Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 9

Ruhm der Straße

Man kann ohne Übertreibung sagen, daß sich unsere Zivilisation in ihrer griechisch-etruskisch-römischen Gründerzeit vor allem an der Aufgabe entwickelte, Verkehrswege und Wasserstraßen zu bauen. Die Etrusker und Römer erschlossen das Land mit bis heute mustergültigen Ingenieursleistungen im Straßenbau, um dann an den Kreuzungen der großen Verkehrswege Städte zu planen. Von den Griechen übernahmen sie das rechtwinklige Straßenraster. Hauptstraßen bis zu 11 m breit, markierten als decumanus die die Ost-West- und als cardo die Süd-Nord-Richtung. Die von cardo und decumanus abzweigenden Nebenstraßen hatten im Durchschnitt eine Breite von 4,5 m. Haupt- und Nebenstraßen waren häufig von Bürgersteigen gesäumt, die ihrerseits erhebliche Breiten bis zu 3,5 m erreichten. Die Straßen waren mit polygonen Blöcken aus Kalkstein und Trachyt gepflastert; die Bürgersteige erhielten über kleineren Basissteinen eine Mörteldecke. Jeden Besucher ausgegrabener antiker Städte faszinieren die Spuren, die die antiken Straßennutzer im Pflaster hinterließen.

Die großen Straßen durchschnitten die Stadtmauern. Sie wurden jenseits der Stadtmauern von Epitaphen gesäumt – Grabdenkmälern für die toten Bürger der Stadt. Ihren mythischen Heroen oder politisch-militärischen Führern wurden Statuen geweiht, die in- und außerhalb der Stadt an besonderen Orten (Brunnen, Quellen, Opferaltären) entlang der Straßen aufgestellt wurden. Kleine Keramikschilder mit eingeritzten Stadtteilplänen und sprechenden Bildern an den Eckhäusern der Straßenkreuzungen erfüllten die Funktion heutiger Straßenschilder. Meilensteine markierten die jeweiligen Distanzen zum Mittelpunkt der Zivilisation: Rom. In besonderer Weise wurden die Straßen ausgezeichnet, auf der die Bürger bei den Hauptfesten des Jahres zu den Heiligtümern der Gemeinschaft feierlich prozedierten. Für die zeremoniöse Begehung der Via Sacra entwickelte man ein Repertoire an Festarchitektur mit Straßenteppichen aus Blumen und Pflanzen; mit Ehrenpforten und Girlanden. Dieser Fundus ist noch heute bei Staatsbesuchen, Wahlfeldzügen und Dorffesten geläufig.

Abbildung:
S. 8: Foto von einer noch erhaltenen Römerstraße, Fotograf: Willi Dolder.
Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert; Den Weg gehen, den man nicht wiederkommt; Der weite Weg entschuldigt euer Säumen; Des rechten Weges wohlbewußt; Doch, ach, schon auf des Weges Mitte; Ein Schritt vom Wege; Es führt kein anderer Weg nach Küßnacht; Nur über meine Leiche geht der Weg; Sicher ist der schmale Weg die Pflicht; Wege zu Kraft und Schönheit; Rosen auf den Weg gestreut; Das Veilchen, das am Wege blüht; Den Weg allen Fleisches gehen; Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.

[Fortsetzung auf S. 10]

Das Leben der antiken Griechen und Römer war auf die Straßen und öffentlichen Plätze ausgerichtet, an denen die politischen und kultischen Offizialbauten standen. Die gestalterische Differenz zwischen privaten und öffentlichen Gebäuden wie Tempeln und Markt-/Gerichtshallen war erheblich größer als heute. Die Bedeutung, die den einzelnen Bürgern zugestanden wurde, gründete sich fast ausschließlich auf deren Wirken für das Gemeinwohl. Daß wir heute unser Leben in erster Linie auf die private Sphäre in Haus und Wohnung ausrichten, also kaum noch wissen, was wir der Gemeinschaft der Bürger verdanken, war Thema von Pistolettos Installation zur Documenta IX. Das Zentrum Kassels und jeder Documenta bildet der Friedrichsplatz, der an der Nordseite vom Offizialbau des Friedericianums beherrscht wird. An der gegenüberliegenden Platzseite steht eine recht durchschnittliche Zeile bürgerlicher Wohn- und Geschäftshäuser. In einem kleinen ebenerdigen Ladenlokal des Hauses Nr. 9 rekonstruierte Pistoletto eine römische Straße nach allen Regeln antiker Ingenieurskunst. Die Straße führte vom Ladeneingang auf eine Kammer zu, in der vor einem Wandspiegel die lebensgroße Kopie einer berühmten etruskischen Rednerfigur posierte. Im Spiegel reflektierte sich außer dem Rhetor die römische Straße so, als führte sie direkt auf den Friedrichsplatz. Auf einer Seite der Straße waren im Ladenlokal ein Holztisch mit Stuhl und Fernseher, auf der anderen Seite eine Chaiselongue und ein Portrait des Künstlers von dessen Vater ausgestellt. Das sollte heißen: Wir müssen lernen, die Bedeutung der Öffentlichkeit für unser bürgerliches Leben wieder so hoch einzuschätzen wie in den Zeiten blühender Stadtgemeinschaften. Dann erst erwiese sich das Wirken von herausragenden Individuen (etwa von Künstlern) als bedeutsam für die Bürger; die Künstlerrhetoren müßten nicht mehr nur ihr eigenes Spiegelbild ansprechen.

Abbildung:
S. 10: Teil einer Installation von Michelangelo Pistoletto zur Documenta IX, Friedrichsplatz 9, Kassel 1992. Nicht sichtbar: ein lebensgroßer Nachguß einer etruskischen Rednerskultpur (1. Jhd. v. Chr.) sowie Möbelstücke, Videomonitor und Wandbild.

Anm. zur Installation (nicht im Buch):
Invited to the 1992 Documenta in Kassel, during a site inspection in July 1991 Pistoletto chose to show in a disused shop opposite the entrance to the Museum Fridericianum, the exhibition’s main venue. He then decided to call his artistic activity for the following yearHappy Turtle, molding his work into a “time continent” of thirty places in which he would metaphorically transfer his house like a turtle. The Kassel show constituted the point of arrival, with an installation that underscored the interlacing of the public and private dimensions in his work. Within his exhibition space and clearly visible from outside through two shop windows, he arranged, on one side of the room, Self-Portrait Through My Father (1933-1973) and a sofa; on the other his daughter Cristina, seated at a table, executed a performance of her own, Mouthpiece, during which she sang newspaper excerpts while eating a dish of rice. The room was cut in two by a stone construction similar to an antique Roman road, which from the open front door went all the way to the back of the shop where stood The Etruscan (1976), a copy of the bronze statue known asL’arringatore (Speaker) with its arm reaching forward to touch a mirror that reflected the statue’s own image and, in this case, the Fridericianum. For a description of the entireHappy Turtle project, see the volume edited by Cecilia Casorati and published by Carte d’Arte (Messina, 1992).
“After the opening of the reflecting threshold that offers an alterative to time-honored perspective, art must raise an arm and hold out its index finger to point, in the mirror, to the road that leads beyond the wall on which human individuality is shattering: an extremely high wall where the progressive quality of modern media mixes with old beliefs, antiquated and abhorrent associative methods, devastating rules. An arm’s length is the first distance that one can take from the tragic point of final impact. This is in the work that I presented, at the end and beginning of a road, at Documenta IX in Kassel” (Michelangelo Pistoletto,La distanza senza ritardo, in Fama & Fortune Bullettin, P&S, Vienna 1993).

Quelle: http://www.pistoletto.it/eng/crono20.htm