Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 134

Auf Rosen gebettet - Zitate und Teppichentwurf

 S.134: ... die Sonne, die von einer Wolke bedroht war [Auszug aus 'Swanns Welt', Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd.1], Marcel Proust, 1913:

... die Sonne, die von einer Wolke bedroht war, aber noch mit aller Kraft auf den Platz und in die Sakristei hineinprallte, färbte die roten Teppiche, die für die Feierlichkeit auf dem Boden ausgebreitet waren und auf denen Madame de Guermantes lächelnd einher-schritt, mit leuchtendem Geranienrot und überdeckte gleichzeitig das Wollgewebe, aus dem sie bestanden, mit etwas rosig Samtigem, einem Überzug von Licht, jener Art von warmer Zärtlichkeit des Tons, von ernster Süße im Prunk und in der Freude, die für einzelne Stel-len im Lohengrin Wagners und gewisse Bilder Carpaccios charakteristisch ist.

S.134: Ein alter Tibetteppich, in: Mein Wunder, Else Lasker-Schüler, 1911:

Deine Seele, die die meine liebet
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet
Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.
Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.
Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon. 

S.134: Doch halt, Was seh' ich? [Auszug aus: Das Festmahl der Belsazer], Calderon de la Barca, 1664:

Doch halt, Was seh' ich? Ist's kein Zauberbild?
Ein Weib göttlicher Schönheit, stolz und herrlich!
Für eine Lebende zu viel der Ruhe,
Doch für'ne Tote zu viel Seele noch.
Hier auf dem bunten Blumenteppich, der ihr
Smaragdnes Bett ist, liegt sie hingestreckt.
Mein Leben noch sah ich kein schöner Weib!
(...)
Ich weiß nicht, wag' ich es, ihr nach zu treten?
Mir wird nie bang, und wahrlich nicht umsonst;
Denn was steht in der Nähe mir bevor,
Wenn die mich aus der Ferne schon entzündet?

S.134: Das lila Beet da, das sind Levkojen [Auszug aus: Cécile], Theodor Fontane, 1886:

„Das lila Beet da das sind Levkojen,
nicht war?“ Und das rote“, fragte Rosa,
„Was ist das?“ „Das ist 'Brennende Liebe'“
„Mein, Gott so viel.“ „Und doch immer
noch unter der Nachfrage. Muß ich Ihnen
sagen, meine Gnädigste, wie stark der
Konsum ist?“ „Ah“, sagte Cécile mit etwas
plötzlich Aufleuchtendem in ihrem Auge,
das dem sie scharf beobachtenden Gor-
don nicht entging und ihn, mehr als alle
seine bisherigen Wahrnehmungen, über
ihre ganz auf Huldigung und Pikanterie
gestellte Natur aufklärte.

S.135: Abb. Flower Edition, First Edition [Vorwerk: Kunst der Gegenwart], Rosemarie Trockel, 1998:
Die Künstlerin Rosemarie Trockel vergegenwärtigt im Teppichboden mit Rosenmuster (First Edition) das Rosenbett der Gastmahlsfreunde, der Minnediener, der Maitressen und Geliebten – im Rokoko mit dem so praktischen Effekt, die penetrante Ausdünstung ungewaschener Leiber zu überdecken.