Musealisierung als Zivilisationsstrategie

Arbeitsheft zum Symposium „Musealisierung als Zivilisationsstrategie“, das am 24. November 2009 stattfand.

Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Titelseite. Gestaltung: Gertrud Nolte Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 1 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 2 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 3 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 4 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 5 (Inhaltsverzeichnis 1/2) Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 6 (Inhaltsverzeichnis 1/2)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Was ist ein Produzent ohne den urteilsfähigen Konsumenten, was vermag der Arzt ohne einen therapietreuen Patienten, was der Künstlerohne einen verständnisfähigen Betracter und Zuhörer, was richtet der Politiker aus ohne einen kritikfähigen Wähler, was nutzt die Predigt, wenn sie nur auf tumbe-taube Ohren stößt?

Durch Wissen klagend - 

durch Klagen leidend - 

durch Leiden wissend

Agnosce, dole, emenda

Seite im Original: 58

Patrick Bahners: Eckenhausen als Exempel

Der Humboldt von Entenhausen heißt Püstele. Seinen Vornamen kennen wir nicht, nur seinen Titel: Professor. Wir kennen auch nicht das Fach, das er vertrat. In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts unternahm er eine Forschungsexpedition in den Anden. Er starb auf der Rückreise, noch im Hochland, an Entkräftung, und soll zuletzt nicht mehr Herr seines Verstandes gewesen sein. Nur einen winzigen Rest seiner mutmaßlich umfangreichen Sammlungen andenvölkerkundlich interessanter Objekte hatte er bei seinem Tod noch bei sich; das Konvolut gelangte über einen katholischen Priester an das Museum in Entenhausen. Es enthielt ausschließlich kleine graue Würfel, die im Museum der peruanischen Steinsammlung zugewiesen wurden.

Diese Sammlung enthält sowohl naturbelassene als auch zugeschnittene Steine, darunter auch kleine Steinplastiken, Masken mit unbekannter kultischer Bedeutung. Die Einheit von Natur- und Kulturgeschichte im Museum der amerikanischen Großstadt verweist wohl nicht auf einen Import fürstlich-europäischer Kunstkammerkonzepte. Keine kosmische Ordnung wird in all ihren Doppelseitigkeiten veranschaulicht; diese Sammlung stellt sich als Anhäufung von Dingen dar, die gleichsam demokratisch behandelt werden. Forschung an Püsteles Nachlaß fand nicht statt. Die Akten der Steinsammlung gingen bei einem Umzug verloren; der Inhalt der peruanischen Vitrine wurde sechzig Jahre lang nicht abgestaubt. So wurde erst ein Jahrhundert nach Püsteles Tod zufällig entdeckt, daß es sich bei den Würfeln nicht um Steine handelte, sondern um Eier. Über die Expedition auf Püsteles Spuren, die daraufhin die Entenhausener Akademie der Wissenschaften mit Unterstützung der Lebensmittelindustrie ausrüstete, berichtete der amerikanische Comiczeichner Carl Barks 1949 in einem Donald-Duck-Heft, Nr. 223 der Reihe „Four Color Comics“. Die deutsche Übersetzung von Dr. Erika Fuchs erschien 1963 in der „Micky Maus“. Als kommissarischer Leiter der Expedition, deren promovierte und habilitierte Teilnehmer nach dem Genuß eines aus den antiken Eiern zubereiteten Omeletts den Wissenshunger verloren hatten, entdeckte Donald Duck wie vor ihm Püstele im Jahr 1863 im ewigen Nebel des höchsten Hochlandes die Stadt, deren Bewohner sich von den würfelförmigen Eiern ernähren. Alles hat in der Stadt der Eiersammler Würfelform: die Häuser, darunter gewaltige öffentliche Gebäude für republikanische Zeremonien unter Beteiligung des ganzen Volkes, das Mobiliar, selbst der Kopfschmuck des Stadtchefs. Püstele hatte dem Ort seines Exils, das fünf Jahre dauerte, zu Ehren seiner Heimatstadt den Namen Eckenhausen verliehen. Auch in der Fremde waltete der Professor seines Amtes. Er hielt Biologievorlesungen für Anfänger und führte seine Hörer in die Rituale der akademischen Höflichkeit ein – ein Kulturmissionar mit nachhaltigem Erfolg. Als ein Säkulum ins Hochland gegangen war, empfingen die Eckenhausener die nächsten Besucher mit Studentenliedern wie „O alte Burschenherrlichkeit“: mutatio rerum – nulla.

Püstele hat in Eckenhausen wahrscheinlich auch das Institut gestiftet, dessen Entenhausener Pendant zu seiner Zeit wohl noch ein Mekka der Forschung war: das Museum. Nur zwei Objekte der Eckenhausener Sammlung sind uns bekannt. Es mag sogar sein, daß dieses Inventar vollständig ist. Der Kontrast zum Entenhausener Präsentationsprinzip der Überfülle fällt sogleich ins Auge. In Eckenhausen liegen die Exponate ohne Glassturz auf einem doppelten würfelförmigen Sockel vor weißer Wand in einem fast leeren Raum. Diese Konzentration auf das einzelne Ausstellungsstück ist keine ästhetische Entscheidung im Sinne einer Rückgewinnung der Aura des Dings, sondern spiegelt die einfache Struktur der Eckenhausener Gesellschaft. Im Eingangsbereich trifft der Besucher auf ein Objekt, das als „Ei 1000 V.P.P.B.“ ausgewiesen wird, also angeblich aus dem Jahr 1000 vor Professor Püsteles Besuch stammt, dem Jahr 863 nach Christus. Warum dieses Ei im Museum verwahrt wird, liegt auf der Hand. Es hat seine Funktion verloren, hat keine Zukunft mehr als Rühr- oder Spiegelei beim Staatsbankett oder in der Imbisstube. Sein Verzehr wäre zu riskant, wie sich a fortiori aus dem Experiment der Entenhausener Professoren mit den schon nach hundert Jahren ungenießbaren Exemplaren aus der Zeit von Professor Püsteles Besuch ergibt.

Das andere Exponat wird in der Beischrift vorgestellt als „Unbekanntes Objekt, gestiftet von Professor Püstele“. Die Entenhausener Besucher können die Legende auf Anhieb vervollständigen. Messing, kreisrund: ein Kompaß. Püsteles Stiftung ist der einzige runde Gegenstand in ganz Eckenhausen. Während das angeblich tausend Jahre alte Ei vielleicht das Erbstück einer Familie von uraltem Sammleradel ist oder den Stammgästen der Imbisstube als Kuriosum vorgeführt wurde, kann der Kompaß nirgendwo als im Museum aufbewahrt werden. Die Kompaßnadel zielt wie ein Pfeil auf das Herz der Stadträson. Es gibt nur ein einziges Gesetz in dieser glücklichen Polis. Es bedroht denjenigen mit Strafe, der etwas Rundes hervorbringt.

Ein Museum ist ein kultureller Tiefkühlschrank: Sein Inhalt wird erhalten und nicht gebraucht. Püsteles Kompaß ist ein besonders tückisches Objekt. Würde er in Gebrauch genommen, könnte er das Eis zum Schmelzen bringen, das ihn bislang konserviert hat. Das Tabu des Runden schützt die Geschlossenheit der Gesellschaft. Die Musealisierung des Kompasses schiebt die Entdeckung der Welt hinaus. Das Museum ist nicht etwa ein Tempel, in dem Kultobjekte dem Volk zur Verehrung vorgehalten werden. Die Dinge, die das Publikum sieht, kommen aus einer anderen Welt. Sie stellen Werte dar, die außerhalb der Museumsmauern nichts mehr gelten. Ein vernunftgläubiges Volk zeigt im Museum Kreuze, eine Republik Kronen und Eckenhausen einen Kreis.

In Entenhausen ist die Kenntnis des Kompasses das Minimum des Orientierungswissens im wörtlichen Sinne, dessen Vermittlung von der Schule erwartet wird. Püstele hat den Eckenhausenern offenkundig nicht verraten, wodurch der „geheimnisvolle Gang der Magnetnadel“ (Humboldt) bedingt wird. Oft werden sie ihren Gast mit dem schimmernden kleinen Gehäuse in der Hand gesehen haben. Der magnetische Äquator schneidet die peruanische Andenkette; möglicherweise hatte Püsteles Reise sogar den Zweck, die berühmte Versuchsreihe zu wiederholen, mit der Humboldt sich fünf Jahre lang „unter den Beschwerden des Tropenklimas und gewagter Gebirgsreisen beschäftigt“ hatte. Püstele wußte, daß es um die Selbstgenügsamkeit der Würfelstädter geschehen sein würde, wüßten sie nur, wo ihr Land auf dem Globus zu finden ist. Wie die Christenheit in ewige Unruhe versetzt wurde, als Kopernikus ihr zeigte, daß die Sonne nicht um die Erde kreist, so würden die Eckenhausener im Universum plötzlich anecken, müßten sie lernen, daß die rechtwinklige Ordnung nicht die einzig richtige sein kann, weil die ganze Erde rund ist.

Wenn Püstele die Aufklärung nicht erzwingen wollte, so war es andererseits mit den Amtspflichten eines Professors nicht vereinbar, das Publikum für alle Zeit im Dunkeln zu lassen. Man wird in Püstele einen Leser Herders vermuten, der die Aufklärung dialektisch verstand: als Eingang in die selbstverschuldete Mündigkeit. Daher hat der Entenhausener den Eckenhausenern den Kompaß hinterlassen, aber keine Bedienungsanleitung. Und daher gibt es im Museum von Eckenhausen keine Museumsdidaktik. Knappe, sehr gut lesbare Beschriftungen. Aber keine Vorträge über den Magnetismus, keine kritische Kunstinstallation zur unchristlichen Seefahrt und kein Workshop Grenzüberschreitung. Jeder Museumsbesucher kann ein Humboldt oder Püstele werden. Doch entdecken kann man nur, worauf man nicht gestoßen wird.