Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 93

Erniedrigen und Erhöhen

In politischer Absicht eine konkrete Handlung mit übergreifender Bedeutung zu verstehen, ist riskant. Beuys’ Aktion „Ausfegen“ könnte auch für politische „Säuberungen“ stehen, etwa für die Moskauer Prozesse Stalins gegen die Konkurrenten um Lenins Erbe oder die nationalsozialistische „Säuberung“ ganzer Lebensräume von Juden. Fatalerweise aktivieren auch „Säuberungen“ wie die der Museen von „entarteter Kunst“ in NS-Deutschland oder in den USA der Senatoren McCarthy oder Jesse Helms die Reinigung des jüdischen Tempels in Jerusalem durch Christus. Auch das pars pro toto von häuslicher Hygiene und alltäglicher Reinigung des öffentlichen Raums entwickelt, wenn auch ungewollt, schlimme übergreifende Bedeutung: was in der Säuberung entfernt werden soll, ist eben Abfall, Dreck und Ungeziefer. In der Tat wurden durch die historischen Säuberungen Menschen zu solchem Kehricht erniedrigt. Im erhöhenden Sinne benutzt die Schilderung des Hochzeitsgobelins das pars-pro-toto-Prinzip. „Der Staat bin ich“, deklarierte der Sonnenkönig, der auf Erden die Rolle einnahm, die der Sonne in unserem Planetensystem zukommt. Ein Individuum also verkörpert das Ganze des menschlichen Zusammenlebens auf Erden. Der rote Teppich, auf dem der König steht, markiert den Standort des Herrschers als Repräsentation des territorialen Zentrums, also des Mittelpunkts, von dem her der reale wie der symbolische Raum erschlossen werden. Die Außenwelt wird im Gobelin ihrerseits durch Bildteppiche repräsentiert. Zwischen den beiden Hintergrundgobelins eine wandgroße Spiegelfläche, in der sich die gefensterte Wand spiegelt, von der her der Betrachter der Szene folgt. Dem Spiegelraster entspricht das Raster des roten Teppichs, das wie ein geometrisches Ordnungssystem französisch-rationaler Weltmusterung dem ornamentalen Bildgeschlinge spanischer Spiritualität gegenübergesetzt wird.

Abbildung:
S. 93: französischer Gobelin, o.A..
Der französische Gobelin veranschaulicht die Hochzeit des französischen Königs Ludwig XIV. mit der spanischen Königstochter Marie Theresia im Jahr 1660. Er bekam eine Hand gereicht, meinte aber das habsburgische Spanien. Der im Wandteppich dargestellte Teppichboden markiert zugleich die Unterscheidung der Standpunkte der Akteure wie ihre Vereinigung.