Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 192

[Blutströme]

Abbildung: 
S.192: High Moon, Rebecca Horn, 1991, Marian Goodman Gallery, New York.
Zwei Aufeinander gerichtete Gewehrläufe werden aus an der Decke befestigten Trichtern mit blutroter Farbe gespeist; die Farbe tropft aus den Gewehrläufen in eine Rinne.

(S.193) 

„Der kleine Fuchs stößt an die Trichter des Mondes. Das Blut beginnt in ihnen zu kreisen. Winchester-Gewehre richten ihre Läufe langsam aufeinander, zielen und fixieren sich, für Sekunden stockt der Atem. Der gleichzeitig abgefeuerte Schuß vulkanisiert die Körper, löst sie auf, sendet Zeichen bis zum Meeresgrund. Der Blutfluß gräbt, schneidet mit der Kreissäge ein Bett quer durch Manhatten zum Meer.” Rebecca Horn vergegenwärtigt in ihrer Installation das Sprachbild der „Blutströme". Das Bild baut zunächst auf die Addition realer Erfahrung des Blutvergießens in Schlachthäusern und auf -feldern, an Kultstätten und in Kliniken. Blut zu vergießen war nur ausgewiesenen Personengruppen erlaubt: Metzgern, die an ihren Läden eine rote Fahne hissen mußten, kontrolliert von Priestern; Kriegern im Auftrag ihrer Gesellschaften, kontrolliert von Richtern und Priestern; Henkern und Scharfrichtern, kontrolliert von Gerichtsherren; Ärzten, kontrolliert von ihren Kollegen; und schließlich von Priestern selber in Kuthandlungen, in denen der Erhalt einer Gemeinschaft erzwungen werden sollte. In unserem Jahrhundert erhielt endlich das Publikum der Massenmedien die Lizenz, Blut fließen zu lassen, weil der Zugang zu diesen Fotos und Filmen mit Eintrittsgeldern bezahlt wurde, wenn sie zeigten, daß Blut vergossen wurde. Wenn die Chronisten schildern wollten und wollen, daß gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Menschen alles bisher dagewesene übertreffen, greifen sie zum Bild des „Blutstroms". Es wird geschildert, wie sich das Wasser von Flüssen und Bächen rot färbt, dann werden die Flüsse zu Strömen erweitert, um eine Ahnung von der Zahl der Opfer zu geben, deren Blut sich in sie ergoß. Nicht mehr Kämpfende stehen einander gegenüber, sondern „Bestien im Blutrausch". Der Kampf wird zum Blutopfer, das die Beteiligten entsühnt, weil ein derartiges Geschehen heute nur noch in theologischen und nicht mehr in historischen Zusammenhängen verstanden werden soll.