Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 164

[Friedrichs (II.) Manufaktur-Teppich]

In seinem Roman „Vor dem Sturm", der sich vor dem Hintergrund der Befreiungskriege abspielt, schildert Theodor Fontane die Räumlichkeiten des Prinzen Ferdinand, des jüngsten Bruders des Preußenkönigs Friedrich II., im alten Johanniter-Ordens-Palais am Wilhelmsplatz: „Das prinzliche Arbeitszimmer … war von größerer Behaglichkeit als sonst prinzliche Zimmer zu sein pflegen. Dicke türkische Teppiche, halbzugezogene Damastgardinen, Portieren und Lamberquins verliehen dem nicht großen Raume das, was er bei vier Fenstern und zwei Türen eigentlich nicht haben konnte, Ruhe und Geschlossenheit, und das Feuer im Kamin, indem es zugleich Licht und Wärme ausströmte, steigerte den wohligen und anheimelnden Eindruck." Was Fontane mit dem Begriff "anheimelnd" umschrieb, nahe bei biedermeierlicher Gemütlichkeit und Häuslichkeit, steht in starkem Kontrast zur Obsession jener Akteure, die vom Rokoko geprägt wurden: etwa Friedrich II. und seine Schwester Wilhelmine von Bayreuth.
Der kultivatorische Anspruch dieser Epoche unterwarf auch noch die kleinsten Leerflächen in Haus und Garten einem Gestaltungswillen, der sich aus der Beobachtung der Natur nährte: in ihr waren jedes Gräschen und jedes Buschwerk, jede Muschel und jeder Stein von bestimmter Form. Wohin man blickte - nichts bot sich dem Auge als Formen, Naturformen.
Das Schema, das ihnen allen zugrunde lag, abstrahierte man zur Rocaille, einem feingliedrigen, zarten aber bewegten Gefüge von Kraftlinien des Lebendigen, von Lebenslinien der Natur.
Sie sollte vor allem auch den Menschen, seinen Atem, seine Motorik, sein Verhalten (selbst als Krieger) überformen. Ob Friedrich Flötenkonzerte gab, philosophierte oder auf dem Schlachtfeld kommandierte: das ornamentale Muster der Rocaille beherrschte die Abläufe.
Dieser Formalismus schützte vor den grundlosen Verlockungen der Seelentiefe und des barocken Gefühlsüberschwanges. Ritualisierte Oberflächlichkeit war soziale Tugend, weil Erscheinung und Wesen vollständig ineinander aufgingen. Diese Kälte des Formalen, die vor seelischer Erschöpfung Verausgabung schützte, repräsentiert Friedrichs Manufaktur-Teppich aus der Zeit um 1765. Das Ornament aller Lebensäußerungen vor dem Bildgrund seiner metaphysischen Himmelsbläue betrachten zu können, muß ein großer Trost gewesen sein: ohne Sorge (Sanssoucis) um das Pathos des Menschlichen.

Abbildung:

S.164/65: Teppich Friedrichs II., Manufaktur Charles Vignes, ca. 1765, Stichting Huis Doorn.
Fußtapete aus der Manufaktur „Ch. Vignes Erben“, ca. 1765, aus dem Besitz Friedrichs des Großen, von Kaiser Wilhelm II. Nach Haus Doorn mitgenommen, um sich auch im holländischen Exil neben den großen Friedrich stellen zu können. Widerschein der Morgen- und Abendröte am blauenden Himmel des Welttages.