Formen und Funktionen.
Konstruktives von Michael Mattern (= Kataloge der Museen in Schleswig-Holstein 48)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
Leonardo da Vinci
Immer schon hat die Wahrnehmung eines so wichtigen und ereignishaften Vorgangs wie die Schwangerschaft von Frauen Interesse erregt, nicht nur bei Frauen und ihren Gebärassistenzen. Und es hatten sich Vorstellungen darüber verbreitet, was im Inneren des Frauenkörpers stattfindet, wenn er mit einem Kinde schwanger geht. Diese Vorstellungen wurden anschaulich im Sprachbild Corpus quasi Vas - der Körper ist ein Gefäß, in dem das Kind als kleiner Erwachsener wie der Pökelhering im Faß bis zur Entnahme aufbewahrt wird.
Die Anatomie der Menschen war immer die Gleiche, aber die Wahrnehmung dieser Anatomie und die Verpflichtung auf deren Bildwürdigkeit haben sich in den vergangenen 1000 Jahren geradezu dramatisch verändert.
Von kaum jemand wurde diese Veränderung derart befördert wie von Leonardo und den an ihm orientierten anatomischen Zeichnern, unter denen Vesalius für die Medizingeschichte der Wichtigste wurde.
So interessant auch die Erzählungen über Leonardos Vorgehensweisen (unerlaubter Besitz von Leichen im eigenen Studierzimmer etc.) sind, entscheidend war nicht der Zugang zu Körpern und ihrem Inneren, sondern deren Verbildlichung in der anatomischen Zeichnung, die im wahrsten Sinne Studie war, also ein Bemühen um die Wahrnehmbarkeit durch Darstellung.
Die Leonardoschen Darstellungen, z.B. des geöffneten schwangeren Leibes, ermöglichten zum ersten Mal die Zuordnung der Organe in einen Funktionszusammenhang des lebendigen Organismus. Leonardo hielt anatomische Einzelheiten erstmals für bildwürdig, obwohl die Körper als solche auch von allen früheren an der Anatomie oder Medizin Interessierten hätten wahrgenommen werden können. Aber ohne Verbildlichung des bisher Bildunwürdigen konnte die Wahrnehmung Dritter nicht angeleitet werden zu wissen, was man sieht.
Denn schlußendlich sieht man, mit Goethe, nur, was man weiß, aber man weiß nur etwas durch die Darstellung des Gesehenen.
Diese Sachverhalte haben in jüngster Zeit das Interesse von Natur- wie Geisteswissenschaftlern gefunden; und das kommt nicht von ungefähr, denn durch die Nutzung elektronischer Bildgebungsverfahren für die Bildung von Modellen, für die Ausformulierung von Hypothesen als begründete Vermutungen werden Naturwissenschaftler genötigt, den Status des Bildes als Modell des Wissens genauer einschätzen zu können und dazu müssen sie auf die 600jährigen Erfahrungen von bildenden Künstlern als Monopolisten der Bildgebung zurückgreifen. Und umgekehrt sind die Künstler und Gestalter durch den Gebrauch des Computers gezwungen, wenigstens konzeptuell herauszuarbeiten, was sie wissen, um das, was sie sehen, vorstellen, denken, fühlen und wollen, ins Bild zu bringen.
Von besonderer Wichtigkeit war der naturwissenschaftliche wie künstlerische Vorstoß in jene Mikro- oder Makrobereiche, die mit unseren natürlichen Sinnesorganen nicht angesprochen werden können. Wie eng die Vorgehensweisen der Wissenschaftler und Künstler in diesen Bereichen verknüpft sind, belegen die Rückgriffe etwa der Kleinteilchenphysiker auf das vom Dichter James Joyce hervorgebrachte Vorstellungsbild der Quarks oder des Glue - oder die von den Astrophysikern bei Künstlern entliehenen Anschauungsbegriffe wie etwa Schwarze Löcher oder Weiße Riesen oder der starken und schwachen Attraktoren.
Umgekehrt rekurrierten Künstler wie die Kubisten und zahllose andere auf die Begriffsarbeit der Wahrnehmungsphysiologen wie Helmholtz oder der Gestaltpsychologen wie Koffka/Köhler.
Mit der weiteren Verbreitung der elektronischen Bildgebung als entscheidendem Instrument des wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeitens werden die Verschränkungen zwischen beiden Vorgehensweisen enorm zunehmen. Es wird immer mehr bildende Wissenschaftler und wissenschaftsmethodisch vorgehende Künstler geben.
Für die Bewertung ihrer Arbeit wird immer mehr ein Kriterium ins Spiel gebracht, das Mathematiker seit Langem anwenden. Denn zum Erstaunen aller jener Kunst- und Kulturinteressierten, die ihren Enthusiasmus zur Überwindung eines Minderwertigkeitsgefühls gegenüber den Naturwissenschaften aufbauen, gaben Mathematiker zu Protokoll, daß sie sich angesichts ihrer geistigen Konstrukte schlicht fragen, ob etwa diese oder jene Formeln ästhetisch befriedigend oder stimmig seien.
Was man den Künstlern lange als subjektivistische Vagheit ankreidete, etwas Geschaffenes anhand von Evidenzerlebnissen ästhetischer Ausgewogenheit zu beurteilen, wurde von der naturwissenschaftlichen Konkurrenz ausdrücklich als leistungsfähiges Kriterium übernommen.
Heute erlebt jeder Normalbürger beim Onkel Doktor die bemüht allgemeinverständliche Interpretation von Verbildlichungen des Patientenkörpers, die genauso klingen wie das interpretatorische Bemühen des Museumsführers vor einem Bild von Kandinsky.