Musealisierung als Zivilisationsstrategie

Arbeitsheft zum Symposium „Musealisierung als Zivilisationsstrategie“, das am 24. November 2009 stattfand.

Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Titelseite. Gestaltung: Gertrud Nolte Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 1 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 2 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 3 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 4 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 5 (Inhaltsverzeichnis 1/2) Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 6 (Inhaltsverzeichnis 1/2)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Was ist ein Produzent ohne den urteilsfähigen Konsumenten, was vermag der Arzt ohne einen therapietreuen Patienten, was der Künstlerohne einen verständnisfähigen Betracter und Zuhörer, was richtet der Politiker aus ohne einen kritikfähigen Wähler, was nutzt die Predigt, wenn sie nur auf tumbe-taube Ohren stößt?

Durch Wissen klagend - 

durch Klagen leidend - 

durch Leiden wissend

Agnosce, dole, emenda

Seite im Original: 49

Peter Weibel: User Art _ Nutzerkunst

Im 19. Jahrhundert ist das 20. Jahrhundert imaginiert worden als Technologie der Mobilisierung und Personalisierung. Mit PC und Handy etc. sind diese Phantasien eingetreten. Die Geschichte der Betrachter von Kunst und der Besucher von Museen hat im 20. Jahrhundert neue Akzente erhalten. Nach 1945 hat in der Neuen Musik und in der bildenden Kunst die Partizipation des Publikums als Teil des Kunstwerkes eingesetzt. Die Medienkunst hat die Teilnahme des Betrachters am Entstehen des Kunstwerkes als Interaktivität zwischen Betrachter und Kunstwerk, im Sinne einer wechselseitigen Beeinflussung, etabliert. Im 21. Jahrhundert erzeugt nun der Betrachter durch die Möglichkeiten des Internets auch die Inhalte der Kunstwerke, die untereinander ausgetauscht und im Netz frei verteilt werden können. Der Betrachter wird zum Nutzer/User.

Der Akzeptanz des Betrachters als Handelndem ging seine Aufwertung als reflektierendes und kreatives Subjekt voraus: „Alles in allem“, formulierte Duchamp 1957, „wird der kreative Akt nicht vom Künstler allein vollzogen; der Zuschauer bringt das Werk in Kontakt mit der äußeren Welt, indem er dessen innere Qualifikationen entziffert und interpretiert und damit seinen Beitrag zum kreativen Akt hinzufügt." (Marcel Duchamp, The Creative Act., 1957) 

Mit partizipatorischen Praktiken verwandelten unterschiedliche Kunstbewegungen den Betrachter in einen Benutzer, der sich an der Konstruktion des Kunstwerkes, an dessen Gestalt, Inhalt und Verhalten aktiv beteiligt. Diese Hinwendung zum Rezipienten hat sich durch die technischen Aufzeichnungs- und Übertragungsmedien – Fotografie, Fernsehen, Video, Computer und Internet – radikalisiert.

Die Kunstwelt hat eine Veränderung des Konsumentenverhaltens seit 1960 antizipiert und vorbereitet. Die Kreativität wird vom Künstler an den Betrachter weitergegeben. Er überläßt ihm das Gesetz des Handelns. Interaktive Kunstwerke existieren nicht mehr autonom, sondern nur durch die Nutzung des Rezipienten, des Users. Das Feld der Akteure hat sich erweitert: Mit dem Konsumenten als Aktivisten wird Kreativität und Innovation demokratisiert. „User Innovation“ und „Consumer Generated Content“ beeinflussen nicht nur die Welt der Massenmedien, sondern auch die Welt der Kunst. Die Informations- und Kommunikationstechnologien öffnen die Tore zu einem Jahrhundert des emanzipierten Konsumenten bzw. Betrachters, der auch in der Kunstwelt dominieren wird.