Musealisierung als Zivilisationsstrategie

Arbeitsheft zum Symposium „Musealisierung als Zivilisationsstrategie“, das am 24. November 2009 stattfand.

Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Titelseite. Gestaltung: Gertrud Nolte Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 1 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 2 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 3 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 4 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 5 (Inhaltsverzeichnis 1/2) Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 6 (Inhaltsverzeichnis 1/2)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Was ist ein Produzent ohne den urteilsfähigen Konsumenten, was vermag der Arzt ohne einen therapietreuen Patienten, was der Künstlerohne einen verständnisfähigen Betracter und Zuhörer, was richtet der Politiker aus ohne einen kritikfähigen Wähler, was nutzt die Predigt, wenn sie nur auf tumbe-taube Ohren stößt?

Durch Wissen klagend - 

durch Klagen leidend - 

durch Leiden wissend

Agnosce, dole, emenda

Seite im Original: 77

Hermann Lübbe: Der Fortschritt und die Musealisierung

Wieso Nietzsche Unrecht behalten hat

Friedrich Nietzsche fand, wir litten alle „an einem verzehrenden historischen Fieber“. Die „Gesundheit“ der modernen Kultur sei bedrohlich „durch Historie gestört“.
In der Tat ist die Intensität unserer Interessen an der Vergegenwärtigung der Vergangenheit historisch beispiellos. Das ist keine rhetorische Übertreibung, vielmehr ein kultursoziologisch gut vermessenes Faktum. Die Zahl alljährlicher Museumsbesucher überbietet in den hochentwickelten Ländern Europas inzwischen die Zahl der Einwohner dieser Länder. Von der bis 1950 errichteten Baumasse unserer Altstädte dürften inzwischen mehr als zehn Prozent als denkmalswert gelten. Popularhistoriographie liegt in Bahnhofskiosken aus. Auf den Antiquitätenmärkten herrscht Dauerkonjunktur. Die Jahresberichte der Historischen Vereine repräsentieren in ihrer Abfolge Erfolgsgeschichten. Die Menge der öffentlichen und privaten Jubiläums- und Gedenkveranstaltungen wächst kontinuierlich.

Wären wir darüber, wie Nietzsche annahm, zukunftsflüchtig geworden? Das genaue Gegenteil ist der Fall. Just der Fortschritt ist es doch, der die Gegenwart der Vergangenheit aufdringlicher werden läßt. Zur Neuerungsrate verhält sich die Alterungsrate genau komplementär. Je entschlossener die Avantgarde marschiert, umso rascher überholt sie sich selbst. Wer heute bereits von morgen sein möchte, ist eben deswegen übermorgen von gestern. Die Zahl der Jahre verringert sich, über die hinweg Museumsreife erlangt wird. „Gegenwartsschrumpfung“ nenne ich gern diesen Vorgang. „Der Bergbau schrumpft, das Bergbaumuseum expandiert“ – so faßte kürzlich im Ruhr-Revier ein Industrieller diesen Vorgang zusammen, während moderne Industrien sich in der alten Kohle- und Stahlregion ausbreiten.

Die Frage verbleibt, wieso wir die Vergangenheit, die gerade der Fortschritt erzeugt, statt sie definitiv auszulöschen, historisch gegenwärtig halten, ja musealisieren. Die Antwort auf diese Frage lautet: Wer wir sind, sagt uns unsere Geschichte. „Je suis mon passé“ – so formulierte das Jean Paul Sartre. Jeder Maturant oder Hochschulabsolvent kennt das doch: Zur Vorstellung seiner selbst muß er seinem Bewerbungsschreiben ein curriculum vitae beifügen. Wieso? Man präsentiert sich selbst über die Vergegenwärtigung der eigenen Herkunftsgeschichte in der Absicht, plausibel zu machen, wie sich diese Herkunftsgeschichte in die Zukunft hinein sinnvoll fortsetzen ließe. Die Schwierigkeiten solcher Identitätsvergegenwärtigungen durch Erzählen der eigenen Geschichte sind klein, wenn die Kontinuität generationenübergreifender Lebensverhältnisse groß ist. Ändern sich unsere Lebenslagen sehr rasch, so wird uns über sich verkürzende Zeiträume hinweg unsere Vergangenheit partiell zu einer fremden, ja nicht einmal mehr voll verständlichen Vergangenheit, und man bedarf, zumal in institutionellen und kollektiven Lebenszusammenhängen, schließlich des professionellen Beistands der Historiker, um die eigene Vergangenheit aneignungsfähig zu halten. Für unser Verständnis der jeweils Anderen über deren Herkunftsgeschichte gilt Analoges. Zukunft braucht Herkunft – so ließe sich das zusammenfassen. Je rascher in einer dynamischen Zivilisation die Zukunft uns näher rückt, umso größer wird entsprechend der Herkunftsvergegenwärtigungsbedarf. Das ist kein frommer Wunsch residualer Historiker, vielmehr gegenwartsprägende kulturelle Realität. Davon war die Rede.

Der Fortschritt läßt veralten. Aber das ist nicht alles. Je mehr sich beschleunigungsabhängig die Zeiträume zur Gegenwart hin mit Innovationen anfüllen, umso auffälliger werden zugleich diejenigen Herkunftsbestände, deren Vorzug ihre relativ größere Alterungsresistenz ist.
„Schon wieder so viele neue Bücher“, so klagte Schiller seinem Brieffreund Körner gegenüber. Wie bewältigt man das? Schillers Antwort war: Für zwei Jahre werde er jetzt gar nichts Neues mehr lesen, vielmehr nur noch Homer und die Alten. Das ist eine kleine Geschichte, die die Geburt des Klassischen aus den Erfahrungen der Modernisierung erkennen läßt. Je mehr die Menge der Innovationen anwächst, deren Lebensvorzüge wir gern in Anspruch nehmen, umso wichtiger werden zugleich diejenigen kulturellen Bestände, über die wir Stabilität und Dauer gewinnen. Denn klassisch ist, was eine Historisierung aushält – so formulierte es der Klassische Philologe Karl Reinhard. Karl Marx hatte geschichtsphilosophisch vermeint, materielle und kulturelle Realitäten, Basis und Überbau wälzten sich insgesamt mit derselben Dynamik um. In Wahrheit entwickeln sich unsere Lebensvoraussetzungen historisch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, und das Studium der Geschichte macht uns nicht nur mit dem jeweils längst veralteten Neuen von gestern bekannt, vielmehr überdies noch mit alterungsresistentem Altem.
Historisierung und Musealisierung, so hat man befürchtet, wirkten als Medien der Entpolitisierung, und auch Nietzsches Historismus-Kritik ließ sich von dieser Annahme leiten. Das genaue Gegenteil ist in Wahrheit der Fall. Das politische Gewicht der historischen Kultur nimmt modernisierungsabhängig ständig zu. Sagen wir es am Beispiel der Archive. Wieso sollte ausgerechnet die Tätigkeit unserer Archivare politisch relevant sein? Archivare, so stellen wir uns vor, sind doch freundliche Gelehrte, angetan mit Ärmelschonern gegen den Staub von Akten, die im Geschäftsverkehr der Verwaltungen keine Rolle mehr spielen.

Auf die Spur einer angemesseneren politischen Sicht der Sache kann uns George Orwell bringen. Sein Roman „1984“, 1948 zuerst erschienen, ist weltbekannt – eine satte, übrigens rechts-links-indifferente Schilderung totalitärer Gesellschaftszustände. Was hätte das mit Archiven zu tun? Nicht zufällig ist der Held des Orwell’schen Romans ein Archivar – im Wahrheitsministerium mit der permanenten Umschrift der Altakten beschäftigt, und zwar in der politisch verfügten Absicht, diese Altakten an die jeweils aktuellen politischen Wünsche der Machthaber, welche Vergangenheit sie denn gern gehabt hätten, anzupassen.

In der Quintessenz heißt das: Wer wir sind – das sagt uns im Totalitarismus nicht mehr der Biograph, der Historiker oder auch privatim wir selbst uns, vielmehr der politische Herr der Geschichte. Die totalitäre Herrschaft vollendet sich, indem sie über uns nicht nur physisch verfügt, sondern eben auch historisch. Ob wir dieser gewesen sind oder ein anderer oder gegebenenfalls auch überhaupt nicht existent waren – die Antwort auf diese Fragen wird gemäß politischen Befehlen vom Archivar durch Aktenumschrift exekutiert.

Und nun erkennt man komplementär dazu die politische Bedeutung der Archivare in freien Lebensverhältnissen. Sie halten die Quellen unseres historischen Wissens von uns selbst unverfügbar; sie sichern sie. Wegen der fundamentalen politischen Bedeutung dieser ihrer Funktion werden den großen Archiven heute als Vergangenheitssicherungs- und Forschungsstätten von Paris bis Klagenfurt ihre architektonisch herausragenden Stätten errichtet, und die moderne Archivgesetzgebung schreibt, international, die Kompetenz der Archivare zur Entscheidung darüber fest, über Aktenverwahrung oder auch Aktenvernichtung frei, also unabhängig von den Trägern politischer Entscheidungsgewalt zu verfügen. Die moderne Archivgesetzgebung repräsentiert nichts Geringeres als eine neue, spezifisch moderne Form der Gewaltenteilung – die Teilung der Geschichte machenden politischen Gewalten einerseits und der Gewalt der Sicherung der Quellen unseres Geschichtswissens andererseits.
Und noch ein weiterer Aspekt der wachsenden politischen Bedeutung des Geschichtswissens sei erwähnt. Modernisierungsabhängig nimmt bekanntlich die Menge selbstbestimmter Gebietskörperschaften überall zu. Sogar die Zahl der Staaten, der souveränen Völkerrechtssubjekte also, ist mit großen Schüben in den jüngst vergangenen neun Jahrzehnten gewachsen. In den riesigen Räumen zwischen St. Petersburg über Riga, Prag, Pressburg oder Zagreb bis in den Vorderen Orient und in den Kaukasus hinein hat sie sich sogar versiebenfacht. Und überall repolitisieren sich auch die substaatlichen regionalen Körperschaften – von Italien über Spanien bis zum zentralistisch geprägten Frankreich sogar. „Regionalismus“ ist dafür das gemeineuropäisch verbreitete Schlagwort von erheblicher rechtspolitischer Wirkung.