Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 121

Wo Form ist, da ist auch Harmonie

Ursula Damm hält man manchmal vor, daß sie weit aushole, um ihre Arbeiten in philosophische oder mathematische Zusammenhänge zu stellen. Aber sie entlehnt mit den von ihr zitierten Texten von Kepler oder Proklus nicht unangemessene Autoritäten, sondern nur den Mut für die Behauptung: grundlegende Wahrheiten sind einfach. „Im gleichen Maß nun aber, in dem das Leben vor dem Körper, die Form vor der Materie den Vorrang hat, hat der harmonische Schmuck vor dem einfachen geometrischen den Vorrang ... Wie die Materie an sich diffus und unbestimmt ist, die Form aber bestimmt und geschlossen ist und der Materie Grenzen gibt, so gibt es auch der geometrischen Proportionen unbestimmt viele, der Harmonien aber nur wenige ... Die unendliche Teilungsmöglichkeit repräsentiert die Materie, die Kommensurabilität oder Aussprechbarkeit der Glieder die Form. Wie also die Materie nach der Form, der rohe Stein geeigneter Größe nach dem Bilde des menschlichen Körpers verlangt, so die figürlichen geometrischen Proportionen nach den Harmonien.“ (Kepler, Johannes; aus: Weltharmonik 1619) Wer wagt heute schon noch, als Künstler das Verlangen nach Harmonie zum Thema zu machen, zumal wenn die Erzeugung solcher Harmonie nach Regeln verläuft, die man für banal hält?! Harmonie durch Symmetrieoperationen (wie Drehen, Spiegeln, Decken) herzustellen, erscheint den Zeitgenossen als bloßes Hantieren mit toten Formeln – wo bleibt denn da das Schöpferische? Dazu Ursula Damm mit dem Euklid-Kommentar des Proklus: „Man muß also annehmen, daß die Seele selber Erzeugerin der mathematischen Begriffe ist ... Wenn aber die Seele die mathematischen Begriffe nicht besäße oder vorher anderswoher bekommen hätte und trotzdem diesen wunderbaren Ornat webt, diese so herrliche Gedankenwelt gebiert, wie vermag sie dann zu unterscheiden, ob das, was sie erzeugt hat, Wesen und Bestand besitzt, oder im Winde verfliegt und eher Schein als Sein ist?“ (Proklus; aus: Kommentar zu Euklid, 5. Jh. v. Chr.) Die schöpferische Leistung bestand für die Wissenschaftler und die Renaissance-Künstler darin, in den vielfältigsten Materien und ihren Formen derartige mathematische Begriffe aufzuspüren und anschaulich werden zu lassen. Dafür gilt als jüngstes Beispiel die Entdeckung, daß das Kohlenstoff-60-Molekül eben jenen Bauplänen entspricht, die der Architekt Buckminster Fuller in den 50er Jahren für die Lösung von Problemen bei kugelgestaltigen Architekturen gefunden hatte. Diese neuentdeckten Kohlenstoffcluster tragen seither den Namen „Buckminsterfullerene“. Ob die Bodenskulpturen von Ursula Damm, die jeden beliebigen Raum in vollständiger Harmonie und Selbstähnlichkeit aller Elemente auszufüllen vermögen, eines Tages den Namen Damm-Bodendecker tragen werden?

Abbildung:
S. 121: Spiegeln und Drehen (Muster 7/5/4), Ursula Damm, Installation im Neuen Aachener Kunstverein, 1996.
Kartonfaltungen, Spiegel und dahinter das Feld der Bodenzeichnung. Der Übereck stehende Spiegel erzeugt eine der Symmetrien, die das gezeichnete und gefaltete Feld zur Geltung bringen will.