Markus Lüpertz, 18 Bilder, 3 Skulpturen
Galerie Michael Werner,
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
Die Bronzen
Das Zwischen den Zuständen, das Inbetween wird umso gespenstischer, je mehr es als zeichenhafte Realisierung von Virtualität in einem Material gelingt, das seiner Natur nach jeder Anmutung von Flüchtigkeit und Vergänglichkeit widerspricht. Ein solches Material ist die Bronze.
Lüpertz scheint sich immer wieder besonders herausgefordert zu sehen, die ungeheuer delikate Differenz von Form und Gestalt in besonders großvolumigen Bronzen zur Erscheinung zu bringen.
Künstler legten sich ins Zeug, "informelle" oder "abstrakte" Plastiken (vereinzelt auch Skulpturen) zustandezubringen - in der Regel ohne Erfolg: denn zumeist entstanden bloße Dekorobjekte, dreidimensionales Ornament (Brancusi).
Ebensowenig überzeugten die sogenannten "Figurativen": Ihnen wurde alles zum betenden Jüngling, zum gefallenen Kämpfer oder zur großen Mutter oder zum surrealistischen Psychopüppchen, wie bei Bellmer.
Bis heute herausfordernd interessant sind die Resultate der Versuche von Lipchitz, Laurens und Archipenko oder Wouwer, Belling, das Spiel von autonomisierter Form und Gestaltwahrnehmungszwang durchzuhalten.
Henry Moore scheiterte, weil er die virtuellen Formen, im Volksmund "Löcher" genannt, nicht ins Gleichgewicht zu den gestaltrealisierenden bringen konnte.
Bleiben Picasso mit seinem Assemblage-Verfahren und Duchamp mit seinen Readymades. Beide verweisen auf einen historischen Ausgangspunkt, bei dem auch Lüpertz ansetzt: bei Arcimboldo, der allerdings sein Verfahren nur als Maler nutzte (heute werden solche Vorgehensweisen generell als Bildung von Hypertexten angesprochen).
Von den Metamorphosen bis zu den Assemblagen und Readymades geht es darum, gegebene Gestalten (Früchte, Wurzeln, Fahrradstangen, Spielzeugautos, Kleiderhaken, das Fadengeschlinge abgespulter Knäuel usf.) einem übergeordneten Gestaltbild als bloße Form einzuverleiben.
Je nachdem, ob man das einzelne Element oder die Gesamterscheinung focussiert, wechselt das Material seine Bedeutung. Die bezeichnende Form wird zur bezeichneten Gestalt, der Signifikant wird zum Signifikat oder umgekehrt.
Diese Kippbewegungen werden in der Plastik dynamisiert, weil sich die Beziehung von Form und Gestalt in der Allansichtigkeit weit über das vom Künstler Kontrollierbare hinaus zur Geltung bringt.
Die plastische Repräsentation der Form-Gestalt-Differenz ist für den Künstler weniger kontrollierbar als die malerische. Häufig versucht Lüpertz, den Eigensinn der allansichtigen Bronzen durch Colorierung einzuschränken.
Für die drei hier ausgestellten Plastiken hat die Colorierung aber einen anderen Effekt: sie fördert die Wahrnehmung der vielen kleinen Elementargestalten als bloße Formen. Die Elementargestalten sind hier deutlich als Körperorgane und Körperpartien auszumachen, vom Geschlechtsteil bis zum Darmgeschlinge.
Ikonographisch könnte das heißen, daß gerade die Körper- und Sinnlichkeitsasketen vom Typ Parsifal oder Künstler als Werkpriester umso mehr in ihren Gedanken und Vorstellungen obsessiv von ihrer verdrängten Leiblichkeit beherrscht werden. Auf der Betrachterseite zielt das auf die Obsession, alle Formgefüge nur noch im Hinblick auf sexuelle oder skatologische Bedeutung ansehen zu können.
Als Werkscharniere bieten die Lüpertz’schen Bronzen dem Künstler die Gelegenheit, souveräne Gesten der Selbstdistanzierung von seiner Rolle als Betrachter der eigenen Werke zu demonstrieren. Denn es fällt auf, daß gerade in den Bronzen die Kraft zum Widerruf, zur ironisch-kritischen Selbstrelativierung zum Ausdruck kommt - jedenfalls augenscheinlicher als in den Gemälden. Als Bronzen ausgeführt, überwältigen die Zwischenraumgespenster den Schöpfer selbst.