BASLER ZEITUNG

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 49

Kultur als das soziale Sicherungsgefüge

Über das Verhältnis von Phantasie und sozialer Realität. Ein kulturpolitscher Essay von Bazon Brock

Ganz Europa ist eigentlich gegenwärtig eine Kulturinitiative. Diese Initiative ist gewiss bedeutsamer als alle parallel verlaufenden Initiativen - bis zu der, die jüngstens in Genf stattfand -, weil sie nicht nur ein hundertundzehn Jahre währendes Ritual darstellt. Abrüstungsgespräche gibt es seit einhundertfünfzehn Jahren. Bekanntlich haben sie sich dann mit einer Eigenlogik und -dynamik entwickelt, die nun gerade durch die in Gang gekommenen Kulturinitiativen aufgebrochen wer[d]en soll.
Als ich 1956 zum ersten Mal als Nachkriegskind und Student in die Schweiz kam, hatte ich nicht nur das Gefühl, dieses Land sei aus den Entwicklungen der Moderne ausgespart worden, sondern es repräsentiere auch gleichzeitig die Zukunft der Entwicklung; ein Land, in dem es scheinbar keine grossen sozialen Auseinandersetzungen gab, in dem man offensichtlich ohne Form der Machtkämpfe ein Sozialgefüge aufrechterhalten konnte – mindestens an der Oberfläche gesehen-, die in allen anderen europäischen Staaten in der damaligen Zeit und eigentlich bis in die unmittelbare Vergangenheit verbindlich waren. Ich habe mich damals gefragt, wie es möglich sei, eine Gesellschaft so homogen zu halten, ohne den Machtkampf auf allen Ebenen - ökonomisch, ideologisch, sozialpolitisch etc. zu führen. Es gab auch – im Vergleich zu uns etwa – keine nackten Überlebenskämpfe im Sinne der blossen Sicherung des täglichen Brotes. Die Frage war, wie kann eine Gesellschaft ohne diese Vermittlungsmechanismen - sagen wir mit der Drohung des Letztgültigen, nämlich mit der Tötung des Unterlegenen – stabil bleiben. Die Antworten, die wir damals fanden, waren nicht so recht befriedigend. Wir sagten uns, wahrscheinlich sind die Schweizer zum grossen Teil ein sehr intelligentes Volk, das sich von vornherein mit der Rolle des Zuschauers bei eben jenen Tragödien und Komödien beschränkt, die alle Völker rundum aufführen – sozusagen ein europäisches Theater, in dem das Publikum sich selbst inszeniert, und rundum die Akteure, die erkennen, eigentlich selbst Zuschauer zu sein. Eine sehr kluge Haltung, die den Rezeptionsvorstellungen, die ich dann entwickelt hatte, sehr nahe kam. Denn das Publikum ist ja der eigentliche Akteur des Theaters: Es sitzt ja auf der Bühne, man hat es sich nur angewöhnt aus der Entstehung dieses Theaters, es umgekehrt zu sehen.
Nun kann man diese Erklärung langsam nicht mehr durchhalten, weil nämlich die grossen Tragödien und Komödien, die bisher die Schweiz mit Ablenkungen versorgten, mit Ablenkungen von eigenen Gelüsten, sich in diesem Sinne einmal in Szene zu setzen, inzwischen gemerkt haben, dass das alte Theater nicht mehr funktioniert. Dass sie weder mit linken noch rechten equilibristischen Akrobatinnen, mit blankem Schwert oder mit Tarnung über der Mütze à la Wagner oder à la Himmler mehr weiterkommen.
Wenn das jetzt wegfällt, wird wohl auch die Schweiz zu einem anderen Aspekt der Sicherung eines solchen Sozialgefüges kommen müssen, und diese Sicherheit des Gefüges heisst schlicht und einfach „Kultur“. Kultur ist das zentrale Sicherungsgefüge für Gesellschaften, die aus Gründen, die wir alle heute verstehen, nicht mehr mit Waffengewalt anfechten können, was in ihnen an Gegensätzen vorhanden ist. Und die auch gar keine Klientel mehr finden, wenn sie mit bornierten ideologischen Auseinandersetzungen und wechselseitigen Vorwürfen operieren wollten. Es bleibt gar keine andere Möglichkeit, die den Menschen nun einmal von Natur aus zukommende Lebensdynamik in einer anderen Weise ausagieren zu lassen als auf dem Felde der Kultur.
Die ersten, die das verstanden haben, waren die Ökonomen. Sie fanden nämlich heraus, dass beispielsweise ein rein kulturelles Phänomen wie die Differenzierung von Sozialcharakteren (aber auch von Individualitäten) über die Mode bei uns in der Bundesrepublik jährlich rund 25 Milliarden Mark Umsatz kreiert. Ein paar Leute beklecksen weisses oder sonstwie gefärbtes Papier mit ein paar Pünktchen und machen damit ebenfalls 25 Milliarden Mark Umsatz pro Jahr; das ist die sogenannte Musikbranche - also alles das, was auf der Ebene der vormals Mächtigen als Geklimper, als Überbauphänomen oder als Beliebigkeit von ein paar musischen Infantilisten angesehen wurde.
In der alteuropäischen Auffassung war die Kultur nur ein Vehikel - sozusagen das besonders geschliffene Schwert, eine Kampfform z.B. auf der Ebene der Auseinandersetzung zwischen zwei italienischen Stadtstaaten und ihren Potentaten oder von zwei Fürstenhöfen oder von Königen. Die jetzt gemeinte Kultur als Erscheinungsfeld dessen, was Mensch wert und wichtig ist – jenseits der Macht oder des Todes -, das ist eigentlich das Neue und Interessante; wobei sich natürlich Kunsttheoretiker seit Nietzsches Zeiten fragen, ob es so etwas wie eine Kultur, in der es nicht mehr um den Kopf geht, überhaupt geben kann, oder ob die nicht dann zu einer gewissen Beliebigkeit wie Freizeit, Hobby und Hausfrauenkunst und -kultur herabdemokratisiert würde.
Aber in der Tat, Kultur ist definierbar durch die Tatsache, dass der oder die Betreffende, die sich als kulturell Tätige verstehen, sich nicht mehr auf etwas ausserhalb dieser Sphäre berufen können, z.B. auf das Schwert oder die Moneten eines Mächtigen, sondern ausschliesslich auf die Tatsache, dass sie sich selbst diese Probleme schaffen, um die es in der Kultur geht. Kultur hat, wer sich seine Aufgaben selber schafft, d.h., wer in der Lage ist, sich aus dem Leben, aus dem Zusammenhang mit anderen ein Problem, einen interessanten Aspekt seiner Arbeit oder Beschäftigung zu machen.
Die alteuropäischen Auseinandersetzungen sahen in der Kultur nur ein Mittel zum Zweck – und der Zweck war der tödliche Endzweck. Während auf der Ebene, auf der Kultur eigentlich nur das ist, was an Problematisierung geleistet wird, es nicht mehr um den Kampf ums Dasein, um das Leben als Kampf gehen kann, sondern im Grunde genommen um eine Aufarbeitung dessen, was wir von Natur aus sind, nämlich nichts anderes als ziemlich dumme Tiere. Solange man noch glaubte, dass etwas Leiderfahrung oder auch Neid die soziale Dynamik beherrschte, wurden die Verhältnisse im Grunde genommen vom Standpunkt aus betrachtet, der mit Kultur wenig zu tun hatte. Wenn man sie aber unter der Möglichkeit auffasst, sich selber Arbeit, also Probleme zu schaffen – und zwar vom einzelnen her –, dann wird das, was uns von Natur aus bestimmt, einen entscheidenden Stellenwert bekommen; und das ist der unserer natürlichen Dummheit – ich möchte sagen – unseres natürlichen Weltbildapparates, der in uns arbeitet. Die Maschinerie, die wir als leistungsfähige Überlebenssteuerung in uns tragen, ist ja von der Natur im Hinblick auf bestimmte Zwecke entwickelt und hat eine eigene Logik, eine eigene Arbeitsweise, eigene Formen der Bewältigung von Problemen; aber diese Probleme waren eigentlich auf natürliche Gegebenheiten der Auseinandersetzungen, nicht auf kultürliche Gegebenheiten der Auseinandersetzung zwischen Menschen ausgerichtet. Solange wir also ums Überleben kämpften und mit Schwert, Steinen oder Maschinengewehr unsere Machtrangeleien austrugen, leistete dieser phantastische Apparat im Grade seiner Geschlossenheit, d.h. in seiner Unantastbarkeit, sehr gute Arbeit. Da aber nicht mehr diese Ebene natürlicher Auseinandersetzung für uns verbindlich ist, sondern die kulturelle, werden wir nur allzu leicht zu Opfern einer solchen Mechanik oder Logik der Dummheit.
Worauf es mir hier ankommt, ist zu sagen, dass die Kulturinitiative auf der Ebene der Problematisierung, also des Sich-Arbeit-durch-Überlegen-Schaffens, eine Verlagerung der Gegenstände unserer Auseinandersetzung vom natürlich Vorgegebenen in die Sphäre des Geistes, der intellektuellen Arbeit bedeutet. Nun kann man sich natürlich sofort fragen, hat die alteuropäische Kultur nicht das Reich der Innerlichkeit geboren, hat sie nicht sogar betont, dass es auf den Geist ankommt? Leider nein! Sie war immer darauf ausgerichtet, geistige Konzepte, systematische Entwürfe, subtile Konstruktionen von Sozialsystemen schlussendlich als Handlungsanleitungen für die Gesellschaft selbst zu sehen. Der Geist galt sozusagen nur, insofern er als Handlungsanleitung für die Macht selber Bedeutung hatte, und auch die Mächtigen leisteten sich die Intellektuellen, Künstler, Weltbildentwerfer, Philosophen nur darauf hin, dass sie ihren Begründungen für das Führen des Schwertes analoge Formen der Ausübung von Verbindlichkeiten stellten.
Der Vorbehalt der Herrschenden galt gerade dem freien Geist, dem blossen Schwatzen, dem blossen Theoretisieren, dem blossen Konstruieren, dem blossen Theatermachen, dem blossen Opernaufführung – aber das genau ist, wie wir aus der Geschichte lernen können, das Entscheidende. Wagner ist gerechtfertigt, grossartig und für uns alle ein Ereignis auf dieser Ebene der Problematisierung der Kultur, solange er in Bayreuth bleibt. Würde er von einigen seiner besonders treuen Adepten – nicht nur zu Hitlers Zeiten - in die soziale Realität überführt, galt es also, aus Konzepten, wie sie in Bayreuth auf der Opernbühne vorgeführt werden, reale Gemeinschaften zu formen, dann landeten solche Initiativen immer und zwangsweise im KZ, ganz gleich, wie das Wagnersche Konzept inhaltlich ausgesehen hat. Der Weg hängt nicht von der Art der Entwürfe ab, sondern der Weg in die Tragödie ist vorgezeichnet, wenn jemand Gedanken als Vorstellungen und Phantasien als 1:1-Handlungsanleitung für die soziale Wirklichkeit betrachtet. Dann ist es wirklich gleichgültig, ob er nun böse oder gute Absichten, ob er einen allgemeinen himmlischen Frieden für die Menschheit vorgesehen hat oder eine möglichst schnelle Herbeiführung der Apokalypse zur Beförderung der Wiederkehr Christi.

Auf der eben angedeuteten Ebene wird jetzt vielen sichtbar, dass es nicht mehr darauf ankommen kann, künstlerische, politische Weltentwürfe in soziale Realitäten zu überführen; denn das würde ja bedeuten: Auseinandersetzung ums Letzte, würde ja heissen, der Geist ist nur da bedeutsam, wo der Tod produziert, definitive, endgültige Zustände! Sondern es geht dahin, den Geist anzuerkennen darin, dass er bloss Vorstellung, nur Schein, nur Konzept, nur Philosophie produziert und dass dieser Schein das Höherwertige ist.

Das ist der Inhalt der Kulturinitiativen, die jetzt die Kultur jenseits von Macht, Geld und Tod sehen müssen, um soziale Gefüge stabil zu halten. Die zwischenmenschliche Beziehung muss vermittelt werden über Vorstellungen, die die Menschen gemeinsam bearbeiten, Probleme, die sie sich machen müssen, sobald, was wir heute wohl annehmen dürfen, die Überlebenssicherung im Sinne des Brotes für den nächsten Tag oder die Ökologiedebatte – die Sicherung der Naturbasis – nicht mehr entscheidend sind.

Die jetzt in Gang gekommene Kulturinitiative will den Hinweis auf die eigentliche Bedeutsamkeit dieser Probleme verstärken. Wenn es uns schon auf den Geist, wenn es auf Vorstellungen, auf Phantasie ankommt, dann soll man sie auch da ernstnehmen, wo sie als solche auftreten, und nicht da, wo sie das Gegenteil sind; denn wenn sie sich in geschichteten Ziegelsteinen und in marschierenden Kolonnen oder in Satzungen und Funktionsverordnungen, in Nadelstreifen oder in Bankkonten identifizieren lassen, dann sind sie eben nicht Geist mehr, dann sind sie nicht Vorstellungen mehr, dann sind sie nicht systemdenkende oder sonstige Kreation – dann sind sie soziale Wirklichkeit einer ganz anderen Art, doch nicht Geist. Alles Elend kam für die alte Kultur, so sagte der Ober-Dada-Ideologe und Sturm-Herausgeber Herwa[r]th Walden, von dem Anspruch, den Geist zu verwirklichen – und Dada war eine der fundamentalen Oppositionen gegen die Verwirklichung des bürgerlichen Geistes im bürgerlichen Heldenleben als Frontkämpfer, als Bankier, als Erfinder etc. Dada hatte nichts gegen diese Art von Denken – die Dadaisten waren dagegen, dass man den Geist als Gegebenheit der Welt nur ernstnimmt, wenn er in soziale Fakten umgesetzt ist. Geist muss auf der Ebene der Phantasie bleiben, er muss auf der Ebene des Gedankens bleiben, um wirklich bedeutsam zu sein.

Ich habe den Eindruck, dass diejenigen, die sich diesem Sachverhalt verschliessen, offensichtlich nicht hinreichend viel Phantasie haben, um sich selbst in diesem Sinne die problematische Auseinandersetzung, sprich Arbeit, zu schaffen. Sie sind nicht phantasievoll genug, um in der Phantasie selbst bleiben zu können. Sie sind nicht intellektuell trainiert genug, um unterscheiden zu können, wo Phantasie, Spekulation und Vorstellung und wo soziale Realitäten als Fakten aus Menschenfleisch oder Satzungen und Gesetze gemeint sind.

Die neue Kulturinitiative vertraut auf Phantasie, auf Vorstellungen, auf Geist, auf Denken ger[a]de im Sinne der Schaffung einer solchen eigenständigen Sphäre für Menschen bedeutsamer Arbeit, die den grossen Vorteil hat, eine Reihe von Endgültigkeiten zu umgehen. Wer daran glaubt, dass alles nur Spiel sei, wenn der Tod nicht im Spiele ist, wird sich als ein recht phantasieloser, reiz- und vorstellungsarmer Mensch erweisen.

Die alteuropäischen bürgerlichen Kulturvorstellungen waren von der Ausgangsvorstellung getragen, dass das, was sich aus den Vorstellungen, den Spekulationen ergibt, sozusagen ein Surplus der Kultur sei: Die Primitiven treiben solchen Animismus nur mit den Steinen; der bürgerlich Gebildete animierte Vorstellungsbegriffe, Anschauungsbegriffe. So konnte man dazu kommen, den Geist, die Kultur, die Intelligenz, die Vorstellung als Zulieferer für Rechtfertigungsstrategien, für Überbauphänomene zu halten.

Diese Art des Denkens ergibt sich nicht aus konkreten historischen, gesellschaftlichen Prozessen, sondern sie hängt mit unserer Natur, unserer Wahrnehmung, mit unserem Weltbildapparat zusammen. Die ästhetische Dimension lässt sich aus der schlichten Tatsache heraus verstehen und auch allseits bestimmen, dass es uns unmöglich ist, unser Denken und das es bedingende Kommunizieren mit dem sprachlichen Ausdruck im Wort, in Zeichen, in Bildern etc. – je deckungsgleich werden zu lassen. Denn Sprechen und Denken sind niemals – ausser in mathematischen Operationen – in der Relation von Eindeutigkeit zu denken. Ja, noch viel weitergehend, es gibt eine gewisse Abhängigkeit zwischen dem Denken und dem sprachlichen Kommunizieren, durch die wir gar nicht wissen können, was wir eigentlich denken, ohne sprachlich zu artikulieren, uns zu vergegenständlichen und zu kommunizieren. Kleist hat das etwa beschrieben mit dem Hinweis auf das mähliche Verfertigen der Gedanken beim Sprechen. Aber es gibt nicht nur die Abhängigkeit des Denkens vom Sprechen, sondern auch des Sprechens vom Denken im Sinne einer Unkontrollierbarkeit der kommunikativen Akte. Jeder hat erfahren, dass er einen Gedanken, den er hat, auf sehr unterschiedliche Weise ausdrücken kann. Er hat auch die Erfahrung gemacht, dass er manchmal gegenüber bestimmten Menschen mit einem bestimmten Gedanken offensichtlich durchkam; wenn die dann wiederholten, was sie verstanden hatten, zeigte sich das totale Missverständnis. Diese Differenz von Denken und Sprechen begründet die ästhetische Dimension.

Das entscheidende Phänomen für kulturelle Wirkungsansprüche, die ästhetische Dimension, kann man ganz jenseits von Überbau- und Unterbauphänomenen, von Machtstrategien und in Anspruchnahme von Künstlern durch Herrscher etc. darstellen.

Es lässt sich also eine Kultur im Wesentlichen im Hinblick auf diese Aspekte der geistigen, intellektuellen, kreativen Produktion ganz jenseits von Macht, Geld und Tod begründen – und auch durch die Problematisierung, denn so ergibt sich die Problematisierung nun wirklich von alleine. Wenn anerkannt wird, dass es nicht schlechte Ausbildung oder persönliche Unfähigkeit sind, die uns zwingen, in andere Kulturformen auszuweichen, dann verstehen wir plötzlich, was es bedeutet, in ein Theater zu gehen, Galerien [zu] besuchen, also Kunstwerke sehen zu können. Denn in diesen Produkten erst kommen wir ja zu der Abschätzung des ganzen Spektrums jener für uns konstitutiven Differenz von Denken und Sprechen. Wir lernen überhaupt erst jene Dimensionen kennen, aus denen heraus wir den sozialen Zusammenhalt als Kommunikation begründen können. Das leistet im Wesentlichen ein Verständnis von Kultur als „Problematisierung“, einer Fähigkeit, sich selber Arbeit zu schaffen; nicht mehr zu warten, bis einen jemand anweist, etwas und nur das zu tun.

Die Kultur jenseits der Macht, d.h. die jetzt in Initiative tretende Kultur, die jetzt gebrauchte, verbindlich werdende Auffassung von Kultur garantiert im Unterschied zu denen, die sie durch Restriktion, durch Einschränkung glauben kontrollieren zu müssen in ihrer gesellschaftssprengenden Kraft, garantiert gerade Gesellschaft. Sie kreiert überhaupt erst Gesellschaft, wenn man anerkennt, dass das Schwert, die Todesstrafe, der soziale Tod durch Armut oder der physisch-biologische Tod durch Verhungern von Gesellschaften der westlichen Welt nicht mehr anerkannt werden als Letztbegründungen für die Werte, um die es in einer Gesellschaft gehen muss. Jenseits dieser allgemeinen Auffassung nicht mehr akzeptierten Letztbegründungen beginnt die Kultur ihre Rolle als die einzige Gesellschaft schaffendes und sie stabilisierendes Medium zu spielen – und deswegen kommt ihr auch bereits jetzt in Europa eine derartige Beachtung zu. Es ist nicht Herrn Jack Langs Privatvergnügen, als kleiner Sonnenkönig aufzutreten, es sind objektive Zwänge, die ihn solche Initiativen entfalten lassen.

In der Bundesrepublik werden nicht etwa aus mäzenatischer Einsicht Museen und alternative Kulturschuppen in Massen gebaut, sondern aus objektiver Not, aus ökonomischen Gesichtspunkten.

Die wirtschaftliche Einsicht ist das bittere Argument: Wenn du es fertigbringst, allein durch ein paar Kultur-Hoppsassa pro Saison – Milliarden umzusetzen, dann wärst du doch blöd, wenn du das nicht machst! Das richtige Argument lautet: „Ästhetische Differenzierung in Mode, Musik, Gestaltung, Architektur muss ja vergegenständlicht werden. Das schafft Arbeit und ökonomische Masse, Kultur begründet Ökonomie. Also befördere die Kultur!“ Auf diese Weise ist der gesamte Kultursektor heute bereits in der BRD der bedeutendste Wirtschaftssektor. Aber entscheidend bleibt: die Gesellschaften des Westens können nicht mehr reguliert werden durch den Verweis auf Macht, Kapital und Tod, sondern nur noch durch kulturelle Differenzierung, durch das Schaffen von Unterschieden als Voraussetzung für Bedeutung. Jede kommunikative Handlung ist unter der Dimension der ästhetischen Differenzierung zu sehen; in jeder Handlung, auch der der Bankiers, der Händler oder Professoren, ist die Differenz von Denken und Sprechen konstitutiv für die Kommunikation – und ebenso die ethische und die erkennungstheoretische Dimension, von der ich hier nichts andeuten kann.

Die neue Kulturinitiative, so wie sie auch von den Theaterschaffenden hier in Bern gemeint ist, ist also gerade im Sinne der Argumente derer, die die Kultur nun eigentlich unter ökonomischen Gesichtspunkten oder traditionellen betrachten oder sie aus wohlbegründeten hausväterlichen Sorgen um Sitte und Anstand einschränken wollen, zu fördern. Gerade wenn man diese Gesichtspunkte – ökonomische, wie gesagt – ernstnimmt, dann muss man für weitere kulturelle Differenzierung sorgen: Das schafft Wirtschaftsmasse. Das viel wichtigere Argument ist, gerade wenn man Verbindlichkeiten von Werten in einer Gesellschaft will, muss man die Ausdifferenzierungen von Unterschieden als Aufbauen von Bedeutungen zulassen; denn nur Differenzierung schafft in Gesellschaften wie den unsrigen noch Verbindlichkeiten jenseits der Kugel, jenseits von Gott und Teufel.