Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 172

[Weltpanorama - Vergiß mein nicht!]

In die atmosphärische Bläue gehüllt, die seit Leonardo luftperspektivische Darstellungen kennzeichnet, breitet Lucas von Valckenborch ein Weltenpanorama des ausgehenden 16. Jahrhunderts aus. Vom rechten Bildvordergrund führt er den Blick zum linken Bildhintergrund in kontinuierlichem Übergang von der Nah- zur Fernsicht. In Nahsicht die Schilderung einer höfischen Gesellschaft, die auf einem stadtnahen bewaldeten Hügel ein Fest im Freien feiert.. In auffälliger Weise werden Paarbildungen betont. Höfisch gesittet sieht man die Paare beim Aufstieg zur Festwiese, im Gespräch oder beim Schreittanz, zu dem Musiker aufspielen und den Umstehende mit Interesse verfolgen.
Vor den Tanzenden ist auf der Rasenfläche ein Tafeltuch ausgebreitet, bedeckt mit Geschirr und Speisen. Im rechten Bildvordergrund flechten vier Hofdamen einen Blumenkranz im lebhaften Gespräch mit einem vor ihnen im Gras gelagerten Herrn. Das Gespräch kommentiert ein Hofnarr mit exaltierten Gesten. Im Bildmittelgrund die Silhouette einer Residenzstadt, deren Palast und Rathaus eindeutig auf Brüssel zur Zeit des Statthalters Erzherzog Ernst hinweisen. Vor den Toren der Stadt ein Renaissancegarten, in dem Höflinge zwischen Heckenlabyrinth, Juno-Brunnen und Rabattengehege lustwandeln. Auf einem freien Platz vor dem erzherzoglichen Schloß wird ein Ritterturnier zwischen zwei Spalieren zahlreicher Zuschauer abgehalten. Die Stadt liegt an einem inselreichen breiten Strom, der dem delta-flachen Horizont zustrebt. Das linke Ufer des Stroms säumt eine Mittelgebirgslandschaft, über der Regen niedergeht.

Die Tiefe des von Kumuluswolken durchzogenen Luftraums läßt einen Krähenschwarm erahnen, der über die Stadt zieht. Obwohl also der Maler ein Junifest des erzherzoglichen Hofes zu Brüssel schildert, bietet er dennoch keine realistische Wiedergabe des Ereignisortes. Idealtypische Bilder werden so montiert, daß alle Vorstellungen der Zeitgenossen von Weltgegenden zur Geltung kommen. So wird die Landschaft zum Weltpanorama. Zwei Weltsichten werden zusammengeführt: die der humanistischen Renaissance und die des allerchristlichen Imperiums, das damals die spanischen Habsburger regierten. Die Vermittlung der beiden läuft über den Juno-Brunnen zwischen Sadt- und Festhang. Juno/Hera genoß als Ehefrau des Göttervaters Jupiter/Zeus auch die Sympathien der Christen, weil sie die Unverbrüchlichkeit der ehelichen Bindungen überwachte. Mit ihrer Mutterschaft stand sie zudem für für die generative Kraft der Familie ein. Aus Junos Brüsten wird das Wasser des Brunnens im Stufenkelch gespeist - in Anspielung auf den Mythos zur Entstehung der Milchstraße. Junos Gesittung sind die in spanischer Hoftracht gekleideten Paare des Festes verpflichtet. Wie man im beginnenden Barock imperiales Weltdenken, höfische Lebensform und städtisches Zusammenleben mit der Wahrhnehmung der von Gott geschaffenen Natur vermittelte, schildert Barthold Hinrich Brockes in einem Gedicht, das analog zum gemalten Weltpanorama das Weltenbuch zu lesen lehrt. Den Schlüssel bietet das blaue Blümchen Vergißmeinnicht: „An einem wallenden, kristallgleichen Bach, / Der allgemach / Die glatte Flut durch tausend Blumen lenkte / Und schlanke Binsen, Klee und Gras / Mit silberreinen Tropfen tränkte, / Saß ich an einem kleinen Hügel, / Bewunderte bald in der blauen Flut / Des Luftsaphirs saphirnen Spiegel, / Bald den smaragdenen Rahm' des Grases, dessen Grün / Der güldne Sonnenstrahl beschien, / Und fand von Kräutern, Gras und Klee / In so viel tausend schönen Blättern / Aus dieses Weltbuchs ABC / So viel, so schön gemalt, so rein gezogne Lettern, / Daß ich, dadurch gerührt, den Inhalt dieser Schrift / Begierig wünschte zu verstehn. / Ich konnt es überhaupt auch alsbald sehn / Und, daß er von des großen Schöpfers Wesen / Ganz deutlich handelte, ganz deutlich lesen. / Ein jedes Gräschen war mit Linien geziert, / Ein jedes Blatt war vollgeschrieben; / Denn jedes Äderchen, durchs Licht illuminiert, / Stellt einen Buchstab vor. Allein, / Was eigentlich die Worte sein, / Blieb mir noch unbekannt, / Bis der Vergißmeinnicht fast himmelblauer Schein, / Der in dem holden Grünen strahlte / Und in dem Mittelpunkt viel güldne Striche malte, / Mir einen klaren Unterricht / Von dreien Worten gab, indem mich ihre Pracht / Auf die Gedanken bracht: / Da Gott in allem, was wir sehen, / Uns sein Allgegegenwart und wie er alles liebet / So wunderbarlich zu verstehen, / So deutlich zu erkennen gibet; / So deucht mich, hör ich durchs Gesicht, / Daß in dem saubern Blümchen hier / Sowohl zu dir als mir / Der Schöpfer der Vergißmeinnicht selbst spricht: / Vergiß mein nicht!“

Zitat im Text: Brockes, Bartold Hinrich, aus: Das Blümlein Vergißmeinnicht, in: Irdisches Vergnügen in Gott, 1728.

Abbildungen:
S.172/73: Gesellschaft im Freien, Lucas I. Van Valckenborch, 1587, Kunsthistorisches Museum Wien.
Das Bild steht mir vier weiteren in der Tradition der Jahreszeitenbilder und der Stundenbuchillustrationen. Die Schilderung der Landschaft entspricht offensichtlich nicht der herkömmlichen Identifizierung als Sinnbild des „Frühlings“. Vielmehr scheint es sich um das Monatsbild „Juno“ zu handeln.

S.174/75: Teppich-Entwurf Flower Edition [Vorwerk], Philip Taaffe, 1998.
"Frühling will das Blau befreien, / Aus der Grüne, aus dem Schein / Ruft es lockend: Ewig Dein! - / Aus der Minne Zaubereien / Muß er sehnen sich nach Fernen, / Denkt der alten Wunderpracht / Unter Blumen, Klang und Sternen / In der dunkelgrünen Nacht." (J. v. Eichendorff, aus: Gedichte, 1837)