Musealisierung als Zivilisationsstrategie

Arbeitsheft zum Symposium „Musealisierung als Zivilisationsstrategie“, das am 24. November 2009 stattfand.

Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Titelseite. Gestaltung: Gertrud Nolte Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 1 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 2 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 3 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 4 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 5 (Inhaltsverzeichnis 1/2) Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 6 (Inhaltsverzeichnis 1/2)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Was ist ein Produzent ohne den urteilsfähigen Konsumenten, was vermag der Arzt ohne einen therapietreuen Patienten, was der Künstlerohne einen verständnisfähigen Betracter und Zuhörer, was richtet der Politiker aus ohne einen kritikfähigen Wähler, was nutzt die Predigt, wenn sie nur auf tumbe-taube Ohren stößt?

Durch Wissen klagend - 

durch Klagen leidend - 

durch Leiden wissend

Agnosce, dole, emenda

Seite im Original: 103

Sema Meray: Kann und soll Kunst die Aufgabe übernehmen, den Menschen entgegen seiner Ansicht zu zivilisieren?

Im Beispiel der Hagia Sophia scheint dies gelungen zu sein. Zwei völlig unterschiedliche Lager, die bereit waren und in vielen Teilen der Welt immer noch bereit sind, für ihre Unterschiede im Glauben zu kämpfen oder gar zu töten, haben ein Dekret des Gründers der türkischen Republik notgedrungen akzeptiert und sich darin zurechtgefunden. Fragt man heute nach 75 Jahren die türkischen Landsleute, wie sie den „Zwang“, den Atatürk ihnen auferlegt hat, beurteilen, indem er einen Glaubensstreit durch Entziehung des Streitobjektes zwangsbeendete, finden sie es zu 99 Prozent in Ordnung und sind sogar stolz darauf. Denn die ganze Welt schaut auf sie, die ganze Welt besucht sie, um das einträchtige Miteinander der Unterschiedlichkeit künstlerischer Auslegung in einem einzigen Gebäude anzuschauen. Gerade in den künstlerischen Schöpfungen von Religion beharrt jeder auf seinem Standpunkt, da hier, noch mehr als in der üblichen allgemeinen Kunst, auf Vorgaben des Glaubens verwiesen wird.

Man kann die Verantwortung für eine bestimmte Art der Ausführung von sich weisen, da sie ja von höherer Stelle angeordnet ist. Die unterschiedlichsten Gewächse entstehen, die ein Miteinander nicht möglich scheinen lassen, obwohl jedes Produkt für sich in seiner jeweiligen Zeit und Entstehungsgeschichte allemal die Daseinsberechtigung hat, da es die Entwicklung des Menschen und seiner Gesellschaft spiegelt.
In der Hagia Sophia ist das Miteinander von zwei absoluten Gegensätzen unter Erlaß eines Visionärs gelungen. Kemal Atatürk kann man vorwerfen, daß der Glaube ihn nicht sonderlich interessiert hat. Doch die künstlerische Interpretation jeden Glaubens hat er hoch angesehen, da er um den Wert der Kunst-Kultur in der menschlichen Gesellschaft wußte. Er hatte verstanden, daß nur die kulturelle Basis einer Gesellschaft den Einzelnen wie auch seine Gemeinschaft weiter entwickeln läßt. So gesehen war er auch nicht gegen Religion oder Glauben, wie einige Fundamentalisten, denen die offene Sichtweise nicht paßt, gerne anführen. Sowohl der Glaube des Einzelnen als auch die Religionsgemeinschaft sind nicht wegzudenken aus unserer Kulturgeschichte, denn ohne sie gäbe es keine Kultur. Deshalb verankerte Atatürk den Laizismus in der Verfassung der neu gegründeten Republik, um eine Trennung von Staat und Religion zu manifestieren. Gerade der nicht-reformierte Islam, wäre für den jungen türkischen Staat hinderlich gewesen, um sich der Welt und den Modernismen zu öffnen. Er verbot nicht die Religion, sondern ließ alle Glaubensgemeinschaften leben, allerdings nicht in der Politik. Unter diesem Aspekt tat er gut daran, das Streitobjekt Hagia Sophia den beiden streitenden Lagern zu entziehen.

Wem von ihnen, den zwei unterschiedlichen Weltreligionen Islam und Christentum, hätte er Recht geben können? Beide nutzten das sakrale Gebäude sehr lange Zeit für ihre Zwecke und schufen in dieser Zeit die schönsten Blüten der Kunstgeschichte. Hat die Frucht des Bilderverbots im Islam, die andere Darstellungswege findet, um zu erzählen, nicht genauso ihre Berechtigung als Kunst wie die Bilderwelt des Christentums? Es scheint in unserer heutigen Zeit, in der wir jeden Tag von Religionskriegenim wahrsten Sinne des Wortes „bombardiert“ werden, rückblickend ein genialer Schachzug gewesen zu sein, die Hagia Sophia, Kirche und Moschee, die derartigen Zwist über den Anspruch der Nutzung auslöste, „einfach“ zu entziehen: Wo kein Streitobjekt, da kein Streit möglich! Atatürk hat mit seinem Dekret die Hagia Sophia unter den Schutz des Musealen gestellt. Er hat sie auf ein Podest erhoben, der ihr einen offiziellen Wert gab, einen Wert, der selbst die Streitenden zu ihr aufblicken ließ. Dadurch schaffte er es, den Tunnelblick der zwei unterschiedlichen Gruppierungen zu öffnen.
Kemal Atatürk hatte durch seine Leistungen für den türkischen Staat schon so eine Bedeutung und Respektstellung für die Bevölkerung, daß sich ihm niemand widersetzen konnte. Seinen Worten lauschten die Menschen in seinem Land andächtig, er war sich dieser Wirkung mit Sicherheit bewußt. Als er, „der Vater der Türken“, nun kundtat, daß beide Glaubenslager wert seien, erhalten zu werden, hörte man anders hin. Als er, „der Vater der Türken“, der Hagia Sophia den Schutzmantel der Kunst überwarf, sah man anders hin. Plötzlich war der Mensch in der Lage, das, was er zuvor als heidnisches Teufelswerk abtat, anders zu sehen. Gab diese andere Kunst nicht etwas wieder, aus einer anderen Zeit zwar, aber aus der eigenen Vergangenheit? War es sogar möglich, auf etwas Stolz zu sein, obwohl nicht von den „eigenen Leuten“ geschaffen, doch von Menschen, die dieses Land auch wertschätzten und ihre Spuren hinterließen? Gehören diese unterschiedlichen Sichtweisen und Interpretationen nicht zu unserer zivilisierten Gesellschaft dazu, denn als unzivilisiert wird sich keiner bezeichnen wollen? Was sich so einfach anhört, oder durch das Dekret von 1934 so einfach scheint, ist für viele nachvollziehbar. Ein Denkprozeß, den anzueignen erstrebenswert scheint. Zumindest hat er in der türkischen Bevölkerung funktioniert.
Natürlich werden einige kritische Geister anmerken, das läge schon so weit zurück, wir dürften nicht in die Vergangenheit schauen, sondern müßten uns mit dem Heute beschäftigen, zumal das Museum Hagia Sophia unter Zwang entstanden sei. Zu unserer jetzigen Zeit wäreso etwas nicht vorstellbar, äußern viele, denn wir müssen ja „tolerant“ sein. Bei diesen Argumenten wird sehr deutlich, welches Problem unsere Gesellschaft heute hat. Die „falsche Toleranz“ und Unentschiedenheit in Situationen, die Entschiedenheit brauchen, sind fehl am Platze. Man kann nicht zusehen, wie unter dem Deckmantel der Glaubensüberzeugung kulturgeschichtliche Werke verboten oder gar zerstört werden. Man muß sich gut überlegen, was in unserer heutigen Zeit, mit Aufwertung und Sonderstellung der Kunst in Religionen, möglich sein könnte.
Ganz ehrlich, ähnlich gelagerte und heiß „belagerte“ Objekte, um die sich Menschen bis aufs Blut streiten, gibt es zuhauf. Um den Felsendom in Jerusalem zum Beispiel brennt seit Jahrhunderten ein Religionskampf um rechtmäßige Besitzansprüche und Nutzungsrechte. Weil der Mensch, der einer Gruppe von Gleichgesinnten, in diesem Fall einer Glaubensgruppe angehört, es nicht über sich bringt, seinen Horizont zu erweitern. Denn dann müßte er ja seinen festgefahrenen Blick verlassen und feststellen, daß andere Glaubensgemeinschaften etwas anderes, jedoch für sie nicht minder „wertiges“ in den Objekten sehen, die man für sich beansprucht.

Spätestens bei solchen exponierten Objekten, wie den Felsendom oder anderen Sakralgebäuden, die nicht in ihrer vorgesehenen Funktion genutzt werden, weil die Besitzer gewechselt haben, muß man genau hinschauen und überlegen, ob solche „Konstruktionen der Kultur“ in ihren mehrschichtigen Zusammenhängen mit anderen kulturellen Äußerungen und Prozessen nicht auf eine andere Ebene gehoben werden müssen. In solchen Fällen geht es nicht um Machtansprüche und Recht, sondern um die Auswirkungen dieser in verschiedenen Kulturepochen geschaffenen Objekte auf den einzelnen Menschen und damit auf die Gesellschaft der heutigen Zeit. Mit dem Blick, dem Wissen und der Akzeptanz um die Gültigkeit der in früheren Zeiten geschaffenen Kulturobjekte erfahren wir auch etwas über uns.
Wie wichtig dieser Ansatz ist, zeigt uns archäologische Forschung, die Ur- und Frühgeschichte. Die Entdeckerlust und die Neugier auf andere kulturelle Ebenen sind hervorragend geeignet, unseren Blick als Betrachter zu erweitern und von den Kunstschaffenden zu lernen.
Sind wir befähigt als Betrachter, die künstlerische Äußerung richtig zu lesen, können wir uns im nächsten Schritt damit auseinandersetzen, was sie in uns bewegt. Im Beispiel der Hagia Sophia akzeptieren alle Besucher dieses Gebäude samt seinen Ausschmückungen der verschiedenen Epochen und Kulturhistorien: Sie nehmen das ihnen als Betrachter gereichte Angebot an. Das ein Einzelner mit einem Dekret, also einem Erlaß, einem Machtwort oder grob gesagt mit Zwang, ein Museum schuf, ist den meisten Besuchern dieses Gebäudes nicht klar. Was seit Jahrzehnten für die Besucher der Hagia Sophia eine Selbstverständlichkeit und Normalität ist, einträchtig verschiedene Ausprägungen von Religionskunst, nebeneinander zu sehen, sollte sich als Beispiel in unseren Köpfen festsetzen und uns einen Anreiz geben, das auf andere „Streitobjekte“ zu übertragen oder zumindest in unseren Überlegungen, eine solche Möglichkeit offenlassen. Alles von Individuen Geschaffene verdient unterschiedliche Betrachtungsweisen. Was wir in ihnen sehen, was uns anspricht oder nicht und wie wir damit inhaltlich umgehen, macht die Vielfältigkeit der Kunst aus. Man kann sie nicht verallgemeinern, aber zum Glück ist sie allgemein gültig.