Küppersmühle – Sammlung Grothe

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Das Gemälde ‚Ansprache‘

(Öl auf Leinwand, 270 x 180 cm, 1991, Sammlung Grothe, Bonn):

eröffnet den Blick in einen nicht weiter definierten Raum, in dem drei reale und zwei virtuelle Personen agieren. Im Bildvordergrund ein grüner Holztisch mit Notenblatt, auf dem Notenblatt Tomaten und eine amorphe Erdscholle, in deren Oberfläche erntende Bauern auf Kornfeldern sichtbar werden. Eine weitere amorphe Erdscholle liegt neben dem Tisch auf dem Dielenboden des Raumes. Diese Realitätsfladen bilden in der Ikonographie Immendorffs ein Äquivalent zu den Eisschollen des Kalten Krieges. Im Bildmittelgrund sitzt vor dem Tisch in inspirierter Versunkenheit der Maler Baselitz Violine spielend, auf seiner rechten Schulter ein weiterer Realitätsfladen. Über der Lehne des Sessels ist im nachtblauen Licht die Gestalt Joseph Beuys’ vor einem Restauranttisch mit Gedeck und brennender Kerze zu sehen. Im rechten Bildhintergrund, von der Sessellehne überschnitten, spricht der Immendorff-Galerist Michael Werner zwei Bildentwürfe an, die ihm sein Hauskünstler gerade zeigt. Auf der linken Seite des Bildhintergrundes derselbe Hauskünstler mit diabolischen Zügen; aus seinem linken stark ausgeleuchteten, aber geschlossenen Auge quillt in Tränenform ein vierter Realitätsfladen, in dessen korngelbem Gefüge weitere Szenen des mühevollen Arbeitslebens erkennbar sind. Dem Körper des verdunkelten Künstlers ist die transparente Silhouette der äffischen Weisheit aufgeblendet.

Das Gemälde‘Der Bildhauer im Maler ist sein bester Feind‘ (Nr. 3) bietet Einsicht in Immendorffs Atelier. Im Vordergrund wird der Betrachterblick mit einer Skulptur konfrontiert. Zu identifizieren sind vier hockende, kauernde Gestalten – eine im Seitenprofil, zwei in Rückenansicht, eine en face. Aus der dichtgedrängten Gruppe ragt ein weiblicher Akt auf – upside down. Deutlich wird die Gruppe als Bildhauerwerk in Holz wiedergegeben, denn die abgeschlagenen Splitter sind um die Gruppe auf dem Boden der Werkstatt zu sehen. Im rechten Bildhintergrund ein kraftvoll devastierter Tisch mit Malerutensilien. Den Horizont des Ateliers bildet eine Reihe von Stelen, auf denen skulpturale Logos des Immendorff’schen Bilderkosmos stehen. Die Stelenreihe überblendet eine Inschrift mit dem Titel des Gemäldes in zartem Wangenrosa, dessen Abglanz das gesamte Atelier durchstrahlt, wodurch sich die Grau-in-Grau-Farbigkeit des Bildes gespenstisch belebt.

Die im Gemälde dargestellte Skulptur hat Immendorff tatsächlich in Holz ausgeführt (Ohne Titel, 1986). Sie hat die Anmutung eines Osterinseltotems als Denkmal für jenen Künstlerbund, den seit Jahrzehnten die Künstler Penck, Immendorff, Baselitz und Lüpertz um ihren Handelsvertreter Michael Werner bilden. Der Galerist hockt buchstäblich auf einem Vertragskodex, von dem einzelne Worte zu lesen sind: "Rechnung/Richtung/Richtige und wer wen up and down bewegt". Der Merkur Werner umfaßt mit ausgebreitetem Arm einerseits den Genius der Widerspiegelungskünste, den Protomenschen, und wehrt andererseits Lüpertz, der einige seiner Werke auslobt, ab. Penck hat sich versteinert nach außen gedreht, dem Anflug göttlicher und sozialer Kälte ausgesetzt. Baselitz meditiert in souveräner Innerlichkeit über sein Zentralmotiv des Upside-down (den kopfstehenden Akt); Immendorff, vom Sternentattoo der Himmelsbläue überzogen, werkelt beflissen.

Bemalte Skulptur und malerische Darstellung der Skulptur verweisen auf grundlegende Konflikte im Denken bildender Künstler: Allansichtigkeit gegen Frontalsicht; Farbe als Eigenschaft von Körper versus Körperlichkeit der Farbe; Plastizität gegen Flächigkeit, imaginierte Tiefensicht gegen reale Materialpräsenz; Widerständigkeit der Objekte gegen beliebige Manipulierbarkeit der Vorstellung und schließlich die Herausforderung in der ständigen Entscheidung, durch Hinzufügen oder durch Wegnehmen zu gestalten. Diese Konflikte sind nicht zu lösen, sondern darzustellen. Bezogen auf die Ikonographie der Skulptur heißt das: Künstlers Kampfbund bilden verwandte Seelen, gerade weil sie sich sonst als wilde Konkurrenz wechselseitig erledigen würden.