Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 89

Pars pro toto

Der mikroskopische Blick veränderte die Sicht auf auf die Welt, weil unübersehbar wurde, daß selbst die kleineren Einheiten zusammengesetzt sind. Das war ein beängstigender Gedanke, weil man sich fragen mußte, ob es eine Grenze für die Rückführung des Größeren aufs immer Kleinere gäbe. Solche Grenzen waren in dem humanistischen Begriff des „Individuums“ / „atomons“ (= das Unteilbare) angesprochen. Der rettende Gedanke gegen die unbegrenzbare „Divisio“ (= Teilung), also gegen das Verschwinden der betrachteten Welt im immer detaillierteren Blick, bestand in der Erkenntnis, daß es im Kleinsten ebenso zugeht wie im Größten. Deshalb entstand zu Dürers Zeiten die Landschaftsmalerei. Sie bildete in großen Einheiten das Zusammenspiel von Teilen und Ganzem auf jeder einzelnen Stufe der Betrachtung. Welche Anforderung diese Zusammenschau des Kleinsten und Größten stellt, erhellt Werthers Brief 270 Jahre nach Dürer: „Ich bin so glücklich, mein Bester, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, daß meine Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein größerer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein Freund! Wenn's dann um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten--dann sehne ich mich oft und denke : ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papiere das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, daß es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes!--mein Freund--aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.“ (Goethe, Johann Wolfgang von; aus: Die Leiden des jungen Werther, Erstes Buch, 1770)

Abbildungen:
S. 91: Das große Rasenstück, Albrecht Dürer, 1503.
Albrecht Dürer schuf 1500-1503 eine Reihe von Zeichnungen und Wasserfarbenblättern, in denen er die Effekte der mikroskopischen Optik dem natürlichen Betrachterblick (ohne Sehhilfen) eröffnen wollte. Unter diesen Blättern sind „der kleine Hase“, „der Papagei“, „die Iris“ und „das große Rasenstück“ die bekanntesten. 
„Groß“ ist es, weil das in den Blick genommene Rasenstück für den gesamten grasbedeckten Boden steht: Man nimmt das Teil für das Ganze – pars pro toto. Neu daran war, daß man die einzelnen Elemente nicht mehr symbolisch überhöhte, um auf das Ganze hinzuweisen, sondern das Ganze als ein endloses „und so weiter“ der Teile zu verstehen lehrte.

S. 92: Fotografie von Joseph Beuys, Winfried Göllner, Jahr o.A..
Mehrfach demonstrierte Joseph Beuys in den 70er Jahren das pars pro toto im Kontext ökologischer Politik:
Wie man sich bemüht, das eigene Haus zu reinigen, galt es, den öffentlichen Raum in Stadt und Land zu säubern von schädlichen Rückständen.