Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 122

[Die Erdoberfläche ist vermessen]

Die Erdoberfläche ist vermessen. Über jedem Terrain liegt ein Netz von Maßen und Zahlen, in Grundbüchern gesichert. Noch in unserem Jahrhundert wurden Geometer zu literarischen Gestalten, etwa bei Franz Kafka oder Max Frisch. „Nennen Sie es Gott, ich nenne es Geometrie!“ sagt Max Frischs Don Juan. Der Zählzwang ist eine der häufigsten psychischen Auffälligkeiten – wo Vorstellungen überfordert werden und Begriffe unfaßbar bleiben, sichert die in der Welt ausgesetzte arme Seele ihre Orientierung am Ort durch ständiges zählendes Vermessen. Was immer die Welt auch sonst sein mag, sie ist jedenfalls im nahen Lebensbereich durch Messen bestimmbar, und man paßt sich ein mit der Feststellung, wievielmal der Fuß oder die Elle aneinandergereiht werden können. Was über diese unmittelbare Erfahrung hinausgeht, ist Geometrie, die dem Fuß Siebenmeilenstiefel anzieht. Gantenbein sagt: „Ich weiß jetzt nicht, wovon reden. Ich sehe nur Spannteppich.“ In Frau von Weldens Zimmer hätte er reden können oder müssen, da die adelige Dame vom bodenbedeckenden Teppich nur noch zwei schmale gekreuzte Läufer übrig ließ. Die Läufer markieren die Bewegungsachsen durch den Raum. Möglicherweise eine Vorkehrung, die Drecksspuren des Schuhwerks auf die Laufbänder zu beschränken, damit man sie unaufwendig beseitigen kann. Auf jeden Fall wird von den Bändern her die kleine Welt der Bürgerstube dabei in weitere Mikrokosmen zerlegt. Der biedermeierliche Ordnungssinn bestimmt auch noch die kleinsten Objektensemble: Nur wer Brieföffner und Federkiele ordentlich auf einer Schreibfläche zu plazieren oder Blumen in einem Topf wohlgefällig zu arrangieren weiß, genießt das Selbstvertrauen, das seine Anordnung des Heims zum Weltgehäuse stabil ist. John Armleder inszenierte das Wohngebaren von 90er-Jahre-Eliten. Die als Warenlager abgestellten Kunst- und Designwerke lassen sich beliebigen Räumen einpassen, weil das Grundmuster des Geschmacksregimes bereits festliegt: wie bei Filmen der A-Klasse, denen man dann beliebig viele B-Klasse-Kopien nachfolgen läßt. Modernität hieß Entrümpelung der engen Welt; nun hat sich der moderne Wohnmikrokosmos über den gesamten Makrokosmos der bewohnten Erde verbreitet und Faust wird gebeten, noch einmal zu wüten:
„Weh! steck ich in dem Kerker noch? / Verfluchtes dumpfes Mauerloch, / Wo selbst das liebe Himmelslicht / Trüb durch gemalte Scheiben bricht! / Beschränkt mit diesem Bücherhauf, / den Würme nagen, Staub bedeckt, / Den bis ans hohe Gewölb hinauf / Ein angeraucht Papier umsteckt; / Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt, / Mit Instrumenten vollgepfropft, / Urväter Hausrat drein gestopft – / Das ist deine Welt! das heißt eine Welt!"
(Goethe, Johann Wolfgang von; aus: Faust – Der Tragödie erster Teil, Vers 379ff., 1808)

Abbildungen:
S.122: Black Board Teppich, Eileen Gray, um 1920. 
Die Übertragung des in Paris als Platinstab hinterlegten „Ur-Meters“ auf nicht formbeständige Trägermaterialien erhöht unser Vertrauen, im Alltag nur mit Näherungen an das Vollkommene operieren zu müssen.

S.122/123: Zeichnung von Frau von Welden, Ludwig Voltz, ca. 1850.
Zeichnerische Wiedergabe des Blicks in das Biedermeierzimmer der Frau von Welden. Kreuzförmiger Teppichstreifen als Hinweis auf die Koordinaten der bürgerlichen Weltordnung.

S.123: Sagen Sie nicht nein, John Armleder, Hamburg, 1996/97.
Installation mit Werken zeitgenössischer Künstler und Designermobiliar, Teppich von Walter Dahn. Einrichtung für Menschen der 90er Jahre mit Stilkompetenz.