Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

Die Welt zu Deinen Füßen | Titelseite Die Welt zu Deinen Füßen | Inndenseite Die Welt zu Deinen Füßen Die Welt zu Deinen Füßen Die Welt zu Deinen Füßen Die Welt zu Deinen Füßen Die Welt zu Deinen Füßen
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 168

[Warhols Flowers]

Die Anziehungskraft von Warhols Lebens- und Arbeitsgemeinschaft auf junge Leute in den 60er Jahre läßt sich heute kaum noch nachempfinden. Während die amerikanische und europäische Jugend aller Hautfarben und Weltanschauungen gegen den Vietnamkrieg protestierte oder gegen die Apartheid in Schulen und Universitäten demonstrierte, provozierte Warhols Künstlertrupp in der Factory mit dem Lächeln der Indifferenz. Seine Mitglieder unterliefen oder sabotierten die hohen politischen und moralischen Ziele der Studenten- und Minderheitenbewegungen durch Unbeirrbarkeit, Angstfreiheit und Huldigung an banale Normalität. Sie verwiesen das Selbstverständnis der Zeitgenossen auf die höchstrangige Vorgabe der amerikanischen Verfassung, das Streben nach Glück. Und glücklich sei nur, wen nichts aufrege oder anfechte - in der Gewißheit, der Mensch sei gut und der Lauf der Dinge unerschütterlich. Alle Lebensäußerungen der Menschen, ob Hamburger mampfen, Twist tanzen, Autos bauen und fahren, seien gleichwertig. Es gebe keine Hierarchie der Werte, kein Innen und Außen, kein Hoch und Tief. High- und Low-Culture, E- und U-Musik, ooriginäres Produzieren und bloßes Reproduzieren, Einmaligkeit und endlose Wiederholung seien nur unterscheidbar mit Blick auf die Preise, die man für derartige Tätigkeiten erziele. Geld sei das Medium, in dem sich alles und jedes harmonisiere. Geld haben und ausgeben sei deshalb der höchste Ausdruck solcher Harmonie. Warhol wählte einen Mann zum Promoter und Agenten der Factory, weil er Geldzahler hieß und entsprechende Körper- und Gemütsverfassung zeigte. Amerikanische Dollarnoten waren ein erstrangiges Motiv der Siebdruckproduktion in der Factory. Den Verkehr mit seinen Klienten reduzierte Warhol radikal auf die Frage: Kauft ihr oder kauft ihr nicht? - Diskussionen erübrigen sich in beiden Fällen, da
es nnichts anderes zu diskutieren gibt, als die Frage „Geld haben oder kein Geld haben." Geld zu haben, hieß, es fortwährend ausgeben zu können, also immer zu wiederholen, was problemlos und damit glücklich macht. Was Geld brachte, wurde seinerseits endlos wiederholt wie in der industriellen Produktion, auf die sich der Name „Factory" ausdrücklich bezieht, abgesehen davon, daß das Studio in einem alten Fabrikgebäude untergebracht war. Endlos zu wiederholen, was erfolgreich ist, enthebt einen der Qual, zu entscheiden, was neu und was alt, was modern oder was traditionell, was künstlerisch oder was kunstgewerblich, was gut und was schlecht sei. Solange man sich wiederholen kann, genießt man das Glück der Dauer, auch wenn nur eines verläßlich dauert – nämlich der Wechsel der Motive, die man wiederholt: die Fortsetzungsmaschinerie der Comics und Movies, des Straßenverkehrs, der Jahreszeiten und der menschlichen Triebe garantierte diese Dauer. Indem Warhol diese Maschinerie nachahmte, eignete er sich ihre Kraft an, sich ständig nach den gleichen Regeln zu wiederholen. Er selbst wurde zur Maschine, die die Wiederkehr als höchsten Ausdruck ihres perfekten Funktionierens gewährleistete. Zum Logo dieser Garantie von Dauer in der prinzipiell endlosen Wiederkehr des Gleichen wurde das Motiv „flowers“. Es galt nicht mehr, kunstvoll Sträuße zu binden oder Kränze zu winden - es reichte, den Siebdruck oder seine beliebigen Reproduktionen auf alles zu tapezieren, was fraglich war, erschütterbar oder zu verschwinden drohte. Warhol versicherte, daß nichts vergehe, solange er oder irgendwer in seinem Sinne fortfahre, das Garantiesiegel der ewigen Wiederkehr wie eine Oblate jedermann zu spenden. Nehmet hin und seid gewiß, daß alles gut. Ich reiche euch die Blaue Blume in jedem Akt der Kommunikation, sagt getrost „ja" zum Leben.

Abbildungen:

S.168/69: Flowers, Andy Warhol, 1964, New York.
In seiner New Yorker „Factory“ aktivierte Warhol die Kraft der Blauen Blume auf „Velvet Underground“: Streben nach „fame & fortune“ ohne aufopferungsvolle Arbeit und Seelenqual.