Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 34

Ergrabene Zeit

Am 24. August des Jahres 79 nach Chr. verschüttete der Ausbruch des Vesuvs die Städte Pompeji und Herculanum, blühende Zentren römischer Zivilisation am Golf von Neapel. Die antike Überlieferung der Katastrophe blieb stets lebendig in einer schaurigen Ahnung. Überall wissen Menschen, daß sie als spätere auf geschichtlichem Boden leben – aber zumeist haben sie den Eindruck, daß sich durch Zerstörung und Verfall nur das wandelte, was auf der Erdoberfläche stand, auf der sie immer noch selber stehen. Zwar liegen die Toten in der Erde, aber man vermeidet es, die Friedhöfe als eigenen Lebensraum zu beanspruchen. Das Verhältnis von historischen Zeugnissen und Gegenwart war ein Nebeneinander. Auf den Vulkanschichten über Pompeji mußte man mit der unheimlichen Vorstellung fertig werden, nicht neben, sondern über den Toten zu leben, die sprichwörtliche Leiche im Keller zu haben. Daß das Historische und das Gegenwärtige dort nicht mehr als ein Nebeneinander, sondern als ein Übereinander erlebt wurde, veränderte die Vorstellung von der Manifestation des Zeitvergehens am konstanten Ort. Europa entwickelte schlagartig archäologisches Bewußtsein, als man Mitte des 18. Jahrhunderts begann, die antiken Stätten auszugraben, also sich am konstanten Ort in die Tiefe, und das hieß historisch in die Vergangenheit, zu bewegen. Etwas ähnliches war bereits in Rom um 1500 versucht worden. Aber von Mantegna bis zu Raffael erlebten die Zeitgenossen die Vertiefung in die Geschichte nicht so phantasiefesselnd, weil die meisten der antiken römischen Bauten, wenigstens zum Teil, noch aus dem Boden ragten. Mit den Ausgrabungen von Pompeji und Herculanum wurde ein tatsächlicher Wandel des historischen Zeitverständnisses am selben Ort erzwungen. Eine geschichtliche Epoche mußte nicht mehr nur an Fragmenten und Spuren vergegenwärtigt werden, sondern sie trat vielmehr als konservierter historischer Moment vor Augen. 1830 grub man in Pompeji eine der großen Villen aus, die „Haus des Fauns“ genannt wird, weil man zunächst auf die guterhaltene Statue dieses Naturgeistes gestoßen war. In der Exedra, einem Gartensaal des Hauses, von dem aus man den Blick auf die Anlage genoß, wurde ein Fußbodenmosaik freigelegt, das auf Grund seiner Größe (5,12 x 2,71m ohne Schmuckrahmen) und seiner Qualität bis heute als das Zeugnis dieser Bildtechnik schlechthin gilt: das „Alexandermosaik“. Die Römer verstanden sich durchaus in der Nachfolge dieses mazedonisch-griechischen Kulturhelden, der die hellenische Zivilisation weit nach Osten bis an die Grenzen Indiens verbreitete. Das römische Imperium integrierte die Reiche, die Alexanders Nachfolger vom Balkan über die heutige Türkei und das Zweistromland bis nach Ägypten errichteten. In der römischen Republik das Alexanderbild zu vergegenwärtigen hieß, sich ständig auf die zivilisatorische Mission der Römer in der Nachfolge der Hellenen zu verpflichten. Zudem profilierten sich in der Zeit, in der das Mosaik in der „Casa del Fauns“ geschaffen wurde, mindestens vier römische Konsuln für die Übernahme der historischen Rolle Alexanders im östlichen Mittelmeerraum. Das Motiv des Mosaiks ist ein entscheidender Moment aus einer der beiden großen Schlachten, die Alexander gegen den Perserkönig Darius führte. Auf steinigem Schlachtfeld, auf dem nur wenige Pflanzen und ein einziger abgestorbener Baum (formal als linksseitige Entsprechung zur aufragenden Gestalt des Genius) sichtbar sind, sprengt Alexander, durch seinen Beinamen „der Großäugige“ deutlich markiert, von links in das Zentrum des Kampfgeschehens: der Lenker von Darius’ Streitwagen wird gerade durch die mächtige Flankenattacke hellenischer Lanzenträger gezwungen, den Wagen des Befehlshabers zur Flucht in den rechten Bildvordergrund herumzureißen, wobei das Gefährt droht, einige der eigenen verwundeten Soldaten zu überrollen. Einer von ihnen stemmt seinen Kampfschild, in dem sich sein angstvolles Gesicht spiegelt, gegen das rotierende Wagenrad. Alexander hat soeben den letzten Offizier von Darius’ Leibtruppe mit einer Lanze vom Pferde geholt. Darius bemerkt diese kritische Situation, die ihn unmittelbar darauf veranlassen wird, vom Streitwagen auf das im mittleren Vordergrund herangeführte Fluchtpferd umzusteigen, um der Gefangennahme doch noch zu entgehen. Wenn auch die Übertragung der Bildvorlage ins Mosaik zu einigen formalen Ungereimtheiten geführt hat, so ist doch ihre Qualität meisterlich gewahrt. Vor allem aber ist das erzählerische Konzept von den Mosaizisten ganz verstanden worden. Zwar sprechen die historischen Quellen vom Kampf Alexanders gegen die „Barbaren“; aber Darius wird auf gleiche Weise menschlich gewürdigt wie sein Bezwinger, der nicht triumphiert, sondern im Schicksal seines Gegners das eigene zu bedenken scheint.

Abbildung:
S. 34/35: Fußbodenmosaik aus der Casa del Fauno, Pompeji, sogenannte „Alexanderschlacht“, Neapel, 2.Jh. vor Chr..
Mit rund 1,5 Millionen weißen, gelben, roten und schwarzen Marmor- und Glasperlensteinchen übertrugen örtliche Handwerker um etwa 60 vor Christus die Kopie eines Gemäldes aus der Zeit unmittelbar nach dem Tod Alexanders des Großen auf den Boden.