Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 202

[Paradies: Capri]

Abbildung:
S.202/203: Paradies (Majolikafußboden), San Michele, Anacapri, 1761.
„Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, lustig anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.“ (aus: 1.Mose, 2,9)

Touristen nennen die Insel Capri „paradiesisch." Sie sind begierig, das Licht der blauen Grotte als Vorschein jenseitiger Gefilde zu empfinden. Auch mächtige Potentaten von Tiberius bis Friedrich Alfred Krupp, von heutigen Eliten ganz abgesehen, haben auf der Insel ihre Refugien errichtet. An den Hängen des Capodimonte hatte der schwedische Arzt Axel Munthe seine Villa „San Michele" zum Hochsitz der Meditation über Gott und die Welt gemacht. San Michele selbst ist die Kirche in Anacapri, dem Hauptort der eingeborenen Inselbewohner. Obwohl in blühenden Gärten und Weinbergen tätig, wären sie nicht auf die Idee gekommen, ihre tägliche Fron als paradiesisches Leben aufzufassen. Sie schufen sich ihre Vorstellung vom Paradies auf Erden auf dem Boden ihrer Kirche. Weil diese Majolikaarbeit aus dem Jahre 1761 den gesamten Boden bedeckt, kam die Teilnahme am Gottesdienst dem Eintritt ins „wiedergewonnene Paradies" gleich: wiedergewonnen, nachdem Christus die Sünde der Welt hinweggenommen hatte. Das Wandlungsläuten markiert den Moment, in dem die Welt ins Paradies zurückversetzt wird.