Die Welt zu Deinen Füßen

Den Boden im Blick: Naturwerk - Kunstwerk - Vorwerk

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Den Boden im Blick
Warum küßt der Papst den Boden?
Warum werden rote Teppiche ausgerollt und Blumen gestreut? Wurden Sie auch schon mal ermahnt, hübsch auf dem Teppich zu bleiben oder hat man Ihnen bereits die Welt zu Füßen gelegt.

Offensichtlich hatte der Boden, auf dem wir stehen, immer schon eine elementare kulturelle Bedeutung. In Antike und Mittelalter bildete man kosmische Ordnungsvorstellungen, Weltmodelle und die Ornamente der Schöpfung auf dem Boden ab. Die Aufmerksamkeit für den Boden schwand gerade dadurch, daß man ihn in den modernen Zivilisationen von Unrat und Unebenheiten befreite, ihn betonierte und aphaltierte. Die zivilisatorische Uniformierung unserer Böden hat inzwischen eine Gegenbewegung hervorgerufen.
In Architektur und Design richtet sich heute der Blick wieder auf den Boden.

Zu den Trendsettern in diesem Bereich gehört der Teppichbodenhersteller Vorwerk, der mit Künstlern wie Robert Wilson, Rosemarie Trockel und Jeff Koons völlig neue Wege in der Bodengestaltung beschreitet.

Der bekannte Alltagsästhetiker Bazon Brock nimmt in zwölf Kapiteln je einen Entwurf aus Vorwerks Flower Edition zum Anlaß, um an Beispielen aus der Kunstgeschichte, der Architektur und Kultivierung der Natur die Welt zu unseren Füßen zu thematisieren.

Seite im Original: 94

Tief-Sehen

Caspar David Friedrichs Bilderfindung der Rückenfiguren vor Landschaft hat Karriere gemacht, weil sie den Bildbetrachter nicht nur eine Landschaft wahrnehmen, sondern die Bildbetrachtung selbst zum Thema des Bildes werden läßt. Friedrich bietet uns stets die Betrachtung an, wie Betrachter im Bilde ihrerseits die Landschaft betrachten. Damit sind wir herausgefordert, darüber nachzudenken, was die Friedrichschen Betrachter wohl empfunden und gedacht haben, als sie sich eben der gleichen Landschaft widmeten, die das Gemälde uns vor Augen stellt. So betont Friedrich die vielfältigen Einflüsse (Interessen, Stimmungen, Weltanschauungen), die unsere Wahrnehmung anleiten, oder sogar beherrschen. Deshalb können wir nicht nur, sondern müssen C.D. Friedrichs Bilder zugleich in verschiedensten Tiefenebenen lesen. Auf der Alltagsebene erleben wir vor dem Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“ (1818) die Erfahrung nach, die wir vor Abgründen als Wanderer gemacht haben: die merkwürdige Gleichzeitigkeit von Höhenangst und Kitzel beim Blick in die Tiefe. Auf der zeitgeschichtlich-politischen Bedeutungsebene werden die Gefahren angesprochen, die den Lebensraum der Bürger bedrohen – noch heute eröffnen sich uns politische „Abgründe“ und fürchten wir „erdrutschartige“ Veränderungen der „Parteienlandschaft“. Auf der theologisch-weltanschaulichen Ebene erleben wir uns als kleinste Bestandteile der elementaren Naturdynamik ewiger Verwandlung. Wir möchten ihrer dauerhaften Ordnung aber am liebsten in der Gleichmut eines nur sanft bewegten Meeres ansichtig werden, obwohl wir ahnen, daß sich dieser Zustand schnell ändern kann.

Abbildung:
S. 95: Kreidefelsen auf Rügen, Caspar David Friedrich, 1818.
Von Juni bis August des Jahres 1818 fährt Caspar David Friedrich mit seiner Frau Caroline Bommer auf Hochzeitsreise nach Vorpommern und auf die Insel Rügen. In drei großen Gemälden bezieht er sich ausdrücklich auf Landschaftsformationen der Insel als Weltort.