Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 52

Streu und Kehricht

Das Vergnügen an Teppichdesigns, die auf dem Fußboden verstreute Blumen und illusionieren, kann man erst nachempfinden, wenn man sich daran erinnert, welche Bedeutung das Ausstreuen seit alters her hat. Auf diese Tradition bezieht sich Fußmann mit seinem Entwurf eines Blumenteppichs. Er zeigt die Blumen vereinzelt, als seien sie frisch gestreut. „Gute Frauen und gute Mädchen, tragt im Sommer Eure Schürzen voll Kräuter und Blumen zur Kirche, um sie auf den Boden von Eurem und Eurer Männer Stuhl zu streuen, daß man Lust haben kann, hierher zu kommen, wenn ihr es lieblich und schön haltet,“ forderte Peder Plade seine Mitbürgerinnen um 1800 auf. Daß wir bei Hochzeiten und Willkommen der Gäste im öffentlichen und privaten Raum den Boden bestreuen, bezieht sich erst in zweiter Linie auf des heraushebende Schmücken. Vor allem wurde nämlich gestreut, um den Standort auszuzeichnen, auf dem Paaren, Vertragspartnern oder Gästen die Wirksamkeit ihrer Worte und Handlungen ins Bewußtsein gerufen werden sollte. Die Teppiche mit Streumotiven stellten diese Auszeichnung von verpflichtenden Handlungen auf Dauer: seien es Erinnerungen an Liebesschwüre in Feld und Flur oder die Erinnerung an Feste, bei denen man die Bereitschaft feierte, sich häuslichen oder öffentlichen Pflichten zu unterwerfen, Bereits im 18. Jahrhundert gab es „Fußtapeten“, die mit „Früchten und Insekten nach dem Leben gewürckt“ waren. 1815 schrieb der preußische Minister August Neidhardt von Gneisenau an seine Gattin: ,,Für mein Wohnzimmer will ich einen solchen Teppich, als Du bereits hast nämlich Moos mit Preiselbeeren und weiße Blumen.“ Dem auf Dauer gestellte Augenschein von Bodenstreu entsprechen die im Volksglauben verbreiteten Praktiken des Kehrens: Wenn man hinter jemandem das Zimmer auskehrt so stirbt er bald, Deshalb darf auch einem scheidenden Gast nicht nachgekehrt werden. Allein schon das zufällige Anlegen bringt Krankheit und Unheil.

Abbildungen:
S. 53: Teppichboden Vorwerk, Flower Edition, Klaus Fußmann, 1998.
„Under der linden / an der heide, / da unser zweier bette was, /da mugt ir vinden / schone beide / gebrochen bluomen unde gras.“
(Walter von der Vogelweide; aus: Under der Linden, 13. Jahrhundert)

S. 54: Bodenmosaik mit der Abbildung von Speiseresten.
Das Motiv verstreuter Speisereste hat zwei Bedeutungsebenen: man opferte sie dem Genius Loci (repräsentiert durch die Hausmaus) – sie sind die sprichwörtlichen „Krumen unter dem Tisch des Herrn“; und man kaschierte nachlässiges Verhalten bei Tisch. Im übrigen galt es auch, den Abfall zu würdigen. Kaufleuten wurde empfohlen, selbst Kehricht zu verwerten, denn „wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“. Schwarzer Magie zufolge kehrten Hexen den Unrat auf dem Fußboden mit dem deshalb so genannten Hexenbesen zusammen: „Ich tret’ auf dieses Genist und verschwöre meinen Herrn Jesus Christ“.