Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 223

Bombenteppich

Daß Bomberpiloten während ihrer Angriffe ihre psychische Anspannung mit der Liedzeile „Vom Himmel hoch, da komm ich her" so sarkastisch kommentierten, mag Legende sein; aber daß sie den Himmel mit verwüstender Kraft auf die Erde zwangen, ohne Ansehen der Sünder und Gerechten, der Krieger und Zivilisten, ist seit der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940 historisch. In der Nacht machten deutsche Do 17-Flotten die englische Industriestadt Coventry „dem Boden gleich". Wegen ihrer Rumpfgestalt hießen die Dornier-Flugzeuge „Fliegende Bleistifte", mit denen man sich in den Boden einschrieb, nachdem man ausradiert hatte, was da zuvor stand. Diese Tätigkeit nannte man zunächst „coventrieren", also wie in Coventry vorgehen. Anschaulichkeit gewann aber solches Flächenbombardement erst nach dem englischen Großangriff auf Köln am 30. und 31. Mai 1942. In der deutschen Bevölkerung verbreitete sich danach der Begriff "Bombenteppich", den man gelegt habe. Diese Beschönigung ersparten sich die Engländer; ihrem Luftmarschall Harris schien die Assoziation zum Leichentuch angemessener zu sein: „to blanket-bomb an area", also ein Gebiet flachzubomben, hieß den Bombardierten ihr Leichentuch zu bereiten (blanket = Bettlaken). Es mag auch Legende sein, daß der italienische Maler Lucio Fontana nach dem Krieg die Pinsel mit Schusterdorn und Messer vertauschte, um die Leinwand der Bilder zum Leichentuch der Malerei werden zu lassen. Er erzeugte mit Durchstichen von der Rückseite auf der Oberfläche seiner Bilder eben jene Trichterspuren, die durch die filmenden und fotografierenden Kriegsberichterstatter erstmals zur Bildwürdigkeit gekommen waren. Daß sich die Erde unter der Gewalt vom hohen Himmel kommender Sprengkraft aufgetan habe, markierte Fontana mit dem Aufschlitzen der Leinwand. Der Modernist Fontana war ein kleingläubiger Thomas der Malerei. Er glaubte ihren Produktionen erst, wenn sie Wundmale realer Ereignisse vorweisen konnten — wie Thomas Christus erst dann glaubte, als der ihm die Spur des Lanzeneinstichs im rechten Brustkorb vor Augen hielt. Fontana nannte seine Arbeiten "Concetti spaziali" - erzwungene Tiefenwirkung der Zweidimensionalität. Darauf angesprochen, daß er ursprünglich Titel wie „Mondscheinsonate oder „Unternehmen Jahrtausend" gewählt hätte, antwortete er: „Das stimmt, aber die Wahrheit muß hinter dem Bild bleiben." Besagte Namen waren die Codes für die Angriffe auf Coventry und Köln.

Abbildung:
S.223: Luftaufnahme aus dem 2. Weltkrieg.
Vermutlich ist der deutsche Fliegergeneral Milch der Erfinder des Begriffs „Bombenteppich“, der in kurzer Zeit umgangssprachlich wurde. Der englische Luftmarschall Harris verbildlichte das Flächenbombardement in dem Begriff „Bombenlaken“, einem modernen Leichentuch.

S.224/225: Teppichboden Flower Edition [Vorwerk], Rosemarie Trockel, 1998.