Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 138

Liebeszauber

Der Kölner Meister des .,Liebeszaubers" öffnet den Blick in ein Zimmer wohlhabender Bürger um das Jahr 1470 — große doppelachsige Fenster konnten sich nur Patrizier erlauben. Ungefähr in der Raummitte steht eine nackte junge Frau frontal zum Betrachter. Ihr Standschema und ihre Mimik lassen erahnen, daß sie gerade im Begriff ist, sich einem jungen Manne zuzuwenden, der aus dem Türrahmen in der hinteren Wand offensichtlich schon eine ganze Weile ihren Hantierungen zugesehen hat. Diese galten einem Beschwörungszeremoniell, welches den jungen Mann geneigt machen sollte, sich der Dame in Liebe zuzuwenden. Die junge Frau steht in sehr zierlichen Schnabelsandaletten auf einem reinlich geschrubbten Dielenboden, den sie mit Nelken, Männertreu, Schneeglöckchen und Heckenröschen bestreut hat, deren Duft auf dem unteren Spruchband als Medium der Liebessprache angesprochen wird. Zu ihrer Linken ruht auf reinlicher Decke das Schoßhündchen, das bis hierher das ihrem Körper nächste Lebewesen war. An ihrer rechten Seite, auf einem dreibeinigen Tischchen, eine geöffnete kostbare Schatulle, in deren samtenen Futteral ein Reliquar in Herzform sichtbar wird. Mit ihrer rechten Hand beträufelt die Dame das Herz mit dem Saft eines Granatapfels, der Frucht der Lebenskraft. Über ihrem rechten Unterarm trägt sie einen hauchdünnen Schleier, der sich auch um ihre Scham und die linke Wade windet: ein Hinweis auf ihre bisherige Keuschheit. Und aus dieser Keuschheit versteht sich auch ihre Nacktheit, die nur dem unschuldigen und nicht dem verführerischen Blick ausgesetzt war. Raffinierterweise wird aber die Nacktheit zusätzlich legitimiert durch das im Kamin prasselnde Feuer. Auf der kleinen Anrichte rechts unter dem Fenster, der sich die Dame gleich zuwendenwird, sind bereit die fünf Attribute des gelungenen Liebeszaubers sichtbar: Zeisig, Pfauenfeder, Naschwerk, Konvexspiegel und der feingeklöppelte Spitzenschal der verheirateten Frau.

Abbildungen:

S.138/139: Liebeszauber, Kölner Meister, 1470, Museum der Bildenden Künste Leipzig.

Wie in heutigen Comics wird mit Sprechblasen dem Sehen das Hören zugesellt, der visuellen Wahrnehmung die wortsprachliche zugeordnet. Denn zur Beschwörung des Liebeszaubers gehörte es in magischen Formeln die Blumen und Kultgegenstände zum Sprechen zu bringen.

S.140/141: Teppichboden, Flower Edition [Vorwerk], Robert Wilson, 1998.

"Ich bin eine Blume zu / Saron und eine Rose / im Tal. Wie eine Rose / unter den Dornen, so ist / meine Freundin unter / den Töchtern." (Hoheslied)