Ist die Bauhaus-Pädagogik noch aktuell?

Symposium im Josef-Albers-Museum Bottrop (8.-10.11.1983)

Bazon Brock im Josef Albers Museum Bottrop | Symposium „Ist die Bauhaus-Pädagogik noch aktuell?“ Bottrop, 8.-10.11.1983
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„In einer Zeit, die von einer allgemeinen Ratlosigkeit in der Künstler- und Gestalterausbildung gekennzeichnet ist, gibt es manchen, der sein Heil im Rückgriff auf das Bauhaus und seine Lehre sucht. Dies veranlaßte den Autor eines Buches über die Bauhaus-Pädagogik, Prof. Dr. Rainer Wick, Essen, im Josef-Albers-Museum Bottrop ein wissenschaftliches Symposium zu veranstalten, bei dem geklärt werden sollte, ob die Bauhaus-Pädagogik – 5O Jahre nach der Schließung der Schule – noch aktuell sei. Die Ausgangsfrage wurde von den meisten Referenten bejaht, von einigen wenigen jedoch strikt verneint. Auffallend war, daß man zur Untermauerung der jeweiligen Thesen meist nur bestimmte Phasen in der Geschichte des Bauhauses zitierte oder auf das Konzept eines einzelnen Bauhausmeisters Bezug nahm.

Prof. Bazon Brock (Wuppertal) trat für ein „generalistisches Studieren“ ein, das zukünftige Gestalter nicht auf bestimmte Berufe vorbereitet, sondern sie zum strategischen Handeln und zum Zurechtfinden in neuen Berufsrollen befähigt.

Prof. Claude Schnaidt (Paris) befürwortete eine strenge Verwissenschaftlichung der Gestaltung. Er bezog sich ausdrücklich auf die ehemalige Hochschule für Gestaltung in Ulm, der er als Dozent der Architekturabteilung angehörte. Damalige Ausbildungsinhalte, wie die Entwicklung von präzisen Darstellungstechniken, das Training systematischer Arbeitsorganisation oder die Anwendung geometrischer Ordnungssysteme, werden von Schnaidt noch heute in seiner Grundlehre an der Pariser Unité pédagogique d’architecture vermittelt.

Prof. Stefan Lengyel (Essen) wies darauf hin, daß bei der Konzeption eines Design-Objektes de systematische Erforschung und Berücksichtigung der Gebrauchsfunktion stets Vorrang vor formalästhetischen Entscheidungen haben sollte. Da die Funktion sowohl von physischen als auch psychischen Bedürfnissen des Benutzers abhängt, sei es im Design-Studium erforderlich, neben den rationalen Inhalten auch die sinnlichen Wahrnehmungen zu untersuchen.

Zur HfG Ulm sprach Hartmut Seeling (Düsseldorf), der seit etwa zehn Jahren an der Geschichte der Ulmer Schule arbeitet. Vielleicht lag es an diesen langjährigen Studien, daß er sein eigentliches Thema. nämlich inwieweit sich im Grundkurs der HfG wandelnde Design-Auffassungen widerspiegelten, nur peripher behandelte. Ergänzend hatte Seeling eine interessante Ausstellung von Studienarbeiten aus den Ulmer Grundlehre-Veranstaltungen organisiert.

Nach 1945 wurden Varianten des Bauhaus-Vorkurses an vielen Akademien und Werkkunstschulen eingeführt. Diese Nachahmungen stellten allerdings nur Fragmente der ursprünglichen Lehre dar, wie Dr. Wick in seinem Referat zur Bauhaus-Rezeption deutlich machte. Das eigentliche Anlegen des Bauhauses verlor stetig an Bedeutung. Viele Referenten hoben hervor, daß heute die bauhaustypische, gemeinsame Grundlehre für Architekten, Designer und Künstler durch spezifizierte Eingangsstudien abgelöst worden ist. „Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem, was Künstler wollen und Designer sollen“, charakterisierte Prof. Fritz Seitz (Hamburg) die Situation.

Einen besonderen Stellenwert in der Bottroper Veranstaltung nahm die Diskussion neuer Gestaltungslehren ein:

Prof. Hermann Sturm (Essen) verwies auf de Notwendigkeit, daß Studierende ästhetische Ordnungsrelationen kennenlernen und realisieren, indem sie an Dinge und Geschehnisse, die zur natürlichen und sozialen Welt gehören, gestaltend anknüpfen.

Eine Forschungsgruppe an der Uni Essen unter Prof. Franz Rudolf Knubel hatte 1981 –83 ein Instrumentarium zur Entfaltung der Sinne und ihrer Handhabung für künstlerische und gestalterische Berufe erarbeitet; dieses Projekt wurde erstmals öffentlich vorgestellt.

Ein ungewöhnliches Konzept einer Grundlehre trug Dr. Lib Fischer (Hamburg) vor. Sie zeigte Möglichkeiten auf, aus der künstlerischen Methode „Feldforschung“ eine alternative „allgemeine Gestaltungslehre“ abzuleiten, die nicht der Bauhaus-Tradition entspringt. – Die Publikation der Referate ist geplant. Matthias Pelke“ (aus FORM, 104/1983, S. 94)

Kommunikations-Design als Form des generalistischen Studierens