Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 46

Weg-Sehen

Ein irritierendes Motiv für einen Teppich: das Gesicht eines Menschen mit einer beschrifteten Augenbinde. In der Bildsprache der Medien bedeutet Verdeckung der Augenzone, daß der Abgebildete nicht identifizierbar sein soll. In der historischen Bildsprache trägt die menschengestaltige Justitia eine Augenbinde, um anzudeuten, daß Recht ohne Ansehen der individuellen Person gesprochen wird. Aus dem Fotojournalismus kennen wir Dokumente von Hinrichtungen, bei denen die zu Tötenden mit einer Augenbinde daran gehindert werden, mit den Exekutoren in Blickkontakt zu treten. Das „Blindekuh“-Spiel reizt offensichtlich viele Kinder zu erproben, wie die Umweltwahrnehmung sich verändert, wenn man gezwungen wird, zu tasten, also mit Händen und Füßen zu sehen. Der Künstler James Lee Byars trat öffentlich stets mit einer Kopfverhüllung auf, die signalisieren sollte, daß die Wahrnehmung seiner Werke auf die Erzeugung innerer Bilder/Vorstellungen auszurichten sei. Alle diese Bedeutungszusammenhänge der Augenbinde verknüpft Barbara Kruger mit Ihrer markanten Inschrift. Blind ist, wer achtlos ist. Wir folgen einander in den ausgetretenen Pfaden der Gleichgültigkeit, weil wir so vermeiden, selber andere Lebewesen mit Füßen zu treten. Diesen Sinn von Konvention irritiert der Kruger-Teppich. Er ist unkonventionell, weil man auf ihm keinen ausgetretenen Wegen folgen kann, sondern aufzupassen lernt, wohin man tritt. In dieser erzwungenen Aufmerksamkeit beginnt die Welt zu unseren Füßen zu sprechen: mind your step.

Abbildung:
S. 45: Teppich aus der Dialog-Kollektion, Vorwerk, Barbara Kruger, 1992.
„Alles, was dir zu Füßen liegt, spricht zu Dir, sobald du wegsiehst. Alle, die bisher blind zu sein schienen, folgen dir in deinen Fußspuren.“ Die New Yorker Künstlerin (geb 1945) versucht, mit ihren Arbeiten das gestalterische Potential von Werbeplakaten für eine zeitgemäße Verbreitung von Leitgedanken, wie sie früher in christlichen Kalendern formuliert wurden, zu nutzen.