Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 200

Nackt und bloß

Kaum einer anderen Gestaltungsaufgabe widmeten sich Cranach und seine Schule so bemüht, wie der Darstellung des Bodens, auf dem wir wandeln. Stets werden Kiesel und größere Steine, Lehm- und Sandboden und deren Übergänge in die Vegetation der Aufmerksamkeit des Betrachters anempfohlen. Aber es bleibt nicht beim Augenschein: In zahlreichen Variationen versuchen Cranach und die Seinen, den Tastsinn anzusprechen, indem sie ihre häufig nackten Akteure barfuß auf dem auffälligen Boden stehen oder gehen lassen. Die nackten Körper scheinen auf die Berührung durch Buschwerk, in anderen Fällen durch Leder, Metall, Stoff und Fell, zu reagieren. Offenbar spüren Cranachs Figuren die Reize der Umgebung mit der ganzen Körperoberfläche. Nacktheit versteht sich nicht mehr als statuenhafte Geschlossen- und Unversehrtheit des Körpers; an ihr wird erst recht wahrnehmbar, wie gefährdet, wie verletzlich und wie schützbedürftig der in die Welt ausgesetzte Körper ist. Damit wird dem Städter die Wertschätzung der Zivilisation nahegelegt. Haus, Burg und Stadt sind zu wahrhaft paradiesischen Orten geworden, weil man sich in ihnen den Fährnissen der rauhen Natur entziehen kann. Auch die in ihnen geforderte innere Eintracht und nach außen gerichtete Friedfertigkeit verpflichten auf paradiesisches Zusammenleben. Die Natur des Menschen aber, wie sie im Sündenfall zur Geltung kam, gefährdet Eintracht und Friedfertigkeit immer erneut. So werden von L. Cranach die biblischen Repräsentanten dieser Natur, Adam und Eva mit ihren Kindern Kain und Abel, weit vor den Grenzen der zivilisierten Welt ausgesetzt. In herkulischer Kraftanstrengung hat Adam ein Raubtier abgewehrt; mühsam wird er den Löwen zur Nahrung aufbereiten und sich mit dessen Fell bekleiden müssen. Wie sein Gesichtsausdruck zeigt, ahnt er bereits, daß all die Plackerei des Überlebens, der Fürsorge und Erziehung seine beiden Söhne nicht davon abhalten kann, ihrer Natur gemäß zu Feinden zu werden.

Abbildung:
S.201: Adam und Eva mit Kain und Abel, Lucas Cranach d. Ältere, 1528.
Die Welt ist längst bewohnt, wie Städte und Burgen im Hintergrund zeigen. Jeder Zeitgenosse durchlebt das frühe Schicksal des Menschengeschlechts immer erneut.