition polemischer Gleichsetzung von Fiktion und Lüge beruhen, würde es nicht wundern, wenn das künftig einmal ähnlich große Ablehnung hervorriefe wie heute der einstige Kampf gegen die Romanliteratur.

Wie die Menschen erst zu Lesern erzogen werden mußten und sich den Status von Bildungsbürgern erst zu erarbeiten hatten, so ist es eine zentrale Aufgabe heutiger Bildungsinstitutionen, die Menschen zu Konsumbürgern zu erziehen. Sie müssen in die Lage versetzt werden, die Fiktionen der Produkte angemessen zu beurteilen – und können auch nur auf diese Weise anspruchsvoller werden. Statt sich dann weiterhin mit billigen Plots und primitiven Narrationen abspeisen zu lassen, die allein aus Ergebnissen der Marktforschung generiert und insofern tautologisch sind, könnten sie Druck ausüben und bessere Produkte einfordern. Diese wären dann als Medien mit qualitätsvollen Inhalten zu begreifen. So wie die Romane auch erst besser wurden, als es gebildete Leser gab, würden die Produkte niveauvoller, wenn die ideologisch-pauschale Konsumkritik durch eine Art der Kritik abgelöst würde, bei der die Fiktionswerte der Waren einzeln auf den Prüfstand kämen. Denn es gilt: Die Produkte sind nur so schlecht, wie die Konsumenten es zulassen.

Literaturangaben:

1 Gotthard Heidegger, Mythoscopia Romantica oder Discours von den Romanen. Zürich 1698, repr. Bad Homburg 1969.
2 Wolfgang Fritz Haug: Kritik der Warenästhetik. Frankfurt a. M. 1971.
3 Ebd. (Anm. 1).
4 Ebd. (Anm. 2).
5 Platon: Politeia (ca. 387 v. Chr.), 603a–606d.