Formen und Funktionen.
Konstruktives von Michael Mattern (= Kataloge der Museen in Schleswig-Holstein 48)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
Bildwürdigkeit Bildwissen und Wissensbilder.
Nehmen wir einmal an, es träfe zu, daß sich die gute alte Welt vor dem Beginn der industriellen Revolutionen, also vor 1800, über lange Zeiträume kaum verändert hätte. Den Menschen habe sich ihre Welt vom Mittelalter bis zur Neuzeit als weitgehend stabil und einheitlich dargeboten. Zwischen ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft habe es kaum Unterschiede gegeben.
Gerade unter dieser gern gemachten Annahme stellt sich die Frage, woher dann etwa die bildenden Künstler jener Zeit ihre jeweils neuen Bildideen bezogen, wenn sich denn ihre Lebensumwelten über Jahrhunderte kaum veränderten. Die Antwort kann nur heißen:
Die Maler veränderten ihre Wahrnehmung der objektiv gleich bleibenden Welt und Umwelt. Sie fanden heraus, daß Menschen, obwohl sie alle über die gleichen Sinnesorgane, die gleichen Gemütsregungen, die gleichen Bedürfnisse (nach Nahrung und Behausung, Fortpflanzung und Gesellung, nach Anerkennung, Erfolg und Beglaubigung ihres Weltverständnisses) verfügen, dennoch die einzelnen Bestandteile der materiellen Welt sehr unterschiedlich wahrnehmen, bewerten und nutzen. Sie entdeckten also die Individualität der von Natur und den Grundbedürfnissen her gleichen Menschen.
Die äußerlich eine Welt erweiterte sich um die individuellen oder später auch subjektiv genannten Weltsichten. Der relativ einheitliche und überschaubare Lebensraum wurde reicher, differenzierter, je mehr Individuen imstande waren, ihre Sicht und ihre Bewertungen anderen mitzuteilen.
Von diesem Verständnis her erschloß sich ihnen auch ein anderes Naturverständnis. Alles, was lebt, lebt in der einen Welt. Aber die je unterschiedlichen Pflanzen und Tiere vermögen sich gleichzeitig in ihr zu erhalten, weil sie sich mit je spezifischen Stoffwechselformen, Nahrungsquellen, Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen ihre kleinen Welten in der einen Welt zu schaffen vermögen: die Nischenwelten der Vögel und Fische, der Kerbtiere und Spinnen usw..
Auf die Menschen übertragen ergab das die bereichernde Ausdifferenzierung der Welt der Handwerker, der Bauern, der Soldaten, der Höflinge usf.