Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 49

Echt echt

Augenschein für unsere Orientierung in der Welt ganz besonders angewiesen sind, haben Philosophen und Theologen seit alters warnend darauf hingewiesen, daß den Augen nicht zu trauen sei. Die Bedeutung dieser Warnung erschließt sich jedem, der optische Täuschungen erfahren hat, also z.B. auf Falschgeld hereinfiel. „Naturvölker“ machten diese Erfahrung mit der Mimikry von Tieren, die durch solche Tarnung ihre Feinde täuschen. Anpassung an die Umgebung durch Tarnung ist eine sehr effektive Strategie, sich vor Schaden zu bewahren - vorausgesetzt, man ist sich stets bewußt, getäuscht werden zu können. Aus dieser Anforderung resultiert offensichtlich das Vergnügen, mit Tarnungen zu spielen. Man übt sich darin, einer Täuschung zugleich zu unterliegen und sie zu durchschauen. Dieses ernsthafte Spiel zu bedienen, versucht etwa Volker Albus, wenn er das Motiv einer Supermarkt-Preistafel für Teppichsonderangebote selbst als Teppich präsentiert. Er gibt damit der Behauptung von „Echtheit“ die Bedeutung von Selbstbezüglichkeit: das Preisschild ist selbst, worauf es zu verweisen scheint. Ähnlich gingen die Wirker von Tabris vor - sie realisierten das Erscheinungsbild einer 100-Pfundnote als Teppich, der seinerseits einen entsprechenden Verkaufspreis hatte. Offensichtlich versuchten die Leute aus Tabris, ihren Mitbürgern den für sie völlig neuen Gedanken verständlich zu machen, daß Geld selbst zur Ware werden kann. Es ist daher richtig, den Tabris-Teppich als Kunstwerk anzusprechen, denn Kunstwerke deklarieren, daß sich ihr Wert nicht auf Waren bezieht, die man für sie eintauschen kann. Dem Spiel mit der Vertauschung von Preis und Wert verdankt jede intelligente Designleistung ihren Erfolg. Bei Luxusgütern, zu denen auch Teppiche gerechnet werden, wird der Preis, den man zahlen muß, zum Wert. „Echt ’was wert“ ist damit ein Teppich, für den man einen luxurierend hohen Preis zu zahlen hat.

Abbildungen:
S. 48: 100-Pfund-Teppich, Tabris, ca. 1900.
Es wird behauptet, daß sich der Preis einer Ware an der Arbeitszeit bemißt, die für ihre Herstellung notwendig ist und ihr Wert nach dem Gebrauchsnutzen. Welchen Nutzen hat aber Luxus?

S. 49: Echter Nepal-Teppich, Volker Albus, 1993.
Der Teppich wird zum fliegenden Zauberteppich, wenn es gelingt, die Phantasie des Betrachters jenseits von Preis und Wert zu beflügeln. Luxusgüter sind die fliegenden Teppiche der Warenwelt.

[S. 50:] 

In besonderer Weise erhöhen Teppiche aus widerstandsfähigen Mosaiksteinen oder Marmorintarsien ihren Gebrauchswert: an ihnen beißt sich die Zeit ihre Zähne aus. Bildwerte Gestaltung von Böden intensiviert die Wahrnehmung übers Auge, weil unser Gleichgewichtssinn besonderen Zumutungen ausgesetzt wird. Wir wollen auf festem Boden stehen, der durch bestimmte Merkmale charakterisiert wird, an denen wir uns gewohnheitsgemäß orientieren. Sobald diese Merkmale als Bild virtualisiert werden, müssen wir stets zwischen dem visuellen Eindruck des Bildes und der optischen Identifizierung des Bildgrundes unterscheiden. Diese gesteigerte Aufmerksamkeit läßt Bilder am Boden sehr viel auffälliger erscheinen, als wenn wir den gleichen Bildern en face an der Wand gegenüberträten. Das pompejanische Mosaikmotiv der im Wasser schwimmenden Meerestiere verbindet den Blick nach unten mit dem horizontalen – also etwa den Blick auf den Grund eines Wasserbeckens mit dem Blick in ein Aquarium. Diese Effekte verstärkten die Römer, indem sie mit derartigen Mosaiken die Regenauffangbecken in den Innenhöfen der Häuser schmückten. Das reale Wasser auf den Mosaikbildern von Meeresfauna intensivierte die Bildwirkung beträchtlich: durch Lichtreflexe und optische Brechungen. Die Darstellung der Tierbewegungen verlebendigte sich, wenn sich das Wasser im Becken kräuselte. Diesen Effekt erreichten erst wieder im Barock die Meister der Fußbodenintarsien mit der Konfrontation gegenläufiger Kippfiguren.

Abbildungen:
S. 50: Pompejanisches Mosaik, Casa del Fauno, Neapel, ca. 30 nach Christus.
Das Motiv inszeniert den Betrachterblick ins Wasser und zugleich en face wie in ein Aquarium. Fischkundler staunen noch heute über die detailgenaue Wiedergabe von Spezifika der dargestellten Meerestiere.

S. 50/51: Fußbodenmosaik-Collage.
Wo der Boden als gestalterische Aufgabe in den Blick genommen wird, bietet sich die Steinlegekunst (mit den verschiedensten Materialien) besonders an, weil sie sehr widerstandsfähig gegen Beschädigung von Wettereinflüssen, Reinigungsmitteln und Fußtritten ist. Zudem verstärkt die Mosaiktechnik die Farbwertigkeiten der Darstellungen weit über das hinaus, was Malerei vermag. In Glasfuß etwa werden durch Reflexion natürlicher oder künstlicher Lichtquellen wechselnde Glanzeffekte von großer Strahlkraft erzeugt. Optische Täuschungen verstärken sich bei Einlegearbeiten im Fußboden, weil wir von Natur aus gehalten sind, Höhen- und Tiefeneindrücke stets zu überschätzen.