Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

Die Welt zu Deinen Füßen | Titelseite Die Welt zu Deinen Füßen | Inndenseite Die Welt zu Deinen Füßen Die Welt zu Deinen Füßen Die Welt zu Deinen Füßen Die Welt zu Deinen Füßen Die Welt zu Deinen Füßen
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 218

Gespiegelter Himmel

„Unterm Hufschlag klingt die Welt / Und die Himmel schweigen. / Zwischen beiden mir gesellt, / Will der Mond sich zeigen. / Zeigt sich heut in roter Glut / An dem Erdenrande, / Gleich als ob mit heißem Blut / Er auf Erden lande." (von Arnim, Achim, aus: Ritt im Mondschein) Japanische Gartenkünstler entwickelten ein merkwürdiges Motiv: den Mondscheingarten. Mit feingemahlenem hellgrauen Sand wird das Gartenareal zum Spiegel des Mondlichts. Absicht war, den Betrachtern des Mondgartens einen besonders intensiven poetischen und ästhetischen Genuß zu bereiten, nämlich die Empfindung eines „leisen wundersamen Erstaunens". Ähnlich erstaunt, wer Valerij Bugrovs großflächiger Spiegelinstallation auf ebenem Heidegrund nahekommt. Der stille, spiegelglatte See wird zum toten Mond, der gar nicht selber scheint, sondern vom Sonnenlicht bestrahlt wird. Der Wolkenzug überformt die Erinnerung an Wasserbewegungen. Der Spiegel wird so tief, wie der Himmel hoch ist. Betritt man in der schmalen Spur den Himmelssee, erlebt man sich als Wolkentreter zu den Göttern erhoben oder erliegt, wie der gallische Häuptling Majestix, der Panik, der Himmel könnte einem auf den Kopf fallen.

Abbildung:
S.218: Himmel und Erde, Valerij Bugrov, 1991.
Über einen nur fußbreiten Einschnitt, der zugleich den Radius der Kreisfläche andeutet, kann der Betrachter ins Spiegelbild eintreten: eine zeitgemäße Erhebung zu den Himmeln.

S.219

Wie schlossen die alten Baumeister Kuppeln und Gewölbe als Himmel unterm Himmel? Die banale Antwort: Sie legten über provisorische Holzschalen Rippen aus gleichförmig behauenen Steinen, bis sie sich im Scheitelpunkt berührten. Das Eigengewicht der Steine stabilisierte ihren Zusammenhalt — ein Mirakel für den gesunden Menschenverstand. Deshalb markierten Baumeister und Steinmetze die Schlußsteine mit gezielten Anleihen licht nur bei der Theologie, sondern auch der Kosmologie und der Astrologie. Der Schlußstein repräsentierte entweder Christus, Gestirne oder magische Zeichen, die die Naturkräfte bannen sollten. Der Grundsteinlegung entsprach die Schlußsteinfügung. Heutige Benutzer oder Bewohner von Bauten bedenken dieses Verhältnis nicht mehr. Sie glauben sich mit Fug und Recht auf die Stabilität der Gefüge verlassen zu können, in denen sie hausen. - Die Spiegel auf dem Gewölbeboden sollen den Blick zurücklenken auf den Gipfelpunkt, der unser Vertrauen in die Stabilität rechtfertigt.

Abbildung:
S.219: Gastspiegelungen, Nikolaus Koliusis,1991, Installation im Ulmer Museum.
Auf dem Kachelboden des gotischen Gewölbes sind kreisrunde Spiegelflächen so ausgelegt, daß sie die Schnittstellen der Kreuzrippen reflektieren.