Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 110

Modellbau

Gegenwärtig häufen sich im Alltag Hinweise auf Mikroprozessoren, Mikrochips, Mikroelektronik, Mikropsychologie, Mikrotheater usw. Zuvor waren uns Mikroben, Mikroskope und Mikronesien geläufig. Aus unserer märchenhaften Kinderzeit erinnern wir die Zwerge, Däumling, Gulliver und Alice im Wunderland. Mit touristischem Interesse stiegen wir ins Legoland und kauften an Souvenirständen Welten in der Nußschale oder Bonsai-Bäumchen. Mit dem Ausdruck „Welt im kleinen“ wird aber immer schon darauf verwiesen, daß sie auf die große Welt bezogen ist. Deshalb fragen wir nach der Maßstäblichkeit von groß und klein. Was als groß oder klein empfunden oder bezeichnet wird, ist eine Frage der Relation oder des Vergleichs. Der läßt sich auf verschiedenen Ebenen ziehen: im Vergleich zu Millionen Sonnensystemen ist das unsrige nur eine Mikrowelt; im Vergleich zu unserem Sonnensystem ist unser Planet wiederum eine Welt im kleinen, eine kleine im Kreis laufende blaue Murmel usw. usw. Um dieses endlose Band der Maßstäblichkeiten überhaupt für den Alltag gebrauchen zu können, kam man schon früh (z.B. in orientalischen Schöpfungsmythen, in der späthellenistischen Astrologie oder in der mittelalterlichen Mystik) darauf, den Menschen selbst zum Fixpunkt zu nehmen, von dem her die Beziehung zwischen der Mikro- und der Makrowelt ausgelegt wird. Man beschrieb die Figur des Menschen als Mikrokosmos etwa so: die Füße bedeuten die Erde, die Knochen die Steine, die Nägel die Bäume, die Haare das Gras, der Bauch das Meer, die Brust die Luft, der Kopf den Himmel, und die sieben Körperöffnungen repräsentieren die sieben Planeten unseres Sonnensystems. Damit war die Mikrowelt generell als ein Modell der Makrowelt eingeführt. Der Nutzen der Arbeit am Modell liegt auf der Hand: Sie ist kostengünstig, läßt ständige Korrekturen ohne unbeherrschbare Folgen zu und ist übersichtlicher als die jeweils reale Makrowelt, weil die Arbeit im Modell auch dann funktioniert, wenn in ihm jeweils nur die wichtigsten Einzelheiten des Gesamtzusammenhangs repräsentiert werden. Zwar steckt der Teufel im Detail wie Aby Warburg sagte, aber der Teufel ist eben nicht der Liebe Gott. Wahrhaft teuflisch werden die Details, wenn man vergißt, daß man nur in Modellen rechnet, bzw. wenn man den Menschen als Maßstab außer Acht läßt. Im Zen-Garten etwa wählt der Betrachter selbst den Maßstab, dem zufolge ringförmig um einen kahlen Stein geharkter Sand zugleich als Wellen auf dem Wasser oder Umlaufbahnen von Planeten verstanden werden kann.

Abbildung:
S. 111: Zen-Garten, Peter Arnold, o.A..
Der Zen-Garten ist ein Anschauungsmodell dafür, wie sich Mikro- und Makrowelt vereinheitlichen lassen. Die Gestaltmuster am Boden sind zugleich konkret und abstrakt, klein oder groß, nah oder fern.