Markus Lüpertz, 18 Bilder, 3 Skulpturen
Galerie Michael Werner,
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
Form und Gestalt
Grundsätzlich nutzt Lüpertz in seinen Arbeiten das Verhältnis von Abstraktion und Gestaltbildung offensiv.
Grundlegend ist die Erfahrung, daß Betrachter unter dem Diktat zur Ausbildung prägnanter Gestalten stehen.
"Abstraktion" heißt dann, "Form" und "Gestalt" zu unterscheiden, indem man Gestalt in Einzelformen auflöst.
Die Wahrnehmungspsychologen nennen solche Formen "Muster/Pattern". Wenn unser Gehirn Wahrnehmungen prozediert, bestimmt es das Wahrgenommene, indem es diese Muster durchspielt, bis sie sich in der Vorstellung zu identifizierbaren Gestalten zusammenschließen. Die "Gestaltung" (z.B. als Zeichenbildung) ist also eine Ausdrucksleistung, mit der innere Vorstellungsbilder zur Anschauung gebracht werden und nicht nur das Gesehene nachgeformt wird.
Formgebung ist eine Ausdrucksleistung, mit der die Muster/Pattern anschaulich werden, die jeder Gestaltwahrnehmung zugrunde liegen.
Die Kubisten machten es sich zur Hauptaufgabe, in ein- und demselben Bild Form und Gestalt als deutlich voneinander unterscheidbare gleichzeitig zu veranschaulichen; die kubistischen Gemälde beziehen ihre Attraktivität aus der Spannung zwischen autonomen Formen und dem Diktat der Gestaltidentifizierung.
Die Logik der Formen wurde den Kubisten durch Cézanne, aber auch durch die euklidische Geometrie nahegelegt (Deckoperationen, Spiegelungen, Drehungen von Kreis, Quadrat und Dreieck). Auf dieser Geometrie, allerdings in mehrdimensionaler Dynamisierung, beruhen auch die Muster/Pattern/Formen unseres natürlichen Kognitionsprozesses.
Seit die Kubisten programmatisch Form und Gestalt parallel und simultan ins Bild setzten, widmeten sich Künstler des 20. Jahrhunderts vor allem dem Verhältnis von Form und Gestalt in zwei radikalen Tendenzen: zum einen möglichst weitgehende Abkopplung der Form von der Gestalt (Extrem: Farbfeldmalerei), zum anderen möglichst weitgehende Auflösung der Geometrie der Formen durch Dynamisierung der Formgebung (Extrem: Pollocks Dribblings des Informel).
Dem Diktat der Gestaltwahrnehmung konnten sie alle natürlich nicht entgehen, und wenn sie sich oder ihre Bilder auf den Kopf stellten, wie Baselitz, oder in Drehbewegungen versetzten, wie Duchamp und die Kinetiker.
So wichtig auch die Markierung der Extreme im Verhältnis von Form und Gestalt gewesen ist - als stimulierend oder kreativ empfinden wir Bildwerke wie die von Lüpertz, in denen das Spiel von Form und Gestalt offen gehalten werden kann. Das erreicht man nur durch hochgradige Formalisierung - das Bild bietet sich in einer Hinsicht als abstraktes Formengefüge; in einer anderen als Veranschaulichung der Gestaltvorstellungen des Malers, die wir in Begriffen zu fassen vermögen.