Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 14

Eine begehbare Weltkarte

In knapp vier Jahren (1163-1166) verfertigte der Klosterbruder Sacerdotes Pantaleone auf dem Fußboden der Kathedrale von Otranto ein Mosaik, das den Kirchgängern erlaubt, den Lebensweg der Menschheit abzuschreiten.

Sein geniales Konzept bestand darin, das Motiv des Lebensbaumes aus der Vertikale in die Horizontale zu projizieren; was bis dahin nur der anschauenden visuellen Betrachtung und Vorstellung zugänglich war, bot den Weltkindern jetzt eine Möglichkeit, leibhaftig im Plan des Welt- und Heilsgeschehens Position zu beziehen. Man stand buchstäblich auf dem Boden der Geschichte und ihrer historischen Verlaufsformen.

Jonathan, Erzbischof von Ortranto und Auftraggeber Pantaleones, kam es darauf an, die weltgeschichtliche Mission der Normannen zu würdigen. Dieses begabteste Volk unter den Staatengründern des Mittelalters hatte bereits als nordmännische Wikinger den Ostseeraum bis in die Region von Kiew, ja bis an die Nordgrenze des byzantinischen Reiches erschlossen.

Von der Normandie aus zog im Jahre 1017 ein Trupp des Normannenclans Hauteville ins byzantinisch beherrschte Italien. Seine bekanntesten Führer Robert Guiscard und dessen jüngster Bruder Tancred emanzipierten sich von ihren oströmischen Dienstherren, um auf eigene Rechnung in Süditalien und schließlich auch Sizilien – wenn auch nur für rund 100 Jahre – einen Staat zu gründen, der geschichtlich folgenreich blieb wie kaum ein zweiter.

1054 eroberten die Normannen England von den Angelsachsen und schufen damit im Nordwesten Europas die bleibenden Grundlagen eines Machtzentrums. Diese Tat verewigten sie im Städtchen Bayeux durch jenen berühmten Wandteppich, der bis heute als die umfassendste Darstellung eines historischen Ereignisbildes das normannische Selbstbewußtsein repräsentiert.

Im Fußbodenmosaik von Ortranto wird die Mission der Normannen bereits in globalen und universellen Zusammenhängen dargestellt, die ihrerseits in die christliche Heilsgeschichte und die Schöpfung der Natur eingepaßt werden.
Für Erzbischof Jonathan ein heikler Balanceakt, hatte er doch gleichermaßen seinem König Wilhelm II. wie dem amtierenden Papst Alexander III. Genüge zu leisten.
Papst Alexander III. hatte nämlich die Partei der Venezianer und der Lombarden ergriffen – gegen den Stauferkaiser Barbarossa.

Die auffällige Kennzeichnung des griechischen Weltheros Alexanders des Großen im unteren Bereich des Mosaiks, gleich rechts vom Mittelportal der Kathedrale, ist deshalb von delikater Mehrdeutigkeit. Zum einen lag das historische Alexanderreich im nunmehrigen Einflußgebiet Ostroms (Konstantinopel/Byzanz), das der Papst gegen die Normannen stützte; zum anderen war Alexander ein vorchristlicher Vereiniger der Welt, der das Beispiel für den Anspruch der christlichen Kirche auf Einheit der Menschheit gab. Diese Einheit, den katholikos, hatten aber die byzantinischen Herrscher, die zugleich Oberhäupter der Ostkirche waren, mit der Kirchenspaltung von 1054 in Frage gestellt.

Eine dritte Bedeutungsebene erhält die problematische Alexandergestalt durch die Schaukelpolitik Papst Alexanders III. wie der Normannen gegenüber den Sarazanen/Mohammedanern. Einerseits wollte man sie mit militärischer Gewalt seit dem 1. Kreuzzug von 1100 in die Welteinheit zurückzwingen; andererseits sollten ihre stauenenswerten Kulturtechniken gerade dem Aufbau dieser Einheit dienstbar gemacht werden.

Im oberen Teil des Mosaiks – räumlich über, zeitlich weit nach Alexander – wird der legendäre, von den Normannen adoptierte König Artus als zivilisatorischer Friedensstiftung direkt unter die seit Kain und Abel blutig streitenden Menschenkinder aller Zeiten versetzt.

Abbildung:
S. 14/15: Das Bodenmosaik der Kathedrale von Otranto, 1163−1165.
Zwischen Alexander und Artus wird die Evolution der Natur und des Gottesgerichts (Sintflut) geschildert. Daß Geburt und Kreuzigung Christi nicht ausdrücklich dargestellt werden, ist verständlich. Denn einerseits ist der Weltenweg als Baum mit seinen Ästen insgesamt kreuzförmig; zum anderen mündet die Zentralachse des Mosaiks auf das dreidimensional erhabene Kreuz des Altarbereichs. Auf der linken Seite Schilderung der Kulturtechniken: Ackerbau, Viehzucht und kosmische Orientierung. Auffällig die Betonung des Bewässerungssystems, das die Sarazenen in Sizilien einführten.