Was kostet den Kopf?

Ausgesetztes Denken der Aisthesis zwischen Abstraktion und Imagination. Dietmar Kamper zum 65. Geburtstag

brockimport 0230-orig.jpg | brockimport ID_Object 230
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Rezensionen - Die Tageszeitung vom 17.10.2001
Die Besprechung, die keine ist, wie sich später herausstellen wird, sondern selbst eine kleine Festschrift zum 65. Geburtstag des Berliner Germanisten und Philosophen, beginnt mit einer vergnüglichen Belehrung darüber, wozu Festschriften da sind. Da wird einer, der zu Beehrende, "zur Festsau erklärt" und anschließend geschlachtet. Um nämlich Platz zu machen für seine Schüler. "Akademischen Generationenwechsel" nennt dies Fritz von Klinggräff, der selbst bei Kamper studiert hat. Alsbald folgt eine Beschreibung der lebhaften Streitkultur, die in den Kolloquien Kampers gepflegt wurde, der, wie Klinggräff schreibt, am liebsten seine "loyalen Gegner" um sich scharrte: Hegelianer, Derridaisten, Baudrillardisten. Manch einer dieser Ehemaligen findet sich nun in der Festschrift wieder. Insgesamt habe Kamper die schwergewichtigen 629 Seiten nicht verdient, schreibt Klinggräff. Auch wenn sie zu ihm passten.

Seite im Original: 279

Deutschsein

Die normative Kraft des Kontrafaktischen

EINE SCHWERE ENTDEUTSCHUNG IM RAT FÜR VERGEBUNG

1994, nach einer Tagung im Goethe-Institut Paris, saßen Kamper und ich mit Freunden im Bistro. Manöverkritik: Vortragszirkus, Hochschulelend, Familiendesaster oder professorale Gockelei, routinierter Leerlauf, Försterdepression (Arbeit für eine Zukunft, mit der man nicht mehr rechnen kann). Standhalten, bis man draufgeht oder draufgehen, weil man nicht standhält? Bei solchen Tagungen konfrontiert mit der Selbstgewißheit, dem Machtbewußtsein und der Gewitztheit des Durchwurstelns von französischen, amerikanischen und italienischen Kollegen, fühlen sich die deutschen ganz und gar nichtig. Jeder Auftritt eine Übung zur Entdeutschung, jedes Gespräch eine Bitte: „Helfen auch Sie mit, uns dennoch zu lieben“. Gremienkunde: der Rat für Formgebung etwa erfüllt seine Funktion erst als Rat für Vergebung – des elenden Deutschseins.

Ich hatte in den 80er Jahren solche Gremien gegründet und mir vorgenommen, das gesamte Programm unter dem Titel „Eine schwere Entdeutschung“ 1996 im Stadttheater Wuppertal den Freunden vorzuführen. Das tat ich, aber nur wenige Freunde erschienen, auch Kamper nicht. Er hatte sich von mir Zusendung der Materialien zur schweren Entdeutschung erbeten, darunter auch nachfolgenden Text, den ich mit vielen anderen Anfang der 90-er Jahre in die vermondete Landschaft schrieb. Ich habe von Kamper dazu nichts gehört, warum? Vielleicht erfahre ich das, wenn er ihn jetzt einmal durchblättert.

Gorgonizzatevi!

[S. 280:]

Bei der Suche nach dem Deutschsein entdeckten alle, die über diesen Topos seit Goethes Zeiten nachdachten, den Typus des Barbaren, der zugleich Kulturschöpfer, Kulturbringer und Kulturheld ist. Goethe selbst entwickelt diese Figur in der Iphigenie; Kleist beschrieb die Barbareien mythischer Amazonen als Ausdruck ultimativer Kultur des Menschen, wobei diese Beschreibung zu einer Selbstrechtfertigung des Deutschen gegenüber den Stigmatisierungen französischer Feingeistigkeit wurde; Schillers Räuber sind die spektakulärsten Vertreter jener Abweichler und Revolutionäre, deren barbarische Rücksichtslosigkeit als historische Notwendigkeit gesellschaftlichen Fortschritts verstanden werden soll; Herder versuchte verzweifelt, den Barbareien lutherischer Dogmatiker im Bauernkrieg und in den Religionskriegen etwas Positives abzugewinnen, indem er über Leichenbergen auf deutschem Boden die Gestalt des Weltbürgers und des universellen Zivilisten aufsteigen ließ; Heinrich Heine hat das Treiben der deutschen Barbaren mit Perspektiven und entsprechenden Einsichten analysiert, die heute noch ihresgleichen suchen; die Gründerväter von Germanistik, Völkerkunde und Kulturgeschichte extrapolierten aus den vermeintlichen Nationalepen Charaktere wie Parzifal oder Simplizius, Siegfried oder Faustus, denen jede Absicht, nur das Gute, ja Beste zu wollen, zur barbarischen Verwüstung gerät und die umgekehrt die heroische Unempfindlichkeit entwickeln, die angeblich phrasenhafte Humanität zivilisatorischer Eliten mit dem Anspruch auf berserkerhafte Kraft auszugeizen; in Fichtes Reden an die deutsche Nation wird jegliche Barbarei zur deutschen Tugend und jede deutsche Tugend zur Barbarei.

Seither gab es unüberschaubar viele, je nach Veränderung der Lage modifizierte Varianten des Themas, unter denen die von Wagner, Nietzsche und Thomas Mann und die von Langbehn, Chamberlain und Rosenberg hervorragen. International spielten die deutschen Erörterungen eine herausragende Rolle bei der Entscheidung für den Atom- und Wasserstoffbombenbau, für das Leistungsprofil der Neutronenbombe und bei der Rechtfertigung chemisch-bakteriologischer Waffen – in all diesen Fällen ist der deutsche Topos von dem kulturschöpferischen Barbaren so zur Geltung gekommen, wie ihn bereits Alfred Nobel für sein Tun in Anspruch nahm. Er wollte eine so entsetzlich zerstörerische Waffe schaffen, daß niemand mehr wagen würde, sie anzuwenden.

Heute machen Beispiele deutscher Topmanager für die Barbarei deutscher Begriffsgläubigkeit und Prinzipiennaivität die Zeitgenossen gruseln: inzwischen wankten selbst Spitzenkonzerne wie Mercedes Benz unter den Auswirkungen der Überzeugung, am deutschen Wesen könne die Welt genesen. Sogar konkrete Erfahrungen mit der Begrenztheit unserer kollektiven Fähigkeiten und Vermögen hielten die hochlöblichen MdBs nicht davon ab, für den Ausbau Berlins als Hauptstadt in abstracto (auf dem Papier) so horrende spekulative Forderungen zu stellen, daß die Bezeichnung „faustisch“ wie Gemütskitsch klingt. (Oder sollte man daran glauben dürfen, daß solcher deutscher Aberwitz nur gefordert wurde, um den Umzug nach Berlin zu verhindern?) Es verdient besondere Beachtung, daß sich die deutschen Militärs, mit wenigen Ausnahmen, gegen die barbarische Alles-oder-nichts-Forderung überhaupt so lange resistent erwiesen haben; erst in der jüngsten Vergangenheit gaben sie ihren Widerstand auf, mit Waffengewalt die Durchsetzung papierner Prinzipien auf dem Balkan oder dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion – nach dem Beispiel des Golfkriegs – in Angriff zu nehmen.

Was die Erörterung solcher Beispiele für Deutschsein so schwierig macht, sind die historischen Tatsachen, unter deren Druck sich die Deutschen formierten. Für diese Tatsachen hatte Heine großes Gespür. Er stellt die deutsche Begriffsgläubigkeit, den Hang zu spekulativen Abstraktionen und manischer Theoriebastelei vor allem als Konsequenz der politischen und territorialen Zerstückelung Deutschlands dar, die den Deutschen nur noch den Himmel der Ideen und den inneren Kosmos der Gefühle als Aktionsfeld offenhielt. Am besten ließen sich damals diese Wolkenkuckucksheime in Gestalt großer poetischer, musikalischer, philosophischer Werke realisieren, die dieses Land der Dichter und Denker so besiedelten, wie die Engländer und Franzosen den Globus mit ihren Kolonien, Wirtschaftssystemen und Verwaltungsmaschinen überzogen.

Die deutsche Tragödie entwickelte sich, als durch die voranschreitende Industrialisierung der Wert von Konzepten, Konstrukten und spekulativen Ideen rasant anwuchs, wodurch die Deutschen um 1900 als führende Wissenschaftsmacht auch weltliches Gewicht mit entsprechender industrieller Produktion erhielten. In der Folge wurden die Deutschen verführt zu glauben, daß Ideen Berge versetzen können, weil angewandtes Wissen Macht sei. Sie verstanden aber niemals, daß die Anwendung von spekulativem Wissen ganz andere politische und soziale Logiken verlangt, als sie in Denkerstuben, Künstlerateliers, auf Opernbühnen oder an Weihespielorten herrschen. Fatalerweise wurde diese machtversessene Innerlichkeit von höchster deutscher Autorität als Beweis ohne Widerlegungsmöglichkeit (und damit ohne Widerrufbarkeit, ohne radikale Kritik und Würdigung des Lügens) gestützt, denn schon Hegel hatte den radikalen Zirkel der Argumentation geschlossen: Wenn die Ideen die Wirklichkeit nicht zu beherrschen vermögen, sei das umso schlimmer für die Wirklichkeit. Alle zivilisierten Länder hingegen hatten sich bemüht, den Barbareien reiner Prinzipiengläubigkeit zu entgehen. Fiat justitia pereat mundus, lautete die kritikwürdige Maxime: Es ist Wahnsinn, Recht und Gesetz unter allen Umständen durchsetzen zu wollen, wenn bei dieser Verwirklichung hehrer Ziele die Welt in Stücke fällt. Die Deutschen blieben dabei, tugendhafte Pflege selbst dann zu rechtfertigen, wenn das Hegebedürftige durch Pflege zerstört würde oder die Mutterliebe die Lieblinge erstickte. Ihnen blieb der Gedanke verschlossen, daß Dienst nach Vorschrift einer Sabotage gleichkommt und daß der Kadavergehorsam zwangsläufig Kadaver produzieren muß.

Natürlich sind solche Generalisierungen nur für den Versuch gerechtfertigt, auf ein Problem besonders drastisch aufmerksam zu machen. Wir vergessen dabei nicht, daß sich Herder und Humboldt, Goethe und Fontane, Thomas Mann (ab 1923) und viele nach 1933 ausgeschaltete Wissenschaftler, Künstler und Politiker den deutschen Denkkrämpfen entzogen. Sie durchschauten die kulturell verbrämte Willkür und weigerten sich, den radikalen Auffassungen eine Gloriole des verborgenen Tiefsinns umzuhängen. Sie folgten nicht der verführerischen Behauptung, jene Geistesprodukte seien am höchsten einzuschätzen, die sich jeglichem humanen Maß der Verhältnismäßigkeit und der Rationalität mit deklariertem Mutwillen verweigern. Aber – und damit überschreiten wir die üblichen Argumente zum Thema – Mutwille, Willkür, Bösartigkeit kann man nicht als irrationale Größen abtun, indem man sie mit dem Bannfluch der Inhumanität belegt. Sehnsucht nach Überlegenheit, Verbindlichkeit und Dauer läßt sich nicht als Merkmal faschistoider/autoritärer Persönlichkeiten abwehren. Rassenlehre, Sozialdarwinismus und Euthanasie werden durch ihre Kennzeichnung als pseudowissenschaftlich nicht zurückgewiesen, da sie nun mal der Wissenschaft entstammen.

In all diesen Fällen blieben und bleiben die Versuche, zu relativieren, zurückzuweisen oder zu widerlegen, erfolglos, wenn der gewollte Widersinn, die bewußte Mutwilligkeit und die erklärte Falschheit als Triumph über die Fesseln der Rationalität, der Erfahrung und der Selbstbeschränkung gewertet werden.

Daß man das Gute unbedingt will und gerade deshalb das Böse schafft, ist seit der Französischen Revolution allgemeine, nichtdeutsche Erfahrung. Denn wer könnte schon den Guten, die Gutes wollen, entgegentreten: also zum Beispiel den religiösen, den ökologischen und politischen Fundamentalisten, den Welterlösern, den Weltrettern, den Weltverbesserern? Aber den erklärten böswilligen Weltzerstörern, den Totschlägern, Brandlegern, Vergewaltigern gelingt vielleicht die Herausforderung einer Gegenwehr der Guten!

Mit solchen oder ähnlichen Vorstellungen rechtfertigt man alle Ästhetiken des Schreckens, die de Sade’sche Aufklärung, die Zulassung von Pornographie und die der demonstrativen, symbolischen Gewalt als TV-Programm oder als Märchen. Es gibt Zweifel an der Haltbarkeit dieser Auffassung und Hinweise darauf, daß das Erschrecken vor dem Schrecklichen nicht kathartisch wirkt, sondern zur Nachahmung verführt. Es mag zwar in einer Hinsicht richtig sein, daß die von Jugendlichen oder anderen Minderheiten provozierte Reaktion elterlicher oder staatlicher Autorität dem Bedürfnis entspricht, endlich auf verbindliche Weise Grenzen gesetzt zu erhalten. Aber einer zeitgemäßen, d.h. heute schon abschätzbaren Entwicklung der deutschen Verhältnisse zu einem allgegenwärtigen „Los Angeles“ wird diese Strategie der Entgrenzung, um auf Widerstand zu stoßen, kaum gerecht. Warum? Weil andererseits in weiten Teilen der Welt der ehemals vornehmlich deutsche Fundamentalismus, der Terror abstrakter Ideen, Erfolge zeitigt (siehe Jugoslawien, Irland, Armenien, Aserbaidschan, Indien usw.), die für die Welt wohl genauso bedrohlich sind wie zu Zeiten Hitlers oder Stalins, dessen totalitäre Mission immerhin wesentlich durch Marx’schen Deutschdenk begründet wurde. Auf diesen Bahnen dürfte die Auseinandersetzung bestenfalls zum Gleichgewicht des Schreckens führen, dessen Stabilität auf Dauer fragwürdig bliebe.

Läßt sich gerade aus der deutschen Katastrophe ein dritter Weg zwischen totalitärer Verwirklichung von Ideen und vollständigem Verzicht auf ideengeleitetes Handeln begründen? Dazu später ein paar Vermutungen. Zuvor müssen wir uns auf Aspekte des Deutschseins einlassen, die zwar nicht spezifisch deutsch sind, aber in Deutschland, bei Deutschen extrem in Erscheinung traten. Deutschsein war, wie oben angedeutet, zunächst vor allem die Fähigkeit, kontrafaktischen Behauptungen Bedeutung zuzugestehen und damit den geistigen und seelischen Energien der Menschen Leistungen abzuverlangen, die in einem befriedeten Dasein wohl kaum entstünden. Daß die Deutschen diesen kontrafaktischen Behauptungen auf falsche Weise entsprachen, hat die Geschichte erwiesen. Sie nutzten die Utopie nicht zur Begründung von Kritik [an] ideologischen Wahrheitsbehauptungen, sondern verstanden sie als Handlungsanleitung. Das führte in begrenzten Einzelfällen zu spektakulären Erfolgen. Beispiel: Schliemanns Disposition zum kontrafaktischen Lesen der homerischen Epen brachte Troja und Mykene ans Licht. Gegenüber solchen Triumphen muß aber die Tatsache wach gehalten werden, daß die Disposition der Deutschen, eine wissenschaftlich ausgewiesene „Rassenlehre“ kontrafaktisch als Anleitung zur Höherzüchtung des deutschen Volkes zu „lesen“, zum Bau und Betrieb von Menschenvernichtungslagern führte. Aus dieser Dimension des Deutschseins ließe sich für eine zukünftige supranationale Gemeinschaft wahrscheinlich die deutsche Begabung für Utopien erhalten, will sagen, die Begabung für Kritik an der Wahrheit, vor allem deswegen, weil die meisten den Menschen zugemuteten Wahrheiten ziemlich grausam sind.

Deutschsein kennzeichnete aber auch immer ein Auswahl- und Unterscheidungsmuster, dessen Theorie der Carl Schmitt’sche Dezisionismus lieferte. Dieses Unterscheidungsmuster fand seine furchtbarste Ausprägung in der Rampenselektion zu Auschwitz. Das Verfahren läßt sich aber mit Verweis auf diese historische Anwendung nicht erledigen, leider. Die Bereitschaft von Menschen, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden, muß nicht erzwungen werden. Sie liegt nun einmal, wie immer man das begründet, für Menschen nahe. Der bis heute wahrscheinlich einzig haltbare Gedanke von Carl Schmitt ist der, im Feinde sich selbst als den Anderen zu sehen, also die Freund-Feind-Klassifizierung als Resultat fiktiv angenommener und sozial durchgesetzter Identität des Menschen zu verstehen. Wir gehen nicht in dem auf, was uns als personalen wie sozialen Identitäten abverlangt wird. Alles, was wir von uns nicht in die Prokrustesform abgepreßter Identität hineinzwingen können, wird als eigene Fremdheitserfahrung und Bedrohung zum Feindbild stilisiert. Deutsche haben besondere Erfahrung mit der Selbstzerfleischung der verschiedenen Seelen in einer Brust. Deshalb konnten sie auch mit ihren Feinden das aufrichtigste Mitgefühl empfinden; zumindest, so sagte selbst Himmler 1943 vor SS-Führern, wußten auch die rigidesten Vernichter der Feinde, wie erschütternd es sei, Dutzende, Hunderte, ja Tausende Tote vor sich zu haben. Gegen derartige Bekundungen empört sich jeder, der sie hört. Sie sind unerträglich, aber wir müssen sie uns dennoch zumuten, weil in ihnen eben eine dieser grausamen Wahrheiten steckt, auf die sich das Verlangen nach Rechtfertigung und Entsühnung stützt. Es bedarf nur geringer Abweichungen von der traditionsgeleiteten, von Gewohnheiten gesteuerten und in banaler Evidenz vertrauten Normalität, um zu Unterscheidungen gezwungen zu werden, die jeder faktischen, empirisch nachprüfbaren Basis entbehren.

Die uns beherrschende Logik unserer natürlichen Dummheit legt den Dualismus von gläubig-ungläubig, treu-untreu oder freundlich-feindlich nahe als simpelste Form der Attributierung. Sie besteht nur aus einer Operation, nämlich zuzustimmen oder abzulehnen, ja oder nein zu sagen – und mit jeder Zustimmung wird die Fiktion dessen gesetzt, was man folgerichtig ablehnen müsse. Dieses Verfahren beherrscht heute die Steuerung technischer Prozesse, die ebenfalls auf der Binarität von Null und Eins, von Impuls und Nicht-Impuls beruht. Aus dieser Analogie scheint sich auch die Tatsache zu erklären, daß in Deutschland höchste technische Funktionalität mit dem kulturellen Fundamentalismus (Blut und Boden) vereinbar war.

Deutschsein als Unterscheidungsmuster ist insofern ein allgemein menschliches, als die Eingrenzung der Gruppe der Freunde ganz inhaltslos, also rein formal zur Ausgrenzung der Anderen, der Feinde führt. Weil unterschieden werden muß zwischen den einen und den anderen, zwischen links und rechts, vorne und hinten, oben und unten, und dieser reine Formalismus schwer zu ertragen ist, wird er mit Fiktionen untermauert, unter denen sich die der nationalen Identität als besonders einleuchtend erwiesen hat. Im Kern soll sie Loyalität der Bürger mit dem Staat erzwingen.
Nichts hat sich in Deutschland zur Erpressung von Loyalitäten derart geeignet wie die radikale Konfrontation von nationaler Kultur und universeller Zivilisation, und damit wären wir bei der dritten wesentlichen Bestimmung des Deutschseins. Auch sie ist offensichtlich gegenwärtig für die Durchsetzung der Fiktion ethnischer, völkischer, staatlicher und nationaler Eigenständigkeit und Unabhängigkeit in aller Welt bedeutsam geworden. Als verspätete Nation und auch verspätet modernisierte, also industrialisierte Nation haben die Deutschen die rücksichtslose Ausspielung der Kultur gegen die Standards universeller technischer Produktion, des Welthandels und der politischen Demokratisierung/Amerikanisierung besonders nachdrücklich betrieben.

Diese Positionen des Deutschseins müssen wir heute ohne Berührungsängste vergegenwärtigen, weil sie sich national und international grausam zur Geltung bringen. Die Serbenführer berufen sich auf sie genauso wie alle anderen Re- und Antigruppierungen: die Antisozialisten, die Antisemiten, die Komitees zur nationalen Rettung in Rußland, aber auch bei uns diejenigen, die Deutschland wieder als Großmacht mit entsprechender Aktionsverpflichtung herbeiphantasieren, respektive Deutschland zum Retter und Beglücker der restlichen Welt ins Spiel bringen. Alle bemänteln diese Wiederholung historisch widerlegter Selbstverpflichtungen als humanitäre Gesinnung, die wir der UNO oder der Völkergemeinschaft schuldig seien. Vor allem fordern sie alle die Reaktivierung des Kulturkampfes gegen Internationalismus und Universalismus der Zivilisation. Mit geradezu missionarischem Eifer setzen die Kulturautonomisten Zivilisationsstandards außer Kraft. Da werden wieder Schändung, Verstümmelung und Vergewaltigung der „Feinde“ zum Beleg höchsten Anspruchs auf kulturelle Besonderheit.

Auf diese Zumutungen kann man nur mit der Empfehlung reagieren, die kulturellen Ansprüche der vielen Minderheiten in Deutschland entschieden zurückzuweisen. Nach dem zweiten Weltkrieg haben die Verfasser des Grundgesetzes mit guten Gründen im Föderalismus mit regionaler Kulturhoheit die Möglichkeit gesehen, dem kulturell verbrämten Terror zentralistischer Macht entgegenzuwirken. Aber solcher Kulturföderalismus hat Grenzen, die jetzt sichtbar werden, wo diverse Minderheiten der BRD mit dem Postulat auf political correctness je eigene Museen, Universitäten, Kindergärten und Schulen einfordern, weil nur so ihr grundgesetzliches Recht auf kulturelle Selbstbestimmung einzulösen sei. Die desaströsen Folgen solcher vermeintlich verbriefter Auslegung von Grundrechten sind abschätzbar. Sie führen unmittelbar zur Paralysierung der Arbeit in öffentlichen Institutionen – ganz zu schweigen von dem Ruin der öffentlichen Haushalte. Weltweit legitimieren sich schiere Machtkämpfe, auch als Verteilungskämpfe, mit der Fiktion, es ginge um die Wahrung kultureller Selbstbestimmung. Ob man das nun als Etablierung permanenter Bürgerkriege oder als Mafiotisierung der Gesellschaft beschreibt, ist gleichgültig.

Im Grunde ist das gesamte Konzept von Modernität seit gut 200 Jahren gegen die zerstörerische Kraft der regionalen Kultur entwickelt worden. Die Moderne wollte den bornierten Kulturkämpfen entgehen, indem sie der Gesellschaft eine radikale Umorientierung von der Fixierung auf kulturelle Identitäten hin zur universalen Zivilisation nahelegte. Die Kulturfeindlichkeit der Moderne, die gerade von volkstümelnden Minderheiten beklagt wurde, hat in dieser Vorgabe von Universalität der Zivilisation ihren Grund. Folgerichtig wurde von den Modernen als nachahmenswürdiges Beispiel einer solchen kulturenübergreifenden Zivilisation immer wieder das Konzept der antik-römischen civitas anempfohlen. Der moderne Klassizismus in Italien, England, Frankreich, schließlich in Deutschland und im Einflußbereich des sowjetischen Sozialismus berief sich auf diese römische civitas, die in der amerikanischen und französischen Revolution auch auf der Ebene rechtlicher Ausformulierung beispielhaft wurde. Gegenwärtig erfährt diese Konzeption eine veränderte Begründung, insofern man nicht mehr darauf hoffen kann, daß sich die konstitutiven und regulativen Ideen einer Weltgesellschaft und Weltzivilisation als machtvolle Vorstellung den Menschen einschreiben werden; sehr viel aussichtsreicher sind die gemeinsamen Ohnmachtserfahrungen aller Menschen angesichts schier unlösbarer Probleme, wie denen der Ökologie und der explosionsartigen Zunahme der Weltbevölkerung. Vor diesen drohenden Katastrophen nehmen sich die bekundeten religiösen und kulturellen Gemeinsamkeiten von Minderheiten wie rituelle Beschwörungen aus, man brauche nur genügend Willen und Durchsetzungskraft, um alles zu erreichen, was den eigenen Überzeugungen, im Unterschied zu denen anderer, entspricht: also als Beschwörung der Macht des Kontrafaktischen, das sich etwa in einer Öko-Diktatur zur Geltung bringen ließe. Wie man gemeinsame Ohnmachtserfahrungen zur Kraft der Veränderung werden lassen kann, ohne auf die historischen Muster des totalitären Terrors zurückzugreifen – diesen Fragen muß gegenwärtig unsere Aufmerksamkeit gelten, anstatt die Ressourcen dafür zu verschwenden, Verbindlichkeiten der sozialen Gemeinschaften kulturell zu begründen. Heutzutage erfahren alle wie immer legitimierten Mächtigen, daß mit dieser Macht nichts mehr getan ist, daß sie ihre Handlungsfähigkeit eingebüßt haben. Die Bürger büßen sogar ihre Fähigkeit ein, noch über diese Sachverhalte zu kommunizieren, wodurch sie in den Kurzschluß getrieben werden, das Vakuum der selbstzerstörerischen Macht ließe sich nur durch noch größere Machtansammlung füllen. Ein verständlicher, aber tragischer Irrtum, wie die Geschichte lehrt – vor allem die Geschichte des Deutschseins.