Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 30

Agri-Kultur

"Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan.", sagt der Psalmist (Psalm 8,7). Aber bereits zu seiner Zeit bedeutete die Aufforderung, sich die Erde untertan zu machen, daß man sie zu kultivieren hatte. Die Geste der Unterwerfung stammte noch aus dem Herrschaftsgefüge der Nomaden, die nur jagten und sammelten, was die Natur von sich aus hergab. Den Boden unter die Füße zu nehmen hieß, ihn zu bestellen, ihn zu pflegen und sich für ihn verantwortlich zu fühlen, denn die investierte Arbeit konnte sich nur auszahlen, wenn man die Pflege kontinuierlich betrieb. Man mußte am Ort bleiben, also seßhaft werden. Die Pflege des Bodens verlangte Ausdauer und Vorausplanung. Es reichte nicht, sich an jahreszeitlichen Prozessen der Naturerneuerung zu orientieren. Wer erntete, war gezwungen, Vorratshaltung zu zu betreiben: zunächst, um Saatgut für das kommende Jahr zu sichern; dann, um der Erfahrung zu entsprechen, daß trotz aller Pflege des Bodens der Ertrag den Erwartungen häufig nicht genügte, also um für den Fall von Mißernten vorzusorgen. Am Ort seßhaft zu sein in der Absicht, dort auch in Zukunft zu bleiben, um so beständig den Ertrag der Arbeit zu steigern, führte zu der Herausbildung eines völlig neuen Verhältnisses der Ackerbauern zum Boden: zum Besitz. Man verfügt nicht nur über feste und bewegliche Sachen, sondern ist verpflichtet, sie zu bewahren und zu mehren. Diese Anforderung definiert, was wir seit der römischen Antike mit dem Begriff "Kultur" kennzeichnen: Beherrschung durch Pflege, Mehrung durch Dauerhaftigkeit. Beherrschung der natürlichen Kräfte wie der menschlichen Fähigkeiten wird nicht mehr vorrangig mit gewaltsamer Unterwerfung erreicht, sondern durch Leistungssteigerung. Aber das Optimum zu erreichen, erfordert Kenntnisse, Verständnis und Abstand vom kurzfristigen Erfolg durch rücksichtslose Ausbeutung. Man mußte eines späteren, aber sicheren Erfolges wegen auf die unmittelbare Nutzung verzichten, also etwa Felder brachliegen kassen und durch Wechsel der Fruchtfolgen die Regenierungsfähigkeit des Bodens erhalten. Diese agrikulturelle Forderung, Nachhaltigkeit durch verständnisvolle Voraussicht zu sichern, kennzeichnet später alle kulturelle Tätigkeit. Entwicklung, Entfaltung und Erziehung auf erst zukünftigen Nutzen hin wird zur zentralen Aufgabe von "Kultivieren" der Natur wie der Menschen. Bie allem Erfolg kultureller Optimierung blieben sich die Kultivatoren ihrer Abhängigkeit von der Natur bewußt. Durch Naturkatastrophen konnte [S. 31:] sich die Einsicht in die Abhängigkeit bis zum Gefühl steigern, der Natur ausgeliefert zu sein. Im Kult versuchte man, dieses Gefühl unter Kontrolle zu bringen. Das Wesen dieser Kulte sprechen wir noch heute in den Erntedankfesten an: "Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand; der tut mit leisem Wehen und heimlich auf und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf", dichtete Matthias Claudius um 1800. Die christliche Fassung der Naturkräfte im Bild des Schöpfergottes überformte lediglich die verschiedensten vorchristlichen Kulte wie auch ihren rituellen Vollzug. Das gilt für die Sonnenwendfeiern wie für die "österlichen" Aussaatfeste, für die Prozession zur Segnung von Feld und Vieh wie für den päpstlichen Kuß des Bodens als rituelle Bestätigung, daß die göttliche Offenbarung buchstäblich der Natur, also dem fruchtbringenden Boden, auf dem wir stehen, eingeschrieben wurde. Diese in der Schöpfung liegende Inschrift Gottes bringt der Papst in seiner feierlichen Erhebung vom Boden den Menschen zurück. Deshalb wurden Urkunden und Verträge auf dem Boden geschrieben, gleichsam in Rückversicherung auf die Lebensgarantie durch die Natur. Cartam levare hieß dieser Akt, Aufnahme der Natur in die Letztbegründung aller menschlichen Verhältnisse, vor allem der Besitzordnungen. Die ursprünglichste aller agrikulturellen Handlungen war das Ziehen einer Furche um ein Stück Land. Diese in sich geschlossene Pflugspur, mit der die Menschen die Erde öffneten und verwundeten, hieß templum und gibt damit im Begriff "Tempel" bis auf den heutigen Tag den Kultorten ihren allgemeinen Namen. Zugleich definierte das von der Ackerfurche umzogene Gelände den Besitz in seiner allen Rechtsverhältnissen zugrundeliegenden Bedeutung als den Ort, an dem sich Besitzer auch ohne den Druck sozialer Kontrolle der Verpflichtung, für den Besitz zu sorgen, unterwirft. So hatten sich weltliche Herrscher der Verantwortung für ihr Volk und ihr Land zu unterwerfen, indem sie einmal jährlich den Ritus des Pflügens vollzogen. In zahllosen Ausprägungen sind die Kulte der Fruchtbarkeit bis in unsere jüngste Vergangenheit belegt. [Sie sind] generell in einen von Frauen un einen von Männern zu vollziehenden Ritus unterscheidbar: für den Frauenritus ist das heute noch in der Ansprache von Natur als "Mutter Erde" erkennbar (weshalb in vielen Kutluren die Frauen für die Besorgung der Felder zuständig sind); für den Männerritus in dem metaphorischen Begriff "Samenstreuen".  

Abbildung:
S. 28/29: The shadows on the grasses, Gia Edzgveradze, 1996.
Der junge Georgier Gio Edzgveradze bezieht sich mit seiner Erdinschrift für die Biennale in Venedig 1996 auf das alte Bild der Erde als Pergament der Schöpfung. Die Inschrift profaniert "die Erde, aus der wir gemacht sind und in die wir zurückkehren". Eine ironische Variante lieferte Heine in seinen "Reisebildern": "Der gelehrte ** lag gewiß noch im Bette und träumte wie gewöhnlich: er wandle in einem schönen Garten, auf dessen Beeten lauter weiße, mit Zitaten beschriebene Papierchen wachsen, die im Sonnenlichte lieblich glänzen, und von denen er hier und da mehrere pflückt, und mühsam in ein neues Beet verpflanzt, während die Nachtigallen mit ihren süßesten Tönen sein altes Herz erfreuen." (Heine, Heinrich; aus: Reisebilder, Erster Teil, Harzreise, 1824)