Formen und Funktionen.
Konstruktives von Michael Mattern (= Kataloge der Museen in Schleswig-Holstein 48)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
Michael Mattern
Obige Hinweise wurden natürlich nicht gegeben in der von vornherein absurden Absicht, den Gegenwartskünstler Mattern mit seinen Arbeiten auf dem Leistungsniveau von Barbari, Dürer oder Leonardo resp. der Verbildlichungsgenies heutiger Naturwissenschaft zu plazieren. Vielmehr soll der Hinweis auf bekannte Beispiele die Aufmerksamkeit für die Konzepte und Vorgehensweisen Matterns erhöhen. Erst vor dem Hintergund der immer wieder gemachten historischen Erfahrung, wie schwierig es war, die Wahrnehmung der Zeitgenossen durch neue Bildwelten auf Wissen zu orientieren und durch dieses Wissen neue Bewertungen auch der Bestände der Alltagswelt zu ermöglichen, vermag man zu würdigen, was Mattern tut.
Warum halten wir nach wie vor Landschaften und Gartenstückchen, die Beseelungswärme von Schwangeren und venezianische Ferienparadiese für bildwürdig, nicht aber jene Artefakte, mit denen wir tagtäglich hantieren und von denen wir in der Ausprägung unserer Lebensformen weitgehend abhängig sind?
Warum sind Transistoren und die aus ihnen entwickelten Chips nicht bildwürdig, wohl aber die Spelastiken von Disco-Besuchern, deren manierierte Körperaktivitäten gerade von Musikbeschallungen hervorgerufen werden, die ohne ebenjene Transistoren nicht zur Wahrnehmung gebracht werden könnten?
Warum erregen die Doktoren in der Arztpraxis unsere Aufmerksamkeit bis zur Bekundung von theatralischen Gefühlsäußerungen, die wir den Schauspielern abgeschaut haben - und fühlen uns andererseits nicht verpflichtet, zu wissen, was denn die elektronisch erzeugten Körperbilder tatsächlich für die Problematisierung von Diagnosen bedeuten?
Warum legen wir tagtäglich Tausende von Hebeln und Schaltern um, ohne auch nur die leiseste Vorstellung, geschweige denn einen Anschauungsbegriff davon haben zu wollen oder zu können, was mit "Fluß der Elektronen" gemeint ist?
Wieso benutzen wir völlig selbstverständlich Automobile, ohne wirklich darstellen zu können, was denn aus lauter totem Material ein sich selbst bewegendes, also gewissermaßen lebendiges Wesen werden läßt?
Auch hier heißt die Antwort: Wir haben bisher offensichtlich die Bildwürdigkeit dieser Sachverhalte nicht hinreichend nahegelegt bekommen. Wir vermögen als Alltagsmenschen technische Zeichnungen, Organogramme oder Architekturgrund- und -aufrisse kaum zu lesen, also angemessen wahrzunehmen, weil wir nicht gelernt haben, sie als Bildwissen zu verstehen. Selbst, wo man uns das von Seiten der Produkthersteller nahelegt, etwa durch Aushändigung von Gebrauchsanleitungen mit starken Bildanteilen, müssen wir häufig passen, weil die Autoren der Gebrauchsanleitung selber nicht den Anspruch ihrer Darstellungen auf Bildwürdigkeit erkennen und erfüllen.
Dabei sollten wir doch längst kapiert haben, worum es geht, weil wir z.B. als Ferienreisende immer wieder erfahren, daß ein bestimmtes Segment der natürlichen oder kultürlichen Umwelt erst dadurch zu einem Landschaftsbild wird, daß wir es mit den Augen von Caspar David Friedrich, Max Liebermann oder Gerhard Richter ansehen. Das heißt, erst die Verbildlichungsleistungen der Künstler, denen wir in der Wahrnehmung folgen, schafft uns das Erlebnis, tatsächlich einer Landschaft konfrontiert zu sein.
Mattern bemüht sich nun, in den vier Haupttypiken seiner Arbeit als bildender Künstler, den Konstruktionen, den Analysen, den Kombinationen und den Recyclings, etwa analog zu den Landschaftsmalern und Porträtisten ebenjene entscheidenden Funktionslogiken und Wirkweisen ins Bild zu setzen, die unsere Wahrnehmung und Bewältigungen des Alltags beherrschen: Mechaniken, Hydrauliken, Elektroniken.
Wie es vor der Arbeit der Landschaftsmaler nachweislich nicht einmal den Begriff der Landschaft gegeben hat, so wird es erst mit der sich hoffentlich rasch durchsetzenden Pionierleistung Matterns die Möglichkeit geben, unserer Lebenssituation angemessene Wissensbilder zu entwickeln.
Erst diese Bilder aktivieren unser Wissen, anhand dessen wir unsere immer noch eine und gleiche Welt in neuer Weise wahrnehmen können.