Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 184

In die Tiefe rufen

In dem Gemälde von Anthonie de Lorme werden wir mit historischen Grabplatten konfrontiert; Carl Andre versiegelt den Boden mit 64 quadratischen Kupferplatten ohne Schrift und Zeichen; Anish Kapoor läßt uns in ein Loch im Boden blicken, unter dem er eine drei Meter tiefe kugelgestaltige Grube ausgehoben und schwarz ausgestrichen hat. Dreimal wird der Blick des Betrachters vom fest Boden aus in die Tiefe gelenkt. Der Kirchenbesucher imaginiert unmittelbar unter den Grabplatten die Begrabenen; der Museumsbesucher betritt die Platten von Andre mit der Vorstellung, die Platten ergänzten sich nach unten zu Kuben, weil er weiß, daß er einer Skulptur konfrontiert wird und nicht einer zweidimensionalen Bildoberfläche; Kapoors Besucher vermeinen zunächst eine schwarze kreisrunde Fläche vor sich auf dem Boden zu sehen — beim Nähertreten erweist sie sich als reale Öffnung des Bodens, dessen Tiefe aber wegen der schwarzen Farbe nicht real wahrgenommen, sondern nur vorgestellt werden kann.
Die Annäherung des Betrachters an die drei Auffälligkeiten des Bodens stellt gleichermaßen eine Zumutung dar — gegen die Pietät oder die Museurnsordnung oder die Sicherheit der visuellen Raumwahrnehmung. In allen drei Fällen bleibt der Betrachter seinerseits mit beiden Beinen auf ebener Erde stehen. Er verspürt allerdings eine Art Tiefensog, welche nicht durch die weitverbreitete Höhenangst ausgelöst wird. Der Höhenängstliche sieht etwas real unter sich. Der Betrachter in und vor unseren Bildwerken ist mit einer Vorstellung des Unsichtbaren und Unfaßbaren konfrontiert.
Indem er nach unten blickt, richtet sich seine Vorstellung von unten ihm entgegen - ein Blick aus der Tiefe, von jenseits des Grabes.
Es ist durchaus begründbar, daß sich diese drei Künstler mit ihren Werken einem durchgehenden Verständnis von Werkwirkung zuordnen lassen. Kapoors Experiment zur Täuschbarkeit der Sinnenwahrnehmung, Andres Bildsprache der


abstrakten Skulptur und de Lormes Meditationsstück sind Konzepten der Reformationstheologie verpflichtet. Im Gefolge der Reformation ging man zum Teil mit bilderstürmerischer Radikalität daran, das Innere der Kirchen von allem vermeintlichen Plunder falscher, also katholischer Gläubigkeit zu befreien. Nicht allein der Dekor auf und vor den Wänden, Altären und Böden wurde ausgeräumt; das Auge der Menschen sollte nicht durch Äußeres von der Konzentration auf das Wort Gottes und die theologische Begriffsarbeit abgelenkt werden. Die karge Nacktheit der Architektur, der reduzierte Augenreiz hatten die Vorstellungskraft der Gläubigen zu stärken. An die Stelle des kirchlichen oder weltlichen Kultwerts der Bilder und Werke trat ihr Wert als Bildbegriff, sie wurden zu Denkbildern. Es ging um die Bestärkung des gedanklichen Verständnisses und nicht mehr um die Bestärkung der Attraktivität von Augenschmaus und Sinnenkitzel. Wie sich diese Betrachterhaltungen herausbildeten schildert de Lorme mit seinem Blick ins Innere der Laurentiuskirche, Rotterdam. Obwohl das Gemälde zu überwiegenden Teilen die nackte gotische Architektur und den Boden der Kirche wiederzugeben scheint, stehen doch im Mittelpunkt des Bildinteresses die Kirchenbesucher. Fünf Gruppen und sechs Individuen werden in je besonderer Art der Wahrnehmung des Kirchenbodens dargestellt. Im rechten Bildvordergrund eine Dreiergruppe, die gerade eben bemerkt, daß ihr Verhalten das Interesse des Malers (und des späteren Bildbetrachters) gefunden hat - alle drei richten ihren Blick aus dem Bilde.
Nach Haltung und Verhalten, pietätvoll gelüftetem Hut und ehrfürchtiger Hinwendung auf eine Grabplatte, ist auf ihre persönliche Anteilnahme am Schicksal der Erinnerten zu schließen. Andere Besucher mit bedecktem Kopf informieren sich aus Dokumenten, diskutieren oder agitieren. Sie alle fühlen sich zu seelischer oder geistiger Aktivität umso mehr herausgefordert, als sie die karge Ausstattung dazu zwingt, sieh selbst ins Zentrum ihrer Betrachtung stellen.

Abbildungen:
S.184: 8x8 Kupferplatten, Carl Andre, 1969.
Andre erlaubt den Ausstellungsbesuchern nicht nur, die Skulptur zu betreten, sie soll betreten werden. Aus der Distanz wirkt sie, zweidimensional, beim betreten wird sie zum Kubenfeld.

S.184/185: Abwärts in die Unterwelt, Anish Kapoor Documenta IX, 1992.
Begehbares Kubengehäuse.

S.185: St. Laurentiuskirche, Südliches Seitenschiff, links der Chor, Anthonie de Lorme, Rotterdam, 1660.
Eine von mehreren Varianten im Übergang von frei imaginierten zu authentischen Wiedergaben des Kircheninneren. Dieses bemerkenswerte Motiv entwickelte de Lorme in ausdrücklichem Wettbewerb zu Saenredam, Houckegeest und van Vliet.