Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 16

Der Weg voran ist immer ein Weg zurück

Er ging ins Haus zurück und legte den Brief neben dem Diakon auf den Tisch und setzte sich. Der Diakon richtete seinen Blick auf einen hausgewirkten Teppich zu seinen Füßen, und Rogers Augen folgten den seinen. Der Teppich war sehr alt, aber eine komplizierte, labyrinthische Zeichnung in Braun und Schwarz war noch erkennbar. „Mr. Ashley, heben Sie freundlichst den Teppich hoch und schlagen Sie ihn um.“ Roger tat das. Keine Zeichnung ließ sich auf der Rückseite verfolgen. Sie zeigte eine Unmenge von Knoten und zerfransten, lose hängenden Fadenenden. Mit einer Handbewegung wies der Diakon Roger an, den Teppich wieder hinzubreiten. „Sie sind Journalist in Chicago. Ihre Schwester ist dort Sängerin. Ihre Mutter führt eine Pension in Coaltown. Ihr Vater weilt in einem fernen Land. Das sind die Fäden und Knoten des menschlichen Lebens. Die vorbestimmte Zeichnung vermögen wir nicht zu sehen.“ Schweigen. „Das Kennzeichen der Wege Gottes ist, daß sie seltsam sind. Gott ist seltsam. ... Seine Wege sind für unsere Augen oft grausam und lächerlich“ ... Schweigen. Er senkte die Augen. Mit seinem Stock wendete er langsam und nur für Sekunden eine Ecke des Teppichs zu seinen Füßen um, so daß der Wirrwarr von Knoten und losen Fäden wieder sichtbar wurde." (Thornten Wilder: Der achte Schöpfungstag, (deutsch), 1968)

Nach dem wegen der Kompliziertheit seines Bauplanes und der Schwierigkeit des Durchgangs als Labyrinth bezeichneten Palast des Minos in Knossos auf Kreta gab man im Altertum den gleichen Namen gewissen Gebäuden oder unterirdischen Felsaushöhlungen, die viele unter sich zusammenhängende Kammern enthielten und nur einen oder wenige Ausgänge hatten. So konnte sich der Eintretende leicht verirren. In der antiken Kunst wurde das Labyrinth als ein von Mäanderwindungen gebildetes Quadrat dargestellt. Diese alte Motiv, das sich auch häufig auf römischen Fußböden fand, erfüllten die Christen mit neuem Sinn. Die in vielen alten Kirchen mit schwarzen und weißen Steinen auf den Boden gezeichneten Labyrinthe stellen mit ihren unabsehbaren Mäanderlinien das menschliche Leben mit all seinen Prüfungen, Verzögerungen und Komplikationen dar, während in der Mitte, im Ziel, das himmlische Jerusalem wartet. Der Pilger, der nicht ins Heilige Land wallfahrten konnte, konnte hier die Pilgerfahrt im Geiste oder praktisch auf den Knien nachvollziehen, etwa in Chartres auf einer Strecke von 200 Metern bei einem Durchmesser von 12 Metern. Diese Tradition reicht von der Raparatusbasilika (324) in Orléansville, Algerien, bis ins 16. Jh. Danach ging die Labyrinth-Mode von den Kirchen auf die Gartenanlagen über. (Vgl. Heinz-Mohr, Gerd: Lexikon der Symbole, 1974.)
Die Welt gerade als Labyrinth zu empfinden oder sie als labyrinthisches Modell zu bauen, eröffnet den tröstlichen Gedanken, daß es einen Ausweg gibt, auch, wenn ihn keiner kennt. Das Geheimnis um den Ausgang wurde verstärkt durch die Praxis, die Erbauer von Labyrinthen mundtot zu machen oder zu Tode zu bringen. Das Risiko des Todes drohte aber auch jedem, der ein Labyrinth zu entschlüsseln versuchte. Es bedurfte großer gedanklicher Anstrengung, der Beherrschung zauberhafter Mächte, um das Wagnis kalkulierbar zu machen. Das Kalkül beruhte auf der Einsicht, daß man bei Erzeugung eines Labyrinths systematisch vorgehen muß. Das heißt, daß eine labyrinthische Struktur immer auch einer Ordnung unterworfen ist. Heute nennen wir diese Ordnung chaotisch; aber auch das Chaos unterliegt ordnenden Gesetzmäßigkeiten, die man prinzipiell entschlüsseln kann. Leider kann die Entschlüsselung längere Zeit dauern als den Entschlüsslern zur Verfügung steht. Deshalb empfiehlt es sich, die Suchbewegungen zu systematisieren, sich also an einem roten Faden methodisch strikt zu orientieren. Ohne solche Methoden ist Entschlüsselung, ist Kryptographie bestenfalls zufällig möglich. Erfahrungsgemäß ist der stärkste rote Faden zur Psyche oder den Kenntnissen der Menschen die Liebe. Mit ihr kalkulierte Theseus, um Ariadne, der Tochter des Königs Midas, ihr Geheimnis zu entlocken: Sie wußte, daß der Labyrinthbaumeister Dädalus einen Schlüssel zu seinem Weltmodell hinterlassen hatte, den sie Theseus aushändigte, und der seither den Namen Adriadnefaden trägt. Der rote Faden, an den wir uns halten wollen und müssen ist also eine Wegmarkierung unter Bedingungen knapper Ressourcen: wir können nicht endlos suchen, endlos [S. 17:] argumentieren, endlos voranschreiten. Deshalb werden an den Faden der Erinnerung Bedingungen gestellt, die eigentlich nur der Baumeister des Weltlabyrinths, Gott, oder die Wissenschaftler, Ingenieure, Theologen und Psychologen in der Nachfolge ihres Stammvaters Dädalus schaffen können. Schon als Kinder werden wir mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß nicht jede Markierung unseres Gangs durch die Welt als Ariadnefaden tauglich ist: leidvolle Erfahrung von Hänsel und Gretel mit dem Ausstreuen von Brotkrumen. Auch wenn am Ende alles gut ausgeht und die hexenhafte Bestie getötet wird, werden wir von der Erzählung angehalten, die Orientierung in der Welt auf verläßlichere Zeichen zu gründen: auf den Sonnenstand, den Magnetkompaß, den Lauf der Gestirne und den Gang der Uhren. Blindlings in die Welt aufzubrechen, ist naiv oder dumm. Wer einen Weg ins Unbekannte bahnt, muß auf ihm auch wieder nach Hause zurückkehren können. So stehen Labyrinthe eigentlich für unsere Sehnsucht, die Welt als geordnete zu erfahren, um jederzeit heimkehren zu können.