Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 194

Abbildung:
S.194/195: Flower Edition [Vorwerk], Paul Wunderlich, 1998.

Zitat:
S.194/195: „Parsifal: Wie dünkt mich doch die Aue heut' so schön! / Wohl traf ich Wunderblumen an, / die bis zum Haupt süchtig mich umrankten; … Gurnemanz: Das ist Karfreitags-Zauber, Herr! / Parsifal: O weh', des höchsten Schmerzentag's! / Da sollte, wähn' ich, was da blüh't, / was athmet; lebt und wieder lebt, / nur trauern, ach! Und weinen?“ (Wagner, Richard. Aus: Parsifal, 1882.)

Abbildung:
S.196 und 197: Prozession des hl. Gregor, Stundenbuch von Soane, um 1500.
Der heilige Gregor läßt um 600 beim Ausbruch der Pest ein vom hl. Lukas gemaltes Marienbild einer Prozession vorantragen und sieht einen Engel auf dem Hadriansgrabmal ein blutiges Schwert in die Scheide stecken – als Zeichen der beendeten Seuche.

(S.196)
Der flämische Buchmaler verfolgt konsequent sein Gestaltungskonzept. Jede Seite wird als Oberfläche der guten alten Erde durch ein Feld blumenübersäten Rasens dargestellt. Dem Betrachter öffnet er das paradiesische Territorium für einen Blick in die Welt- und Heilsgeschichte ungefähr so, wie wir heute auf einem Grundmuster des Computerbildschirms ein „Fenster" öffnen. Auf der hier wiedergegebenen Doppelseite wird geschildert, wie um das Jahr 600 soeben zum Papst gewählte Gregor der Große eine Prozession durch Rom vom Lateran zum Hadriansgrabmal führt. Die Prozession sollte die Pest bannen, eine Seuche, von der man wußte, daß sie aus der Erdwelt finsterer Dämonen deren Agenten wie Ratten und Ungeziefer auf die Menschen gebracht wurde.
Diese finstere Unterwelt sollte ihren Schrecken für die Menschen dadurch verlieren, daß sie sich der Kraft des marianischen Lichtbildes anvertrauten, welches vom Evangelist Lukas gemalt aus dem Himmel auf Rom fiel. Am Hadriansgrab angekommen, signalisierte ein Engel auf dem Grab, daß die Prozession ihren Zweck erreicht hatte; der Engel steckte das Schwert der menschlichen Angstaggression und der heidnischen Verwahrlosung in die Scheide, nahm das Lukasbild an sich und verschwand. Seither trägt das Hadriansgrab den Namen „Engelsburg“. Prozessionen kann man als kollektive Einübungen in Vorstellungen verstehen, die die Sicht auf eine gegebene Situation vollständig verändern. Man kehrte die Blickrichtung um. Statt von der Gegenwart in die bedrohliche Zukunft zu sehen, schaute man aus der als vollendet vorgestellten Zukunft auf die Gegenwart zurück. Dadurch veränderte sich die bedrängende Macht gegenwärtiger Probleme. Wer 'sub specie futurae, sub specie mortis' zu denken vermag, sieht die Gegenwart als zukünftige Vergangenheit und ist damit selbst der Not der Zeit enthoben. Der Tod verliert seinen Schrecken für die Individuen, die sich bereits im Leben als künftige Tote, d.h. im Wartestand der Ewigkeit betrachten können. Der Buchmaler vergegenwärtigt die Zukunftsangst von Gregors Volk als eine Vergangenheit, wenn er rund 1000 Jahre später das Ereignis schildert. Damit legt er seinem Leser und Betrachter nahe, die eigenen Zukunftsängste als genauso beherrschbar aufzufassen wie die von Gregors Zeitgenossen. Eine Erzählung aus der vollendeten Zukunft nennt man eine Legende, für die historische Zeitlichkeit keine Bedeutung mehr hat.

(S.198.)
Der handwerklich noch recht schlicht arbeitende Elfenbeinschnitzer an einer der Hofwerkstätten Karls des Großen schuf den Buchdeckel für eine Textsammlung, die aus den Evangelien zusammengestellt wurde. Dieses Buch war ein Geschenk Karls d. Gr. an seine Schwester Gisela, Äbtissin in Chelles. Die Szenen aus dem Leben Jesu wurden mit Bedacht ausgewählt. In zwölf Bildfeldern wird jeweils ein Ereignis präsentiert, in dem sich die Kraft Jesu manifestiert, die heillose Angst der Menschen vor dem Kain-Schicksal, vor Wahnsinn und Krankheit, Naturkatastrophen und Hunger zu bannen. Im Zeichen des kreuzbewehrten Zepters und des aufgeschlagenen Buches, das die Herrschaft der Offenbarung über die Welt repräsentiert, ist der siegreiche Christus vorgestellt, der Bestien und Dämonen seinen Füßen unterworfen hat. Ihm nachzufolgen gelingt dem, der Sünden und Laster zu beherrschen vermag. Darin beweist sich, was wir als Wunder preisen.