Der röhrende Hirsch

Künstler und ein Symbol der Trivialkunst | Katalog zur Ausstellung im Forum der VHS vom 15.10. - 22.10.1974

"Der röhrende Hirsch" | Künstler und ein Symbol der Trivialkunst - im Forum der VHS vom 15.10.-22.10.1974. Neumarkt Deutscher Künstler (NDK), Köln.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Ist dieses Thema aktuell?
Ist dieses Thema noch - oder wieder aktuell?
Warum wird es in einer - gerade in dieser Ausstellung abgehandelt?

Anlaß, das Thema Trivialkunst aufzugreifen - der röhrende Hirsch ist lediglich das seit Jahrzehnten anerkannte Symbol - ist der „Neumarkt Der Künstler“ (NDK) und seine Behandlung in der Presse. Der NDK findet jährlich in Köln statt und gibt jedem Kunstproduzenten die Möglichkeit, seine Arbeiten vorzustellen, ohne daß er befürchten muß, von einer Jury eliminiert zu werden. Verständlich, daß dabei notgedrungen auch die Trivialkunst Eingang findet.

Für die Kritiker der Fach- wie auch der Lokalpresse war dieser Umstand stets ein gefundenes Fressen, nach monatelangem Lobpreisen von Anthes bis Wunderlich, einmal im Jahr nach Herzenslust ‚vom Leder ziehen‘ zu können und die Künstler gleich im Dutzend zu verreißen. Starkritiker Georg Jappe in der FAZ: „...sind auf dem Neumarkt nur noch die Lurche der Kunst übriggeblieben; kein ernstzunehmender Künstler kann sich hier noch exhibitionieren.“ Gottfried Sello in „Die Zeit“: „Man glaubt nicht, daß soviel Dilettantisches, soviel alter und pseudomoderner Kitsch sich rein zufällig, ohne bostrafte Regie unter einem einzigen Riesenzelt versammeln 1äßt…“ Und in der Lokalpresse findet sich die stets Beifall eintragende Schlagzeile: „Er röhrt wieder!“

Die Veranstalter des NDK waren sich durctraus immer im klaren darüber, daß eine unjurierte Ausstellung ihre Probleme hat. Trotzdem ist man dabei geblieben, einmal im Jahr Malern, Bildhauern, Grafikern u.a. die Möglichkeit zu geben, ihre Arbeiten unzensiert einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen, eine Möglichkeit, von der - natürlich - gerade jene Künstler Gebrauch machen, denen sich ansonsten solche Gelegentreiten selten oder nie bieten.

Der NDK und seine publizistische Behandlung waren also der Anlaß, in einer Sonderschau das Thema Trivialkunst zu betrandeln. In dieser Sonderschau wurden die eingereichten Arbeiten wiederum unjuriert - und das ganz bewußt - aufgenommen.

Den Teilnetrmern war freigestellt, das Thema „der röhrende Hirsch“ in enger Auslegung oder frei übertragen zu bearbeiten.

Wie sehr der Hirsch überhaupt die Kunst- und Kulturgeschichte ‚durchzieht‘ zeigen Darstellungen aus alter, älterer und ältester Zeit, die wir für die Ausstellung ausgewählt haben. Aber auch zeitgenössige Arbeiten lassen erkennen, daß eine Hirschdarstellung nicht unbedingt identisch ist mit einem Beispiel von Trivialkunst.

Last not least - die Autoren in diesem Katalog: Sie leisten wohl den wesentlichsten Beitrag in dieser Auseinandersetzung mit dem heiklen Thema und darum gilt ihnen, die unserer Bitte um Mitarbeit bereitwillig und mit Verständnis entsprachen, unser Dank.

Ebenfalls danken wir dem Kulturdezernat der Stadt Köln, Herrn Dr. Kurt Hackenberg und Herrn Bernd Diemer für die freundlich gewährte Hilfe und Unterstützung.

Wir hoffen, daß die vorliegende Publikation dem interessierten Ausstellungsbesucher die verschiedenen Betractrtungsmöglichkeiten über Trivialkunst aufzeigt und Einsichten in ihr Wesen vermittelt.

I.P.

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Beiträge von H.P. Alvermann, Wolfgang Becker, Bazon Brock, Wolfgang Brückner, Hermann Höcherl, Gerd E. Hoffmann, Klaus-Jürgen Fischer, Rochus Kowallek, Wolfdieter Kühme, Georg Meyer, Manfred Moser, Siegfried Neuenhausen, Karlheinz Nowald, Georg Rosenthal, Peter Sager, Mathias Schreiber, Alphons Silbermann, Michael Zepter (sehr gutes Exemplar).

Seite im Original: 3

Bazon Brock, Itzehoe

Professor für neuere Ästhetik

Kein Wildbret, sondern Seele

Es mag berechtigt sein, zu behaupten, daß Profankultur aus der subkulturellen Abdrängung von Herrschaftskultur entsteht. Anstatt Profankultur sollte man vielleicht deutlicher
Massenkultur oder Kultur der nicht führenden sozialen Schichten sagen. Sobald sich untere soziale Schichten der gleichen Wertsysteme, Sprachen und Vergegenständlichungsformen
zu bedienen verstehen, wie sie bis dato für die jeweils führende Gesellschaftschicht verbindlich waren, werden diese Übernahmen entwertet, indem man sie als „Kitsch“
diskriminiert. Mit dieser diskriminierenden, zetstörenden Kennzeichnung verschafft man sich das wohlige Gefühl, eigentlictr gar nichts verloren zu haben und zudem noch einem Umklammerungsversuch durch eine „Gemeinschaft des Volkes“ entgangen zu sein.

Wir wollen nur kurz darauf hinweisen, daß es Bestandteile der Massenkultur gibt, die sich nicht dem Absinken aus höheren Sphären verdanken: die sogenannte Volkskunst, Volksmusik
etc. Auch sie können zu Kitsch verkommen, wenn sie etwa von Oberschichtangehörigen
usurpiert werden. Dieser Tatbestand soll nachher berücksichtigt werden.

„Kultur“ scheint in erster Linie ein Mittel der Differenzierung sozialer Beziehungen zu sein; ja, für die Legitimation von „besonderen Ansprüchen“ kommt es auf Kultur mehr an als auf ökonomisches Potential. Die vielen, verbreiteten Geschichten über die Anmaßung von
Neureichen, vermittels ökonomischer Macht sich zu Mitgliedern der gesellschaftlich
führenden Schicht zu machen, belegen das Interesse der Oberschichten an dem Diffetenzierungskriterium „Kultur“, wie sie andererseits das Interesse der Unterschichtler an der Rationalisierung de[r] Erfolg/Mißerfolgrelation dokumentieren. Wo der politische/ wirtschaftliche Machterwerb gleichsam unkontrollierbar ist, muß auf dem schwierigeren und besser kontrollierbaren Kulturerwerb in besonderer Weise bestanden werden.

Die soziale Differenzierungsfunktion der Kultur scheint aber nicht nur ganzer Gruppen oder Klassen zu gelten, sondern auch innerhalb einer Gruppe oder Klasse bedeutsam zu sein. Zum ersten nämlich haben wir in der BRD keine homogene Oberschicht mit einer homogenen Kultur. Die führende Rolle als Trendsetter kommt seit 1950 allemal der Mittelschicht zu (in einigen Fällen z.B. MINIROCK sogar der Unterschicht). Zum anderen gibt es in einer Schicht, ja sogar in einer Gruppe, immer auch Oben-Unten-Hierarchien, ohne daß die Oberen damit bereits zur Oberschicht gehörten. Hier hat Kulturerwerb legitimierende Funktion jenseits irgendwelcher ökonomischer Äquivalente.

Mit diesen Hinweisen muß hier unser Versuch begründet werden, von den röhrenden Hirschen als klassischen Synonymen für Kitsch abgesunkenes Kulturgut anders zu sprechen als das bisher üblich ist. Bisher war Kitsch eine Bestimmung, die der objektiven Beschaffenheit eines Gegenstandes galt. Z.B. galt Pisanellos „Vision des Heiligen St. Eustachius“ (der Gekreuzigte hängt zwischen den Stangen eines Hirsches) als Werk hoher Kunst; derselbe Pisanello aber als passable Reproduktion im Kaufhaus erworben und an die eigenen Wohnzimmerwände gehängt, galt als Geschmacklosigkeit (im Zimmer der Tochter neben Bildern wom Tessin und Picadillycircus hängend galt er als frühes Zeichen kultureller Interessen der Tochter). Als Ausbund des Kitsch[es] aber galten und gelten jene „echt/ original Ölgemälde: Platzhirsch auf der Lichtung gegen vier Uhr morgens“, die das Hauptkontingent der Kaufhauskunst ausmachten. Und zwar mit der Begründung, diese Machwerke seien eben „schlecht gemacht“, hätten keine künstlerische Qualität. Natürlich bedeutet Übernahme von Bestand der Kultur der Herrschenden immer auch Transformation im Matetial, oder Herstellungsverzicht allein schon wegen der geringen Preise, die die Unterschicht für den Kulturerwerb zahlen konnte. Aber solche Qualitätsbestimmungen sind nicht nur äußerst schwierig, sondern auch sinnlos. Denn ein „Original-Pisanello-Hirsch“ in der Wohnung eines Bauunternehmers, der ansonsten kräftig die Pissoirhausarchitektur unserer Städte fördert, - ein solcher Pisanello wird dort genauso als Kitsch erscheinen wie der Kaufhausschinken. Unser Vorschlag ist es, nicht mehr solche Bestimmungen von Objektcharakteren in den Vordergrund zu rücken, sondern die Art der Aneignung und des Gebrauchs won Objekten zum Unterscheidungsmerkmal zu wählen. Kitsch wäre demnach nicht eine Urteilskategorie, die der Beschaffenheit des Objekts zukommt, sondern dem Verhältnis des Menschen zum Gegenstand.

Auch in dieser Akzentverlagerung spielt die Beschaffenheit des Gegenstandes noch eine Rolle: z.B. wenn sie bestimmte Qualitäten nur vortäuscht, d.h. also wenn es nur so zu sein scheint, als ließe sich der Gegenstand in bestimmter Weise gebrauchen (taktite Qualitäten von Holz etwa sind nicht aktualisierbar, wenn nur Folie mit Holzmaserung verwendet wird). Zur Beschaffenheit eines Bildes zählt auch das, was das Bild darstellt, wovon es handelt, worüber es Aussagen macht. In unserem Falle also „der röhrende Hirsch“ selber. Dieser Hirsch kann natürlich als Inhalt „Folie mit Maserung“ sein, dann wäre jeder Gebrauch dieses Bildes schon von vornherein belastet, kitschwerdächtig. „Der Hirsch“ muß nicht in jedem Fall abgesunkenes Kulturgut einer Oberschicht sein, sondern kann einer kulturellen Tradition entstammen, die nur noch in Imitaten ihrer selbst überkommen ist, deren lebendige Bestimmung durch das Leben von Menschen aber längst verloren wurde. Man könnte also im besten Falle noch [o]riginale Objekte einer Kultur benutzen wollen; wenn deren tradierter, lebensbestimmender Zusammenhang mit den jetzigen Objektbenutzern aber völlig verlorengegangen ist, dann wird das Verhältnis der Menschen zum Objekt verändert sein und der beste Pisanellohirsch wird zum abgesunkenen Kulturgut. Umgekehrt könnte ein Mütterchen, eingeschlossen in eine Krankenstube des Altersheims, Dürers Hasen in einer Weise benutzen, die völlig gerechtfertigt wäre aus dem bestehenden Zusammenhang ihres Lebens mit einer kulturellen Tradition. In diesem Falle wäre das vermalledeite Häschen wahrlich kein abgesunkenes Kulturgut.

Ich will nur kurz andeuten, aus welchen Traditionszusammenhängen „der röhrende Hirsch“ stammt;
1. dem griechischen; 2. dem christlichen; 3. dem weltherrlich-feudalen. Ein zweistündiges Herumstöbern in der eigenen Handbibliothek erbringt nahezu 10 Beispiele, von denen hier nicht Gebrauch gemacht werden kann, die aber doch die Dichte der Erscheinung belegen, um die es hier geht.

1. Auf einem der frühesten Ionischen Statere wird bereits ein äsender Hirsch gezeigt, der in späterer Zeit als das heilige Tier der Artemis auf den Münzen von Ephesos vielfach belegt ist. Auch aus dem siebenten Jahrhundert vor Chr. stammt die schwarzfigurige Melosamphora des Nationalmuseums in Athen, auf der die Geschichte von der Hirschkuh der Artemis erzählt wird. Nehmen wir noch die Darstellung der Metope vom Tempel E in Selinunt (heute Palermo) hinzu, dann läßt sich dieser erste Traditionszusammenhang so skizzieren: Artemis (röm. Diana) galt als Herrin der freien Natur, als Beschützerin des Wildes, als Göttin der Jagd und der Geburt. Heilig war ihr die Hirschkuh von Kerygneia, die indes keine Kuh, sondern ein kapitaler Zwölfender gewesen zu sein scheint, denn sie trug ein goldenes Geweih und bronzene Hufe. Herakles versucht ein Jahr lang, die Kuh zu fangen, was ihm schließlich mit Tricks gelingt. Von Artemis um Rückgabe ihres Eigentums angehalten, redet sich H. auf einen mächtigen Auftraggeber hinaus, für den er die Sache gestartet habe. Artemis hat das Nachsehen. Immerhin wird die Kuh in Argos wieder in Freiheit gesetzt (vgl. Vergil Aen. VI und Pindar Oe. III 26 ff). Ovid erzählt mit den gleichen Elementen eine andere Geschichte: Aktaion versucht, die Göttin Artemis im Bade zu belauschen und vor allem zu besichtigen. Sie erwischt ihn und straft ihn, indem sie ihn in einen Hirsch verwandelt. Aktaions eigene Jagdhunde erkennen ihren Herrn in dieser Gestalt nicht mehr und reißen ihn. Diesen Vorgang schildert die Metope des E Tempels in S. Allerdings wird dort Aktaion noch in Menschengestalt, noch unverwandelt von seinen Kötern angefallen.

Es kommen also zusammen aus diesem Traditionskreis die folgenden Motivanklänge: heiliges Tier; Entgegensetzung Haustier (Hunde d. Jagd) und wildes Tier; Verwunschener Prinz; Natürliche Ordnung und Saeculare Kultur (goldenes Geweih, bronzene Hufe: ergänze silberne Mähne, kupfernes Fell).

2. Auf den christlichen Traditionszusammenhang läßt sich anhand der zahllosen Hirschdarsrellungen in den unterschiedlichsten Kontexten hinweisen. Für eine Gruppe (byzantinisch/ römisch: von S. Giovanni in Laterano, über das Mausoleum der Galla Placidia bis zu de[n] romanischen Kirchen Apuliens) läßt sich unter anderem auch durch textliche Parallelen sagen, daß der Hirsch Bedeutung als Vergegenständlichung der Seele hatte. V.d. Gabelentz, Winkler, Wackenagel haben Dutzende Beispiele beibringen können. Aus diesem Traditionszusammenhang stammen folgende Motivanklänge: das seelenvolle Auge, das sprechende Gesicht, die Anmut und Stärke, die treusorgende Liebe, aber auch die stolze Selbstliebe. Erweiterungen dieser frühen Kontexte wurden durch Jacobo Bellini, Piero Pollaiuolo, Pinturricchio, Pisanello, G. de Grassi und schließlich Cranach vorgenommen.

3. Aus dem weltherrlich-feudalen Traditionszusammenhang gehören folgende Motive in die heutige „röhrende Hirschproblematik“: K.v. Amira hat gezeigt, wie im „Sachsenspiegel“ der Hirsch Rechtsstreitobjekt ist: nur dem Herrn kommt die Jagd auf diesen König der Tiere in Europa zu. Hirsch ist das adlige Tiet, zeigen die englischen Miniaturen wie die Mosaiken des Rogergemachs im Palast zu Palermo; auch die Natur ist nach „hoch und niedrig“ geteilt, nach „edel und unedel“, „würdig und unwürdig“. Zu den edlen Tieren und damit den edlen Königen gehören der Hirsch, der Gepard, der Sctrwan, der Pfau und die mythologischen Greife Kentauren. Aus dieser Zuordnung zum menschlichen Selbstbewußtsein und sozialer Identität stammen die später so beliebten Symbolisierung[en] der Eigenschaften und Charaktere durch Tiere (Falschheit=Schlange etc.). Auf den flämischen, schweizerischen und bayerischen Wandteppichen des 15 . und 16 . Jahrhunderts wird die genealogische Komponente zur Symbolisierung noch weiter betont. Die kultische Verehrung des Einhorns stellte den Höhepunkt dieser Tradition dar.

Der Hirsch als Herrentier (bis in die kleinsten Analogien im Verhalten gegenüber dem Harem, Nebenbuhler, Revierebesucher etc. weidlich ausgeschlachtet von den zeitgenössischen Literaten) wird im Krönungsmantel Richards II. geradezu zum Wappentier des Herrschers (Wilton Diptychon): „Wie der Löwe in der Wüste, wie der Hirsch im lichten Tann, so herrscht der König in den Städten und Ländern“.

Drei Traditionszusammenhänge: vom Göttertier zum Seelentier und zum Königstier; Artemis, Jesus (das Otrantomosaik zeigt Diana, die auf einen Hirsch anlegt [im] Bedeutungskontext von „die Heiden schießen auf Christus“) und der König - diese drei Zusammenhänge sind in gegenständlichen Relikten („Sofahirsch“) der Tradition aufbewahrt, ohne allerdings in den meisten Fällen noch entlarvt zu werden, geschweige denn, als lebendige Beziehung von Menschen auf die Relikte zu wirken.

Diese Relikte bleiben aber, bei noch so großer ästhetischer Qualität kitschig, wenn die mit ihnen umgehenden Menschen über sie nicht mehr in den Traditionskontext einsteigen können und der traditionelle Bedeutungskontext nicht mehr an den Gegenständen manifest werden kann. Anderseits kann ein ästhetisch noch so mieses Sofahirschbild durchaus Gegenstand einer beständigen Aneignung eines Menschen auf Aussagetraditionen sein, die ihm lebendig geblieben sind und sich nicht versteinern lassen im toten Material.