Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

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Hauptweg und Nebenwege

„Reproduzierende Arbeit ist Kraft mal Weg, kreative Arbeit ist Kraft mal Umweg“, erklärt Uwe Loesch seinen Studierenden. Auf einem Gemälde von Paul Klee aus dem Jahre 1929 wird uns mit dem Bild einer strukturierten (Agri-)Kulturlandschaft veranschaulicht, was sich die Studierenden unter dem Bonmot vorstellen könnten. Klees Gemälde trägt den Titel „Hauptweg und Nebenwege“. Es zeigt die Erschließungsstruktur einer Feldordnung. Vom Hauptweg der optischen Sichtachse führen Seitenwege auf immer kleinere Felder mit immer differenzierterer Bewirtschaftung; oder vielleicht mit immer differenzierterer Besitzordnung, wie im süddeutschen Raum, wo durch viele Erbteilungen die Felder und die Lebensräume immer kleiner wurden. Nebenwege sind im Kleeschen Sinne also diejenigen, die auf die Bewirtschaftung eines Besitzers ausgerichtet sind. Wer bewirtschaftet und besitzt, ist seßhaft. Er bewegt sich vornehmlich auf Nebenwegen, also im Detail der Welt. Wer auf Hauptwegen vorankommen will, darf sich nicht an Details festmachen und an festen Besitz ketten. Er darf nicht seßhaft sein, er muß sich als Wanderer verstehen, als Viator Mundi – sein Feld ist die Welt. Die Bewegung der Menschen in der Welt ist auf Hauptwegen dynamischer. Hauptwege entwickeln einen Richtungssog. Aber auf ihnen kommt nur voran, wer den Ort seines Ausgangs hinter sich läßt und das Seine (Kapital und Wissen) mit sich führen kann. Die Lebenserfahrung lehrt, daß man einen Umweg gehen muß: zunächst sich am kleinen Ort festsetzen, ordnend wirtschaften, um zu besitzen. Nachdem man das erreicht hat, beginnt man sich vom Besitz am konkreten Weltort zu lösen und das Leben als eine Wanderschaft zu begreifen, die auf andere Ziele gerichtet ist, als auf die Bewahrung des Seinigen. Das Leben so zu entfalten, darin liegt die eigentliche Kreativität. In gewisser Weise muß man also im Leben Nebenwege beschreiten, um für den Hauptweg vorbereitet zu werden, den Weg in die Ortlosigkeit jenseits der gestaffelten Horizonte irdischer Welten.

Abbildung:
S. 7: Hauptweg und Nebenwege, Paul Klee, 1929. 
Nach Paul Klees Bildkonzept für das Gemälde „Hauptweg und Nebenwege“ stehen beide in einem Verhältnis von Ganzem zu Teilen. Das Verhältnis nannte Klee „Cardinal-Progression“, also ein voranschreitendes Teilungsverhältnis in ganzen Zahlen. So teilt sich etwa das untere Segment des Hauptwegs nach links in zwei, dann vier, dann acht, dann sechzehn Nebenwege; nach rechts beginnt die Progression mit vier, acht, sechzehn Nebenwegen. Hat man die Nebenwege ins Detail eine gewisse Strecke abgeschritten, stößt man auf ihnen wieder auf andere Hauptwege, die aber ihrerseits nur auf Nebenwege führen.