Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

Die Welt zu Deinen Füßen | Titelseite Die Welt zu Deinen Füßen | Inndenseite Die Welt zu Deinen Füßen Die Welt zu Deinen Füßen Die Welt zu Deinen Füßen Die Welt zu Deinen Füßen Die Welt zu Deinen Füßen
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 124

[Verschränkung von groß und klein]

„Es wirkt aber die Natur überall nur allmählich, und mehr noch im verborgenen als am hellen Tage. Das Samenkorn keimt unter der Erde und in der verhüllten Knospe ist schon wieder die Schöpfung eines neuen Geschlechtes vorbereitet. So sind ihre Verhältnisse und Einwirkungen überall tiefer, als sie erscheinen, einfacher, als sie in der ersten Mannigfaltigkeit aussehen, ... Ja die stille Gewalt, die sie ausübt, bedarf einer gleich stillen Seele, in die ihre Erscheinungen eingehen, um in ihrer Gesetzmäßigkeit ungestört bis zum Mittelpunkte zu dringen. ... Sollte es sich nicht der Mühe verlohnen, ... auch einmal von einer minder beachteten Seite, von dem Gesamtschauplatze ihrer Tätigkeit aus, der Erde in ihrem wesentlichen Verhältnis zum Menschen, nämlich der Oberfläche der Erde, das Bild und Leben der Natur in ihrem ganzen Zusammenhang so scharf und bestimmt, als Kräfte es vermögen, aufzufassen und den Gang ihrer einfachsten und am allgemeinsten verbreiteten geographischen Gesetze in den stehenden, bewegten und belebten Bildungen zu verfolgen?
In einer Wissenschaft der Erde muß diese selbst um ihre Gesetze befragt werden. Die von der Natur auf ihr errichteten Denkmale und ihre Hieroglyphenschrift müssen betrachtet, beschrieben, ... entziffert werden. Ihre Oberflächen, ihre Tiefen, ihre Höhen müssen gemessen, ihre Formen nach ihren wesentlichen Charakteren geordnet, und die Beobachter aller Zeiten und Völker, ja die Völker selbst müssen ... gehört und verstanden werden. Die daraus hervorgehenden oder längst schon überlieferten Tatsachen müssen in ihrer oft zurückgedrängten und vergessenen Menge, Mannigfaltigkeit und Einheit zu einem überschaulichen Ganzen geordnet werden.“ (Ritter, Carl; aus: Vergleich einer allgemeinen vergleichenden Geographie, 1817)

Nicht erst seit wir die Erde vom Mond aus sehen können und dies wiederum in unseren Wohnzimmern – sind wir an die Verkehrungen und Verschränkungen von Mikro und Makro, von Klein und Groß gewöhnt. Was sich vielleicht gerade am Horizont unserem Auge entzieht, weit es verschwindend klein geworden ist, wird mit Fernsehkameras aufgespürt und „live“ in den heimischen Televisor gesendet. Durch diese Mini-Guckkastenbühne kommt große weite Welt in die Etagenwohnung. Andere Anwendungen der Mikroelektronik bewirken, etwa in Gestalt telematischer Netze, eine zunehmende Universalisierung, eine weitum greifende tendenzielle Vereinheitlichung von Sprache und Leben. Längst hat sich das Verhältnis von Fern und Nah und von Groß und Klein in komplizierter Weise zersplittert und ist zum Unverhältnis geworden: Fordert die Bewältigung des Nahraums meist noch einen gewissen Kraftaufwand, so können minimalste Bewegungen, ausgeführt an kleinsten Geräten, von unglaublicher, katastrophaler Wirkung auf die große Welt sein. Die Spaltung des scheinbar Kleinsten, des Atoms, entwickelt die größten Fernwirkungen, zeigt von größter Potenz.

Abbildungen:
S. 124/125: Teppichboden, Flower Edition [Vorwerk], Rosemarie Trockel, 1998.
„Ich glaube, daß ein Grashalm nicht geringer ist als ein Tageslauf der Gestirne, Und die Ameise ist ebenso vollkommen, als ein Sandkorn und des Zaunkönigs Ei ... Und eine Maus ist Wunders genug, um Sextillionen von Ungläubigen wanken zu machen. ..." 
(Whitman, Walt; aus: Gesang von mir selbst, 1855)

S. 126, Nr. 1: Ein Quadratmeter Herbstlaub – wir sinnen und genießen. Der Biochemiker konstatiert kühl: Clostridium perfringens, Campylobater jejuni, Yersinia enterocolitica, Bacillus cererus, Listeria monocytogenes.

S. 126, Nr. 2: Mimmo Paladino, Teppichboden-Design.
Schaf und Lamm Gottes, Fisch und christliche Losung, Haus und Kirche, Ranke und Wurzel Jesse – Mikro- und Makrowelt durchdringen einander.

S. 127, Nr. 1: Mimmo Paladino, Teppichboden-Design.
Abstrakt und konkret, geometrische und tier-/menschengestaltige Figuren, geschlossene und offene Formen stimulieren das Wechselspiel von Mikro- und Makroebenen.

S. 127, Nr. 2: Gunta Stölzl, Teppichboden-Design.
Den Makrokosmos des Straßenverkehrs regeln Zeichen mit Bedeutungen, die uns vorgegeben werden. Im heimischen Mikrokosmos haben wir die Chance, Zeichen und Regeln selbst festzulegen.

S. 128:

„Konnte der Fetisch eines Zauberers dessen Stamm beeindrucken, so kann die Atombombe, die vom Physiker Heisenberg 1942 als „so groß wie eine Ananas“ angekündigt wurde, ganze Völker in Schrecken (oder ins „Gleichgewicht des Schreckens“) versetzen. „Gott waltet im Winzigsten“ – „der Teufel steckt im Detail“, es geht nicht auf. Klein und groß sind eben nicht die jeweilig gütige oder schreckliche Kehrseite des anderen. Mikro-Makro, Mini-Maxi bilden nicht bloß Antinomien wie gut-böse, Gott-Teufel, Himmel-Hölle, aus denen sich ein gesunder Durchschnitt, das normale Mittelding ergäbe. Sie sind nicht Extrempunkte eines geschlossenen Systems (wie es die Optik der Rekord-Register nahelegt, die den „längsten Flur“ oder „das kleinste Auto“ der Welt auflisten). Vielmehr ist das ehemals als geschlossen gedachte Universum aufgebrochen worden. Das Detail, die Einzelheit gilt uns heute kaum mehr als Zeugnis eines Allgemeinen oder gar eines genialen Schöpfungsplans. Das Kleine geht nicht in einem Großen und Ganzen auf – und auch das Große will sich keinem (scheinbar schon im Kleinen angelegten) Prinzip, Plan oder System fügen. Nicht, daß ein letztes, entscheidendes Sternchen zum vollendeten Mosaik fehlte: Wie in Bildern Magrittes oder Eschers geht weder das Ganze in seinen Teilen noch gehen die Teile in ihrem Ganzen auf, sind konventionelle und herkömmliche Grenzen oft nicht mehr erkennbar, greift der Inhalt eines Bildes über seinen Rahmen hinaus. So finden wir im Theater der Objekte zwar eine symbolische Ordnung, nicht jedoch ein Ganzes vor, innerhalb dessen das Subjekt einen gesicherten oder gar ordnenden Platz hätte. Damit bleiben die Not des Lebens und das Begehren erhalten.
[...]
Kleines ist nicht das leicht Handhabbare sondern das Gefährdende, Unheimliche, gerade weil es kaum perzipierbar und kontrollierbar, aber dennoch mächtig ist.“
(Rath, Claus-Dieter; aus: Das Theater mit dem Kleinen, in: Paragrana 1/92.)