Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

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Wege zum Glück

Unter den Bildprogrammen, die im Fußboden des Doms zu Siena zwischen 1400 und 1550 ausgeführt wurden, fällt die Weiterentwicklung des herkömmlichen Motivs des Lebensrads besonders ins Auge. Gotische Rosetten werden allgemein im Inneren durch eine Vielzahl von Säulen gebildet. Sie repräsentieren den Begriff des Weltganzen; dabei wird dem Betrachter abverlangt, sich die tragenden Säulen (eine Analogie zur Menschengestalt) in Rotation vorzustellen. Aber man beherrscht die taumelnde Architektur und die Drohung der Instabilität, wenn man sich in den Mittelpunkt der Rosette versetzt. Von dort aus steht jede Säule wieder mit dem Fuß auf dem Boden und trägt mit dem Kapitell die verbindende Sphäre des Gebälks. Entgegen damals üblicher Auffassung, daß den Kern der stabilen Weltordnung Christus oder Maria bilden, besteht der Meister der sienesischen Rosette, die in den Fußboden intarsiert wurde, darauf, daß die Stabilität der Welt durch die Macht des Kaisers garantiert wird, in deren Schutz man sich begeben muß. Von dieser in theologischer Hinsicht riskanten Auffassung entfernt sich Meister Mussini noch weiter: Er übersetzt das Motiv der Rosette in das des Lebensrads. Als Modell dient das vom Wasser angetriebene Mühlrad mit seinen Schaufeln. Die Speichen des Rades sind wieder Säulen mit Fuß und Kapitell. Die Nabe des Speichenrades bleibt leer, weil die Menschen sich nicht mehr ins Zentrum der Bewegung zu stellen vermögen, sondern hilflos versuchen, den schwungvollen Lauf des Rades, an das sie sich klammern, im Auf und Ab des Lebens auszunutzen. Über dem Rad des Schicksals thront die Figur des Kaisers mit Sphaira und Zepter, wobei die Sphaira ihrerseits das Weltganze symbolisiert und das Zepter die feste Achse des kosmischen Gefüges. Die vier um das Rad versammelten Weisen warnen auf Spruchbändern davor, in den gesetzmäßigen Weltlauf des eigenen Glücks wegen einzugreifen und, anstatt systematisch am eigenen Leben zu arbeiten, sich auf glückliche Zufälle zu verlassen.

Abbildungen:
S. 22: Fußböden aus Stein, Mosaik, Keramik, Estrich – Geschichte, Herstellung, Restaurierung, München 1985, Rolf Wihr, Foto: E. Lantz, München.
Auch im zufälligen Formenspiel der Terrazzosprengsel bewegen wir uns in Bildern. Leonardo sah solche Bilder in Wandflecken. Der Psychomeister Rohrschach läßt sie uns klecksen, um auf den chaotischen Grund unserer Seele hinabsteigen zu können.

S. 23: Glücksrad, Fußbodenintarsie von L. Mussini im Sieneser Dom (1. H. 15. Jh.). 
„Eine ganz besondere Bedeutung gewinnen diese Intarsien, denn hier haben sich die ausführenden Künstler um ganz neue speziell auf die Darstellung des Menschen hin entwickelte Technik bemüht. Man benutzte äußerst kontrastreiches Material: In weiße Marmorplatten grub man mit Meißel, Stichel oder Steinbohrer Furchen von geringer Tiefe ein, die dann mit einer pechartigen Paste ausgefüllt wurden; stärkere Schatten erzielte man durch tiefere Kerbung, helle Lichter durch den stehengelassenen weißen Hintergrund. Das Verfahren erinnert deutlich an die Niello-Technik der Goldschmiede.“ (Rossi, Ferdinando; aus: Malerei in Stein, 1969).