Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 182

[Erde und Grün]

Abbildung:
S.180/181: Grünflächen, Uwe Loesch, Plakate zum Umweltschutz, 1992, Frankfurt am Main.
Das Motiv wurde für eine Plakatserie zum Umweltschutz verwendet. Die helle Fläche des abgestorbenen Rasens setzte Loesch analog zu Buchseiten und Plakatflächen, die aus abgeholzten Bäumen hergestellt werden, indem er sie später mit Schriftzügen versah.

"Ein Kind sagte: Was ist das Gras? und pflückte es mir mit vollen Händen. / ... Ich glaube es muß die Flagge meines Wesens sein, gewoben aus grünem Stoff. / Oder ich glaube, es ist das Taschentuch Gottes, / Eine duftende Gabe und Andenken, mit Absicht fallen gelassen. / Mit dem Namen des Eigentümers in einer der Ecken, so daß wir schauen und fragen mögen: / Wem gehörts? / Oder vielleicht ist das Gras selber ein Kind, das Neugeborne der Pflanzenwelt. / Oder ich glaube, es ist eine einzige große Hieroglyphe / Und bedeutet: Trieb und Wachstum sind die gleichen überall, / In breiten Zonen und schmalen Zonen, / Bei schwarzen Völkern und weißen. … Und nun scheint es mir das schöne, unverschnittene Haar von Gräbern. / Zart will ich dich behandeln, gekräuseltes Gras, / Vielleicht sprießest du aus den Brüsten junger Männer, … Vielleicht kommst du von alten Leuten, oder von der Frucht, die zu früh aus dem Schoße der / Mutter genommen, / Und nun bist du Mutterschoß. … Ins Weite und Breite drängt alles; nichts zerfällt, / Und Sterben ist anders, als je einer gedacht, Und glücklicher." (Whitman Walt, aus: Gesang von mir selbst, 1855)

Zu den Strategien der Kinder, ihre Umwelt zu entdecken, gehört es, mehr oder weniger systematisch Steine, Kisten, Planken und was sonst alles in Garten und Feld seit langem herumliegt, umzudrehen. Die Aktion ist offensichtlich so interessant, weil die Stell- und Liegeflächen, sobald sie sichtbar werden, sich deutlich von ihrem Umfeld unterscheiden. Zwar wirkt das Gras dieser Stellflächen wie abgestorben, aber dann entdeckt man, daß es in diesem scheinbar toten Areal von Regenwürmern, Käfern und Engerlingen wimmelt. Auf Nachfragen erklären Eltern und Ältere, daß sich einige Tiere gerade nicht im blühenden Rasenstück zuhause fühlen, sondern im feuchten Moder ohne Sonnenlicht. Das ist eine Herausforderung an die kindliche Phantasie. Wie soll das gehen: Leben ohne Luft und Licht, ohne die Sinnenreize der Blumen- und Blätterpracht? Leben sogar unter der Erde? Wie tief ist „unter der Erde" — von hier durch die ganze Erde bis nach Australien? Und dann beginnen die Kinder zu graben — mit Neugierde, aber in scheuer Erwartung, daß sich aus der dunklen Erde etwas Unheimliches auftue.

Abbildung:
S.183: Stoppelfeld, PhotoPress (Bott), Stockdorf / München.

Zitat:
S.183: "Auf den Stoppelfeldern von Salkhofen zwang mich die Einsamkeit jäh zu lautem Sprechen, zu Gemurmel fremder Verse, aus Ackerstaub hergeweht ... Der Pfad führt - Land afrikanisch trocken - zum Mittelpunkt der Welt. Oh Licht und Ockerwoge im reifen Roggen." (Brambach, Rainer, aus: Zwang mich die Einsamkeit, 1961)