Bauhaus

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 580

Das Bauhaus als Biskuit – gegen retrospektive Prophetien

Bauhaus? Nun ja. Vorkurs, Grundlehre, Kooperation von Formmeistern und Werkmeistern, Einheit von Kunst und Technik – das war vielleicht einmal ganz attraktiv, aber heute ist es wohl kaum noch der Rede wert. Wer gibt schon etwas auf Programmatiken? Und herausgekommen ist ja kaum mehr als höheres Kunstgewerbe.

Wenn das kaum der Rede wert ist, warum dann die zahllosen Studien zur Geschichte des Bauhauses in Weimar, Dessau und Berlin, in Tel Aviv, Chicago und Cambridge? Warum ist es dann nicht möglich, irgendein Gespräch über die Zukunft industrieller Gestaltung, über Curricula der Studien oder über das Selbstverständnis von Künstlern und Designern zu führen, in dem auch nur die Erwähnung des Namens oder Begriffs „Bauhaus“ vermieden werden könnte?

Die am weitesten verbreitete Antwort auf diese Frage lautet: Das Unternehmen Bauhaus fiel den rigiden und bornierten Polit- und Kulturstrategien der Nationalsozialisten wie der Universalsozialisten zum Opfer. Aus eigener Erfahrung eng begrenzter Durchsetzungsfähigkeit neigen wir dazu, uns mit den Bauhäuslern als Opfern zu identifizieren. Wir vollziehen eine Art Wiedergutmachung für uns selbst, wenn wir darstellen, was den Bauhäuslern angetan wurde. Und dann legen wir uns ins Zeug für eine retrospektive Prophetie: Was hätte aus dem Bauhaus werden können, wenn es geworden wäre, was es nie war, weil es das nicht sein durfte? Wie hätte sich unser Verständnis kultureller Produktion verändert, wenn auch wir zu Bauhäuslern geworden wären als Gemeinschaft der vervielfältigten Gropiusse: mit direktoraler Entscheidungsautonomie, gewandt im Umgang mit Unternehmern, Meinungsmachern und Politikern – ökologischen Parametern so selbstverständlich verpflichtet wie dem wirtschaftlichen Nutzen und den zukünftigen Generationen?

Wer sich die ausgemalten Prophetien ansieht, erlebt eine Überraschung. Wir sind genau das geworden, was wir uns als verhinderte Bauhäusler nie zu werden getraut haben. Mit uns triumphiert das Bauhaus als erfolgreichste Unternehmung von Kulturpraxis im 20. Jahrhundert. Wer würde noch darauf verzichten, für seine Arbeit avancierteste Technologien und Methoden des Experimentierens zu verwenden? Wer verweigert sich der massenhaften Verbreitung seiner Produkte? Wer legitimiert sich nicht als teamfähig, gerade weil er als selbstbewußtes Individuum auftreten kann? Wer hält nicht selbstverständlich die Balance zwischen ökonomischem Nutzen und spiritueller Selbstbefriedigung? Wer befördert nicht seinen Erfolg systematisch durch „Parteiung“ in exklusiven Gemeinschaften auf der Basis gegenseitiger „Berühmung“?

Mit historischen Begriffen heißt das: Wir alle akzeptieren den Produktionscharakter jeden Arbeitens; wir anerkennen den Primat des Funktionalismus inklusive der ästhetischen, psychologischen und sozialen Funktionen. Wir unterwerfen uns der Einheit von Lebensformen mit körperlicher Ertüchtigung, Psychotherapie, gesunder Ernährung und Lebensplanung. Insbesondere aber sind wir bereit, selbstverständlich als vorherrschenden Stil der klassischen Moderne den des Bauhauses auszugeben, obwohl er quantitativ für Architektur und Design, Dekor und Mode faktisch kaum ins Gewicht fällt. Diese Diskrepanz zwischen deklariertem Modernitätsbewußtsein der Gesamtpopulation und dem „business as usual“ erzeugt eine Art von Bekenntnisekel vor dem Bauhaus, aus dem sich die historisch distanzierenden Urteile begründen lassen. Es ist der Ekel vor dem Erfolg des Bauhauses als Rechtfertigungsideologie.

Wir möchten nicht rechtfertigen oder gerechtfertigt sehen:

• Hitler auf dem Freischwinger. Es ist uns unerträglich, daß Naziprogramme wie „Schönheit der Arbeit“ und „Kraft durch Freude“ genuiner Ausdruck jener Modernität gewesen sind, die wir gern als ohnmächtiges Opfer des Totalitarismus rein erhalten wollen. Wir wollen nicht akzeptieren, daß die programmatische Verwirklichung von Modernität weltweit zumindest totalitäre Züge annahm und weiterhin annehmen wird;
• daß Gropius und Mies ohne programmatische Verrenkungen für das Dritte Reich Ausstellungen veranstalten konnten und tatsächlich gestalteten, die bis heute beispielhaft sind;
• daß zumindest bis 1936 einige junge Nationalsozialisten dem Bauhaus als ihrem Ausdruck von Modernitätsbewußtsein huldigten;
• daß in der Architektur der Funktionsbauten Bauhausmodernität während des gesamten Dritten Reiches vorbildlich blieb;
• daß sich die Funktionslogiken von Modernität vorrangig im Waffendesign des 20. Jahrhunderts durchsetzten (noch heute wagt es niemand, diesen Spitzenleistungen moderner Designer alle Preise der „Guten Form“ zu verleihen, deren Kriterien sie wie keine andere Produktgruppe erfüllen).

Und umgekehrt weigern wir uns, anzuerkennen, daß die Modernisten, allen voran die Bauhäusler, mindestens ebenso esoterische Propheten des spirituellen Heils gewesen sind, wie sie dem formalistischen Kalkül huldigten. Die historischen Begriffe von Gropius hießen „Magie“ und „Geistigkeit“. Ihre Formen der Gemeinschaft entstammten den gleichen Quellen wie die deklarierte Volksgemeinschaft oder gar die Orden der Naziaktivisten mitsamt den Konzepten der nationalpolitischen Erziehungsanstalten.

Wir kamen nicht umhin, derartige Rechtfertigungsversuche mit Blick auf Heidegger und Benn, Jünger und Carl Schmitt zur Kenntnis zu nehmen – selbstverständlich ohne jede Konsequenz für unser Selbstbewußtsein als Repräsentanten der Moderne. Sollten wir jetzt auch noch gezwungen werden, die Bauhausheroen Gropius und Mies, von anderen ganz zu schweigen, solch zweifelhafter Aufklärung zu unterwerfen? Das lehnen wir ab.

Studien wie die von Elaine Hochman zu Mies van der Rohe und den Dritte Reich [1] werden ebensowenig ins Deutsche übersetzt, wie die von Hannah Arendt ins Hebräische. Noch prekärer ist es, trotz Thomas Manns früher Vorgabe von „Bruder Hitler“, auch nur ansatzweise verschämt zu bedenken, was aus unserer Selbsterhebung zum neuen, modernen Menschen würde, stellten wir uns der Zumutung, in Stalin und Hitler die wahren Repräsentanten absoluter Modernität sehen zu sollen. Da bleiben wir besser bei dem schönen Proustschen Zeremoniell: wir portionieren das Bauhaus zu delikatem Gebäck nach Gesundbeterrezepten und tunken auf Bauhauskongressen gemeinsam das Bauhausbiskuit in Gesundheitstee, um in Erinnerungen an die verlorene Moderne zu schwelgen. Kindliche Erinnerungen an das, was es nie gab.

Wir stilisieren Moderne und vor allem das Bauhaus als ihren glänzendsten Repräsentanten zu kontrafaktischen Behauptungen. Die Rückwirkungen solcher Geschichtsstilisierungen auf unser Bewußtsein zeitgenössischer Modernität sind aber noch viel verheerender, als es die des Abschieds von der unschuldigen Reinheit der Moderne wären. Die normative Kraft des Kontrafaktischen ist stets mächtiger als die des Faktischen. Deswegen wirken die Versuche, eine andere, eine Zweite Moderne zu entwickeln, so schwach oder gar verloren. Denn diese Versuche müßten ja mit den historischen Fakten rechnen, also mit der Realität; die wäre aber nur eine, wenn sie sich nicht den noch so humanen Vorstellungen und noch so wünschenswerten Gestaltungsprogrammen unserer Zukunft beugte. Beugt sich die Realität unseren Wünschen nicht, verlieren wir zwangsläufig den Impetus, auf sie gestaltend mit Erfolg einwirken zu können. Das aber käme dem Eingeständnis unserer Ohnmacht gleich.

Weltweit gibt es aber bisher nur einen einzigen Versuch, aus dem radikalen Eingeständnis der Ohnmacht das menschliche Verhältnis zur Realität zu begründen – im Christentum mit seinem Gründungsakt der Kreuzigung aller Heilsbringer, Kulturheroen und Führer. Heißt das, unsere wahrhaft zeitgemäßen Beschäftigungen mit dem Bauhaus hätten darauf hinauszulaufen, das historische Bauhaus und seine Heroen zu kreuzigen, damit sich am Scheitern dieses Unternehmens, absolut modern zu sein, seine wahre Beispielhaftigkeit fruchtbringend anerkennen ließe? Was bei diesem Versuch herauskäme, bleibt bis auf weiteres offen.

Ich vermute, daß die Bauhäusler in den USA derart überzeugend wirkend konnten, weil die amerikanischen Eliten noch homogen christlich geprägt waren. Die Pioniergesellschaften folgten noch weitgehend sozialen Kooperationsmustern, die Gropius mit der Ableitung des Programmnamens „Bauhaus“ aus den christlichen Bauhütten reaktivieren wollte. Amerikaner konnten vorbehaltloser die Begründung von Modernität aus christlicher Gemeinschaftsbildung akzeptieren als die von Nietzsches Modernitätskonzept überwältigten Europäer. Nietzsche gewann seine Vorstellungen aus der simplen Verkehrung von Erleiden in Triumphieren, von Gemeinschaft der Ohnmächtigen in die eisige Singularität machtvoller Heroen. Amerikanische Pioniere waren sich ihrer Abhängigkeit von den Gemeinschaften, die sie trugen, bewußt; sie dachten egalitär. Ihre zivilisatorischen Leistungen waren von Nietzsches Aberwitzigkeiten her nicht zu bestimmen. An dessen Vorstellungen gemessen, arbeiteten die Amerikaner geradezu unmodern christlich und alteuropäisch – ein Begriff, mit dem man expressiv verbis bereits im Ersten Weltkrieg zu klären versuchte, ob dieser Krieg aus der konsequenten Modernisierungsforderung resultierte oder aber das Resultat der Verweigerung von Modernität sei.

Der amerikanische Missionarismus der Präsidenten Wilson, Roosevelt, Truman oder Kennedy und der Missionarismus von Zivilisatoren vom Typ Fords bezogen ihre Dynamik nicht aus dem Bruch mit christlich begründeter Gemeinschaftsbildung, sondern aus ihrer Optimierung.

Der Erfolg des Bauhauskonzepts in den USA ließe sich als Fähigkeit der Amerikaner verstehen, die Bauhausmoderne nicht als radikalen Umbruch zu werten, wie das speziell in Deutschland behauptet wurde. Zu fragen bleibt, ob die Bedeutung des Bauhauses nicht tatsächlich darin zu sehen ist – im Sinne Webers gegen Nietzsche –, die Kontinuität alteuropäischer christlicher Weltverständnisse gewahrt zu haben, anstatt die Moderne als radikale Verabschiedung ihrer europäischen Wurzeln zu behaupten.

[1] Elaine Hochmann: Architects of Fortune. Mies Van Der Rohe and the Third Reich. New York 1990.