Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 115

[Gullivers Reise zu den Liliputanern]

„Die Stadtmauer ist zweieinhalb Fuß hoch und wenigstens elf Zoll breit, so daß man sicher darauf reiten und fahren kann; von zehn zu zehn Fuß ist sie durch starke Türme flankiert. Ich schritt über das große Tor gen Westen und ging sehr behutsam, ja ängstlich durch die beiden Hauptstraßen, aus Sorge, ich möchte mit den Zipfeln meines Oberrockes die Dächer und Zinnen der Häuser beschädigen, ... Auch hütete ich mich wohl, auf irgendeinen Philister, der trotz des Verbotes auf eigene Verantwortung nicht zu Hause geblieben war, zu treten. ... Nachdem das Volk zum zweiten Mal gewarnt worden war, ging ich, meine Schemel in den Händen, durch die Stadt zum Palast. Als ich vor dem äußersten Gebäude ankam, stand ich auf einem Schemel, hob den andern mit der Hand über das Dachwerk und setzte ihn in den acht Fuß breiten Raum zwischen der ersten und zweiten Burg sachte nieder.“ (Swift, Jontahan; aus: Gullivers Reisen, 1726) – so bewegte sich der reisende Gulliver durch die Welt der Liliputaner. Jedes Kind hat an puppenstubenartigen Spielzeugwelten den erregenden Augenblick genossen, die großen Burgen, Bauernhöfe oder Bahnstationen plötzlich unter sich, zu den eigenen Füßen, anstatt – wie herkömmlich – vor und über sich zu sehen. Mehr als Tischmodelle verstärken die Bodenmodelle diese Umkehrung der Perspektive, da man sich in ihnen mit dem ganzen Körper und nicht nur mit Augen und Händen bewegen kann. Dadurch wird die zunächst naive, dann schaudernmachende Identifikation mit einem göttlichen oder monströsen Hyperwesen ausgelöst; man wird ohne Zaubertrunk zum Riesen. Erstaunlicherweise lernen in solchen Modellen spielende Kinder sehr schnell, daß die ihnen gegenüber den kleinen Dingen zukommende Gewalt und Allmacht gezügelt werden muß. Selbstbeherrschung und Verantwortung gegen das ohnmächtig Kleine werden gerade im Spiel mit dem Wehrlosen und Zerbrechlichen geübt.

Abbildungen:
S.115:
Nr. 1: Ambassamento, Liliana Moro, 1992.
Spiel mit den Bedeutungen „sich bücken“ und „sich herablassen“ oder „sich niederbeugen“ und „Erniedrigung“. Die Erhabenheit der Macht, zu der man den Blick aufhebt, besteht auf dem Blick von oben herab.

Nr. 2: Fußbodenmosaik, Madaba (Jordanien), ca. 560 n. Chr.
Einerseits eine Topographie des fernen Zentrums christlicher Heilsgeschichte, die Bauten und Ereignisorte durch Inschriften identifiziert. Andererseits die bloße Gestalt von Vorstellungen, die beim Zuhören und Lesen hervorgerufen werden.

S.116/117: Teppichboden, Flower Edition [Vorwerk], April Greiman, 1998.
„Hast du tausend Acker für viel gehalten? Hast du die Erde für viel gehalten? Hast du dich so lange geplagt, um lesen zu lernen? Warst du so stolz darauf, den Sinn von Gedichten zu fassen? Bleib diesen Tag und diese Nacht bei mir, un du sollst den Ursprung aller Gedichte haben.“ (Whitman, Walt; aus: Gesang von mir selbst, 1855)

S.118/119: Manhattan im Winter, Uwe Loesch, vom Empire State Building aufgenommen.
Im Kosenamen, "Big Apple", vereinigen sich amerikanische Megalomanie und ironische Verniedlichung. Dem Kindchenschema (You are my baby) korrespondiert das Gigantenschema (a big shot).